16:08 21 Oktober 2018
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    Elite (Symbolbild)

    Elite bleibt unter sich – Studie: Herkunft entscheidet weiter über Aufstiegschancen

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Eine aktuelle Studie zeigt: In der Bundesrepublik bestimmt weiter die soziale Herkunft über die beruflichen Chancen, in höhere Schichten aufzusteigen. Wer die „richtigen Eltern“ hat, kann eher den gleichen Status oder einen höheren erreichen, haben Wirtschaftsforscher herausgefunden. Daran hat sich seit 1945 nichts geändert, stellen sie fest.

    Wer Eltern hat, die leitende Angestellte sind, also gemeinhin zur Elite gezählt werden, der hat deutlich höhere Chancen später selber dazu zu gehören als Kinder von Angestellten mit einfachen Aufgaben oder gelernten Facharbeitern. Die Aufstiegschancen, die mit dem Begriff der „Sozialen Mobilität“ beschrieben werden, haben sich in der Bundesrepublik und besonders in Westdeutschland in den letzten 30 Jahren kaum verändert. Das hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin herausgefunden. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch im aktuellen DIW-Wochenbericht veröffentlicht.

    Die Erkenntnisse der Berliner Wirtschaftsforscher widersprechen nicht nur der Legende von der „Leistungsgesellschaft“. Sie widerlegen ebenso das, was die beiden Autoren des jüngst erschienenen „Elitenreports“ behaupten, über den auch Sputnik berichtete. Die beiden Autoren, Bettina Weiguny und Georg Meck von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS), meinen anhand verschiedener Beispiele für Aufsteiger in die höchsten: „So soll es sein: Leistung soll sich lohnen.“ Aus ihrer Sicht gibt es eine hohe soziale Mobilität, die es immer wieder Angehörigen unterer Schichten ermöglich, in die Elite aufzusteigen.

    Bessere Chancen durch entsprechende Herkunft

    Dagegen Studienautor Nicolas Legewie laut DIW-Pressemitteilung fest: „Die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise ein Kind einer Ärztin oder eines Arztes später selbst eine gleichwertige Stellung erreicht, ist konstant sehr viel höher geblieben als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeiterkind später zum Beispiel Anwalt oder Anwältin wird.“ Die Studie habe keine zunehmende Durchlässigkeit von niedrigen zu hohen beruflichen Positionen festgestellt.

    Vor allem für untere Schichten, sogenannte Statusgruppen, hätten sich dagegen die beruflichen Aufstiegschancen eher verringert, gehört zu den Ergebnissen der Untersuchung. Diese fragte nach der relativen und absoluten sozialen Mobilität im Berufsstatus der Jahrgänge 1939 bis 1971 in Westdeutschland. Dabei haben die Autoren Sandra Bohmann und Nicolas Legewie nicht nur die absolute soziale Mobilität unter die Lupe genommen, also inwieweit sich die tatsächliche soziale Stellung im Vergleich zu den Eltern verändert hat. Sie betrachteten ebenso die relative soziale Mobilität, also inwiefern Kinder im Vergleich zu anderen aus der gleichen Generation besser gestellt sind, als dies bei ihren Eltern der Fall war.

    >>Mehr zum Thema: „Deutschland ist ein Unternehmerstaat“ – Alternatives Wirtschaftsgutachten

    Jüngere Jahrgänge mit schlechteren Chancen

    „Von starker sozialer Durchlässigkeit mit Blick auf den Berufsstatus ist Deutschland immer noch weit entfernt“, lautet das veröffentlichte Fazit. Zu den Veränderungen im untersuchten Zeitraum gehöre, dass Männer inzwischen öfter absteigen als früher, Frauen dagegen öfter aufsteigen, wenn das der Fall ist. Absolut gesehen gebe es insgesamt mehr Auf- als Abstiege, vor allem aufgrund der strukturellen Veränderungen in der Bildungs- und Erwerbslandschaft. So sei die Zahl der Abiturienten und Studiumsabsolventen ebenso gestiegen wie die der hochqualifizierten Angestellten.

    Der Anteil der Personen, die einen ähnlichen Berufsstatus wie ihre Eltern haben, habe sich aber nur wenig verändert, stellt die Studie fest. „Allerdings schaffen im untersten Berufsstatus gerade die jüngeren Jahrgänge immer weniger den Aufstieg“, so das DIW. „Insgesamt gilt weiterhin, dass es deutlich wahrscheinlicher ist, selbst einen Beruf in der obersten Statusgruppe der leitenden Angestellten zu erreichen, wenn die eigenen Eltern bereits einen solchen Beruf hatten“, schreiben die Studienautoren.

    Chancengerechtigkeit nicht in Sicht

    Darin habe sich selbst im Zeitraum seit dem  Ende des Zweiten Weltkrieges kaum etwas verändert, stellen die Forscher fest. Ihr Fazit: Von mehr Aufstiegschancen für alle, unabhängig von der sozialen Herkunft, „sind wir also ein gutes Stück entfernt“. Die Studienautoren fordern zum Beispiel staatlich finanzierte Unterstützungsprogramme für sozial schwache Elternhäuser etwa im Bereich der frühkindlichen Bildung, bei der Schulauswahl oder beim Berufseinstieg.

    Positiv sei zwar die gesunkene Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, was die Aufstiegsmöglichkeiten angeht. Aber Bohmann und Legewie warnen zugleich: „Höhere Gleichheit zwischen den Geschlechtern kann jedoch die soziale Ungleichheit zwischen Familien oder Haushalten verschärfen – nämlich dann, wenn bei der Familienbildung PartnerInnen aus der jeweils eigenen Berufsstatus- und Einkommensgruppe bevorzugt werden.“

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    Tags:
    Leistungen, Herkunft, Studie, Eltern, Zweiter Weltkrieg, Deutschland