06:44 19 Dezember 2018
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    Sprechen Finanzämter bald „normales Deutsch“? Expertin: „Das ist längst überfällig!“

    © AP Photo / Michael Probst
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Die Finanzminister der deutschen Bundesländer wollen beraten, wie Amtsschreiben verständlicher formuliert werden können. Michaela Blaha von der „Gesellschaft für verständliche Sprache“ begrüßt die Initiative. Doch sieht sie nicht nur in den Finanzbehörden dringenden Handlungsbedarf: Deutschland braucht eine Reform der Amtssprache.

    „Deutsch – Behörde / Behörde – Deutsch“ – bei so manchem Amtsgang oder Versuch, einen Antrag auszufüllen, könnte solch ein Lexikon gute Dienste erweisen. Angesichts der Kommunikationsbarrieren zwischen Ämtern und Bürgern wirkt es fast so, als würden sie in Paralleluniversen leben. Kryptisch wirkt die Behördensprache nicht nur für Zugezogene oder Bildungsschwache. Jeder Student kann ein Lied davon singen, wie viel Kopfzerbrechen beispielsweise das Ausfüllen von BAföG-Anträgen bereitet hat. Aber muss das wirklich sein?

    „KISS“ – in Behörden ein Fremdwort?

    An Hochschulen wird für das Verfassen von Essays gern eine Faustregel gelehrt. Das sogenannte KISS-Prinzip besagt: Keep It Short and Simple. Zu Deutsch: Fasse dich kurz und einfach. 

    „Das gilt für Behörden eigentlich auch. Die Schwierigkeit ist nur, dass die Mitarbeiter in den Behörden, die diese Texte verfassen, dieses Prinzip in ihrer Ausbildung nicht kennengelernt haben. Es ist auch nicht so einfach, komplizierte Inhalte für die Zielgruppe aufzubereiten. Das haben sie nicht gelernt. Dementsprechend sind die Texte auch nicht gut“, erklärt Michaela Blaha. Die Sprachwissenschaftlerin ist Geschäftsführerin von „Idema“, der „Gesellschaft für verständliche Sprache“. Der aus einem wissenschaftlichen Projekt der Ruhr-Universität Bochum entstandene „Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache“ will Unternehmen und Behörden zu einer bürgerfreundlichen Sprache verhelfen und bietet Beratung, Gutachten, Textredaktion und Trainings an. 

    Blaha kennt unzählige Beispiele für komplizierte und irreführende Formulierungen. Wenn es beispielsweise „vermindertes Restmüllbehältervolumen“ statt „kleinerer Restmüllbehälter“ heiße, dann brauche sich niemand wundern, wenn das Gegenüber nichts versteht. Dabei seien durchaus viele Behördenmitarbeiter einsichtig und wollten sich zumindest sprachlich verbessern. 

    Bauchschmerzen beim Briefeschreiben

    „Es gibt aber auch immer wieder welche, die sagen: Wir haben hier als Behörde eine hoheitliche Funktion zu erfüllen, und deswegen drücke ich mich auch in den Briefen hoheitlich aus. Ich bin der Meinung, das ist nicht zeitgemäß. In der heutigen Zeit ist Kommunikation auf Augenhöhe ein wichtiges Thema – das gilt auch für Behörden.“

    Unstrittig sei, dass Behördenbriefe in der klassischen Form einen Mehraufwand verursachen.

    „Ich habe in den Schulungen Mitarbeiter sitzen, die mir sagen, wenn sie bestimmte Briefe verschicken, haben sie schon beim Versenden des Briefes Bauchschmerzen, weil sie genau wissen, dass sie in den nächsten Tagen sehr viele Anrufe von Leuten bekommen werden, die alle dieselben Fragen stellen. Man kann sich leicht ausrechnen, dass das natürlich einen deutlichen Mehraufwand verursacht und bei den Mitarbeitern zu Ärger und Frustration führt. Man könnte wirklich viel Zeit und Nerven sparen, wenn man die Texte verbessern würde.“

    Bei vielen Amtsschreiben sei es jedoch so, dass rechtliche Inhalte kommuniziert werden müssen. Deshalb komme es auf genaue juristische Formulierungen an. So könne man zum Beispiel den Ausdruck „Widerspruch einlegen“ nicht durch „widersprechen“ ersetzen, weil das juristisch ein Unterschied sei, so Blaha.

    Schweden macht’s vor – zieht Deutschland nach?

    Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Schweden. Mehrere hundert Mitarbeiter auf Regierungsebene beraten Behörden, wie diese verständlicher kommunizieren können. Diese hätten damit so einen großen Erfolg, dass sich die schwedische Behördensprache mittlerweile kaum noch von der normalen Alltagssprache unterscheide, betont die Sprachwissenschaftlerin.

    Auch in Deutschland sei eine Reform der Amtssprache längst überfällig. Handlungsbedarf bestehe bei allen Behörden, moniert die Expertin. Immer wieder seien Versuche unternommen worden, die Sprache bürgerfreundlicher zu machen. Einzelne Erfolge seien durchaus erzielt worden.

    „So wird dann zum Beispiel statt ‚Sie müssen einen Betrag entrichten‘ geschrieben ‚Sie müssen einen Betrag zahlen‘. Oder ein Schild mit der Aufschrift ‚Bedürfnisanstalt‘ wird durch ein Schild ersetzt, auf dem ‚Öffentliches WC‘ steht. Es gibt Fortschritte. Aber in Deutschland hapert es an der systematischen und dauerhaften Umsetzung. Da besteht noch einiger Verbesserungsbedarf.“

    Licht am Horizont gibt es nun zumindest bei den Finanzämtern. Auf Anregung aus Nordrhein-Westfalen, wo in den vergangenen Monaten 600 Vordrucke überarbeitet worden sind, um sie lesbarer und übersichtlicher zu machen, wollen nun die Finanzminister der Länder bei ihrer Jahreskonferenz in Goslar über „Bürgerfreundliche Sprache in der Finanzverwaltung“ beraten. Mit etwas Glück könnten also demnächst Steuerbescheide und Steuergesetze so geschrieben sein, dass auch normale Menschen ohne Jura-Diplom sie verstehen. Michaela Blaha findet die Initiative jedenfalls sehr begrüßenswert. 

    Das komplette Interview mit Michaela Blaha zum Nachhören:

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    Tags:
    Behörden, Behördensprache, Amtssprache, Steuerbescheid, Finanzamt, Finanzministerium, Gesellschaft für verständliche Sprache, Idema, Michaela Blaha, Deutschland