13:26 21 September 2018
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    Neuer Slogan für Berlin wegen Lehrermangel: Statt „arm, aber sexy“, „arm, weil dumm“?

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
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    Andreas Peter
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    In Berlin hat der Lehrermangel offenbar so dramatische Ausmaße angenommen, dass der Senat nun auch Studentinnen und Studenten noch vor Abschluss ihres Studiums als so genannte Quereinsteiger anwirbt. Scherben einer verfehlten Personalpolitik nennt das der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im Gespräch mit Sputnik.

    Dass Berlins Bildungssenatorin, Sandra Scheeres (SPD), vergangene Woche keine der für Berufspolitikerinnen und —politiker üblichen rhetorischen Ausflüchte mehr anwandte, sondern im „Tagesspiegel“ unumwunden zugab: „Ich sage ganz deutlich, es wird schwierig, alle Stellen zu besetzen“, machte das ganze Ausmaß der Misere deutlich. Berlin ist im Hinblick auf den Lehrermangel inzwischen derart verzweifelt, dass nun sogar das eigentlich Undenkbare probiert wird. Studenten sollen regulären Unterricht geben. Noch bevor sie ihr Studium abgeschlossen haben. Und damit ist ausdrücklich weder das so genannte Referendariat gemeint noch die bisherige Praxis, dass Studierende im Rahmen der Vertretungsstundenbudgets unterrichten.

    Entsprechende Stellenausschreibungen sind auf den Internetseiten der Senatsverwaltung für Bildung veröffentlicht worden, wo zugleich auch um andere Menschen geworben wird, die als Lehrer aushelfen könnten. Weil die Beschäftigung eines eigentlich Studierenden als regulärer Lehrer im Zweifel nicht nur zeitliche, sondern auch handfeste rechtliche Probleme mit sich bringen könnte, gibt die Senatsverwaltung in einer Informationsbroschüre unter dem Titel „Unterrichten statt Kellnern“ Ratschläge.

    Scherben einer verfehlten Personalpolitik

    Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, der nach eigener Aussage rund 160.000 Lehrerinnen und Lehrer vertritt, ist vom Berliner Drama nicht überrascht. Jetzt rächten sich Versäumnisse der Vergangenheit, konstatiert er im Gespräch mit Sputnik:

    „Man hat die Ausbildungskapazitäten fürs Lehramt massiv vernachlässigt an den Hochschulen. Man hat den Geburtenanstieg verschlafen. Man hat nicht rechtzeitig reagiert auf die Zuwanderung, die wir in Deutschland hatten, insbesondere natürlich die Zuwanderung in die Ballungsgebiete. Und jetzt stehen wir vor den Scherben einer verfehlten Personalpolitik.“

    Meidinger glaubt wie die meisten Experten nicht, dass es in Berlin ohne die Rekrutierung von Masterstudierenden gehen wird. Jedenfalls nicht in den nächsten beiden Jahren. Doch nach derzeitigen Schätzungen wird weder das reichen noch andere Ideen der immer nervöser werdenden Senatsverwaltung. Zum Beispiel die Weiterbeschäftigung von pensionierten Lehrkräften, die Aufstockung von teilzeitbeschäftigten Pädagoginnen und Pädagogen oder die so genannten Quereinsteiger, also Menschen, die kein abgeschlossenes Lehramtsstudium vorweisen können, dafür aber ein abgeschlossenes Studium in einem benötigten Fach.

    Quereinsteiger mit Doppelbelastung

    Diese Lehrkräfte müssen in einem berufsbegleitenden Studium ihre fehlenden Qualifikationen nacherwerben. Das alleine ist schon anstrengend. Von den rund 1.000 Stellen, die für so genannte Quereinsteiger vorgesehen sind, können aber wahrscheinlich nur rund 700 besetzt werden, was noch einmal die Arbeitsbelastung erhöht. Und als sei das noch nicht genug, sind die so genannten Quereinsteiger auch noch höchst ungleich auf die Berliner Schulen verteilt, wie eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck ergab. Demnach sind quereingestiegene Lehrkräfte überproportional an so genannten Brennpunktschulen beschäftigt. Das sind Schulen mit hohem Schüleranteil aus Sozialtransferhaushalten, wie die Senatsverwaltung das bezeichnet.

    Deshalb ist eigentlich abgemacht, dass diese Lehrkräfte durch eine Verringerung ihrer Pflichtstundenzahl und andere Maßnahmen entlastet werden sollen. Was Studierende betrifft, die als de facto Lehrkräfte eingesetzt werden, pocht Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband darauf, diese jungen Menschen nicht zu verschleißen mit einer monatlichen Unterrichtsstundenzahl von 19 Stunden:

    „Das ist viel zu hoch bei gleichzeitiger Weiterqualifizierung. Und ich glaube auch, bei den Studenten muss man sehr stark aufpassen, dass man erstmal erfahrene Lehrkräfte zur Seite stellt und sie nicht überbeansprucht, indem man ihnen zu viele Stunden aufhalst.“

    Doch auch die Idee der Berliner Bildungsverwaltung, teilzeitbeschäftigten Lehrkräften die Pflichtstundenzahl zu erhöhen, stößt bei den Gewerkschaften auf wenig Gegenliebe.

    Verbeamtung ist für viele Lehramtsstudenten das wesentliche Motiv der Stellenauswahl

    Egal, wie man es dreht und wendet, die Politik kommt nicht umhin, sich einzugestehen, dass jetzt die Konsequenzen der jahrelangen Götzenanbetung des bedingungslosen Sparens sichtbar werden. Und da blickt Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger keineswegs nur auf Berlin. Auch in anderen Bundesländern gibt es zum Teil dramatischen Lehrermangel. Aber Berlin hat einen ganz besonderen Nachteil. Hier werden Lehrer nicht verbeamtet. Und, so Meidinger, man könne es jungen Menschen nun einmal „nicht verdenken, dass sie sich, wenn sie Alternativen haben“, für „eine sichere Stelle“ statt für eine hippe Metropole entscheiden. Denn, so Meidinger, Verbeamtung bedeute eben nicht nur eine sichere Stelle, sondern:

    „Beamte verdienen auch etwas mehr, weil ihnen eben die Arbeitslosenversicherungs- und Rentenversicherungsbeiträge nicht abgezogen werden. Und von daher gesehen ist das nicht nur ein vorgeschobenes Argument, sondern das ist, glaube ich, tatsächlich der Beweggrund für viele. Ich kenne selber welche, die lieber nach Hamburg gehen, obwohl sie in Berlin eigentlich ihren Schwerpunkt haben, als nach Berlin, weil sie sagen, in Hamburg werden wir verbeamtet.“

    Doch zumindest die Berliner SPD, die immerhin den Regierenden Bürgermeister und die Bildungssenatorin stellt, hat schon klargemacht, dass sie vorerst nicht zum Berufsbeamtentum für Lehrer zurückkehren will.

    Das Interview mit Heinz-Peter Meidinger zum Nachhören hier:

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    Tags:
    Armut, Lösung, Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Qualität, Mangel, Ausbildung, Studenten, Deutscher Lehrerverband, SPD, Heinz-Peter Meidinger, Sandra Scheeres, Klaus Wowereit, Berlin, Deutschland