15:35 20 Oktober 2018
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    „Russland: Eskalation im Medienkino“ – Wenn antirussische Propaganda hysterisch wird

    © AP Photo / Dmitri Lovetsky
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    Andreas Peter
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    Eine Podiumsdiskussion in München, veranstaltet vom Online-Nachrichtenportal „Telepolis“, widmet sich am Mittwochabend dem Thema „Russland: Eskalation im Medienkino“. Einer der Gesprächsgäste ist der Autor Mathias Bröckers. Sputnik sprach im Vorfeld mit ihm über die westliche Berichterstattung über Russland.

    Mathias Bröckers ist es gewohnt, dass gegen ihn regelmäßig die Totschlagskeule „Verschwörungstheoretiker“ geschwungen wird, um inhaltliche Debatten mit ihm zu vermeiden. Das gleiche Prinzip, also Ablenkung von Inhalten und Fakten durch möglichst spektakuläre und nur schwer zu überprüfende Propagandavorwürfe, findet sich in der Mehrzahl der Berichterstattung deutscher Medien zu und über Russland. Deshalb der Begriff „Medienkino“ für das Thema der Diskussionsrunde, den Bröckers so erklärt:

    „Auf gut Deutsch gesagt, wird im Medienkino jede Woche eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Es werden Themen hochgefahren, die dann auf einmal überall, von morgens bis abends, in Zeitungen, Radio, Fernsehsendern gesendet werden. Plötzlich ist es dann auf einmal wieder vorbei und man hört gar nichts mehr. Die Themen oder die Dinge werden auch gar nicht zu Ende erzählt oder zu Ende erklärt.“

    Das ist eine ungemein nützliche Taktik für jene, die sie anwenden. Zum einen bleibt Russland in negativer Erinnerung bei Lesern und Zuschauern, sozusagen dauerverdächtig. Zum anderen wird so vermieden, die Unlogik in westlicher Anti-Russland-Propaganda zu erklären. Bestes Beispiel: die Rüstungsausgaben. Bekanntlich wird hartnäckig in allen Medien, gleich ob öffentlich-rechtlich oder privat, das Argument wiederholt, der Westen müsse wegen der ungeheuren russischen Bedrohung seine Rüstungsausgaben unbedingt erhöhen.

    Spiel mit Zahlen

    Zahlen erfahren die Zuschauer und Leser dagegen kaum. Deshalb noch einmal hier im Vergleich: Die USA und die anderen 28 NATO-Staaten gaben 2017 zusammen rund 900 Milliarden US-Dollar für Rüstung aus. Russland hat seine Rüstungsausgaben im vergangen Jahr um 13,9 Milliarden US-Dollar auf 66,3 Milliarden gesenkt – eindeutig eine ungeheure Bedrohung. Weil diese westliche Propaganda inzwischen immer mehr Menschen auffällt, beziffern westliche Medien die russischen Rüstungsausgaben gerne in Rubeln. Das sind bei den derzeitigen Wechselkursen deutlich über 2 Billionen Rubel. Die westlichen Medienprofis wissen natürlich, dass die allermeisten ihrer Zuschauer und Leser nur die Zahl Billion im Kopf abspeichern.

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    Bröckers ist nicht der Einzige, der den Eindruck hat, dass, was immer auf dem Globus derzeit geschieht, der russische Präsident Schuld ist:

    „Das ist ja schon lange gang und gäbe. Mit dieser Vergiftung der Skripals in England hat das dann völlig hysterische Dimensionen erreicht. Da war ja noch überhaupt nichts geklärt und schon war die Schuldfrage in allen Medien völlig klar. Das Urteil stand vor der Beweisaufnahme, wenn man es mal in gerichtlichen Metaphern ausdrücken will. Das spricht für eine Art von Hysterie, die hier in den Medien erzeugt wird, wenn es irgendwie um Russland gehrt. Als Leser oder sagen wir mal als Normalmensch, der nicht zehn oder fünfzehn Medien und Webseiten aus verschiedenen Ecken der Welt liest und interpretieren kann, kann man wirklich zu dem Eindruck kommen, dass die Russen hier morgen vor Berlin stehen und uns angreifen, so ungefähr.“

    Der Autor sieht einen Grund für diesen geradezu manischen Drang, Russland zu dämonisieren und mit Maßstäben zu messen, die der Westen an sich und sein Handeln gerne weniger streng anlegt, wenn es seinen Interessen entgegenkommt: Russland lässt sich nicht länger vom Westen wie ein ungezogener Schüler behandeln.

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    Unglaubwürdiges Handeln und Reden

    Damit können viele westliche Politiker und Medienvertreter offenbar noch immer nicht umgehen. Hinzu kommt, dass die Kapriolen und offen feindseligen Handlungen der derzeitigen US-Regierung westliche Politiker und Medien in Erklärungsnöte bringen. Denn die unverhohlenen Erpressungsversuche Washingtons an die Adresse der EU haben selbst für die naivsten Zeitgenossen offenkundig werden lassen, was von der vielbeschworenen westlichen „Wertegemeinschaft“ zu halten ist – nämlich nichts.

    Handeln und Rhetorik der gegenwärtigen Regierung der USA erinnern immer mehr Menschen an die Sowjetunion. Vielleicht soll die zum Teil regelrecht alberne antirussische Propaganda vom imperialen Habitus der westlichen Führungsmacht ablenken.

    Bröckers ist entschlossen, auf dem Münchener Podium über die Schwierigkeiten zu sprechen, die normale Durchschnittsbürger inzwischen haben, sich von angeblich objektiv und unabhängig berichtenden westlichen Medien informieren zu lassen:

    „Es wird einfach in vielerlei Hinsicht einseitig berichtet. Wer sich ein komplettes Bild machen will, der muss zum Beispiel auch fremdsprachige Seiten lesen, muss im Internet recherchieren. Das ist nun wahrlich nicht jedermanns Sache oder viele Menschen haben da schlicht gar keine Zeit dazu.“

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    Es gebe in den Zeitungen und Sendern immer wieder gute Beiträge. Das seien aber nur Einzelfälle. Der Blick in andere Quelle, zum Thema Syrien-Krieg zum Beispiel, ermögliche ein anderes Bild. Aber das sei für den „Otto-Normal-Mediennutzer“ „ein schwieriger Job“. Der Autor hob hervor:

    „Wer sich nur auf die Tagesschau verlässt und nur auf seine Zeitungen mit den üblichen Nachrichten von drei, vier Nachrichtenagenturen, die alle mehr oder weniger dasselbe schreiben, der hat es wirklich schwer, sich ein objektives Bild über das Weltgeschehen zu machen.“

    Veranstaltungshinweis:

    „Russland: Eskalation im Medienkino“, mit den Gästen Mathias Bröckers und Prof. Dr. Michael Meyen, im Münchner „Lovelace“ in der Kardinal-Faulhaber-Str. 1 am 16. Mai um 19 Uhr. Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

    Das komplette Interview mit Mathias Bröckers zum Nachhören:

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    Tags:
    Propaganda, Hysterie, Rüstungsausgaben, EU, NATO, USA, Westen, Russland