15:01 16 Dezember 2018
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    „Komm, Mutti, ich wasch dich!“ – Wenn Minderjährige Angehörige pflegen

    „Komm, Mutti, ich wasch dich!“ – Wenn Minderjährige Angehörige pflegen

    CC0 / Pixabay/ Beeki
    Gesellschaft
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    Andreas Peter
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    Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit pflegen tausende Kinder und Jugendliche Familienangehörige. Was im Regelfall als normale Hilfe innerhalb der Familie empfunden wird, kann zu einem Problem werden, wenn Minderjährige körperlich, aber vor allem mental überfordert sind. Politik, Kassen und Verbände haben das Problem erkannt.

    Das Zentrum für Qualität in der Pflege, kurz ZQP, ist eine Stiftung, die vom Verband der Privaten Krankenkassen ins Leben gerufen wurde. In einer Pressemitteilung vom 17. Oktober 2016 meldete die Stiftung: Rund fünf Prozent oder in absoluten Zahlen 230.000 Jugendliche aus der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen pflegen regelmäßig Angehörige. Bundesweit war das Erstaunen über diese Zahlen groß.

    Nicht so bei Gabriele Tammen-Parr. Die Gründerin der Berliner Beratungseinrichtung „Pflege in Not“ berät und hilft mit ihren engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter dem Dach des Diakonischen Werkes schon seit rund vier Jahren Jugendlichen, die Pflegeaufgaben innerhalb der Familie übernehmen, die normalerweise von Erwachsenen oder professionellen Diensten geleistet werden.

    Dass die Existenz von pflegenden Jugendlichen derart unbekannt ist, erklärt Tammen-Parr im Gespräch mit Sputnik unter anderem so:

    „Das hängt damit zusammen, dass diese Kinder und Jugendlichen sich nie als pflegende Angehörige bezeichnen würden oder sich auch so empfinden.“

    „Selbstverständliche Hilfe“ in der Familie

    Eine grundlegende Erkenntnis, die auch in einem Report des ZQP wiederzufinden ist, der 2017 veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem:

    „Die meisten Kinder übernehmen ihre Rolle sehr selbstverständlich und begründen dies aus ihrem Familienverständnis heraus. … Pflegende Kinder und Jugendliche sprechen eher selten über die Arbeit, die sie zu Hause leisten. Je größer der Unterstützungsbedarf, desto ‚unsichtbarer‘ die Familie.“

    Für den Report wurden über 1000 Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet ausgewählt, deren Eltern einer Befragung zugestimmt hatten, die im Juni 2016 auf der Basis von Fragebögen durchgeführt wurde. Die Ergebnisse hinterlassen ein zwiespältiges Gefühl bei allen, die keine zu pflegenden Angehörige im Haushalt haben oder denen das Ausmaß nicht bewusst war, in dem Minderjährige Angehörige pflegen. Der Report listet zum Beispiel auf:

    —  Die überwiegende Mehrheit (90 Prozent) hilft mehrmals in der Woche, ein Drittel (33 Prozent) täglich;

    —  Unterstützung von Pflegebedürftigen bei Einkäufen: 58 Prozent, bei der Freizeitgestaltung: 50 Prozent;

    —  Zubereiten der Mahlzeiten: 34 Prozent, Hilfe beim Aufstehen oder Gehen: 33 Prozent;

    —  Pflegerische Tätigkeiten: 27 Prozent helfen ihrem Familienmitglied bei der Nahrungsaufnahme, indem sie zum Beispiel Essen kleinschneiden oder anreichen. Bei der Einnahme von Medikamenten oder bei der Körperpflege helfen 16 bzw. sieben Prozent.

    Ein längst bekanntes Problem

    Experten wissen eigentlich schon lange, in welchem Ausmaß Minderjährige in die Pflege von Angehörigen involviert sind. Bereits im Jahr 2006 veröffentlichte die Zeitschrift „Pflege & Gesellschaft“, das Zentralorgan der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft, einen Artikel, der über die wahrscheinlich erste deutsche Untersuchung zu pflegenden Kindern und Jugendlichen und noch ältere Studien aus Großbritannien, den USA, den Niederlanden, Neuseeland und Australien berichtete.

    Seinerzeit wurden die Ergebnisse von mehr als 80 Interviews in über 30 Familien aus dem gesamten Bundesgebiet vorgestellt, die zum ersten Mal einen Blick in die zumeist abgeschlossene Welt pflegender Minderjähriger in Deutschland gestattete. Und schon damals wurde klar, warum so wenig darüber bekannt ist und warum sich betroffene Jugendliche und ihre Familien nicht viel offensiver um Hilfe bemühen. In dem Artikel von 2006 heißt es dazu:

    „Aus britischen Studien ist bekannt, dass Familien, in denen Kinder in pflegerische Tätigkeiten eingebunden sind, im Verborgenen leben. Sie scheuen die Öffentlichkeit nicht zuletzt aus Angst davor, dass die Familie durch das Eingreifen von Autoritäten (z.B. Jugendämtern) auseinandergerissen wird, so dass außerhalb der Familie kaum jemand erfährt, wie innerhalb Aufgaben zur Bewältigung des Alltags verteilt werden.“

    Angst vor Trennung der Familie

    Diesen Befund bestätigt Gabriele Tammen-Parr von „Pflege in Not“ im Gespräch mit Sputnik. Seit dem vergangenen Jahr bieten sie und ihre Kolleginnen und Kollegen auch ein Online-Beratungs-Tool mit dem Namen „echt unersetzlich“ an. Die Minderjährigen, die sich dort mit ihnen in Verbindung setzen, treibt alle ein Problem massiv um:

    „Die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir im Gespräch sind, äußern das immer wieder, dass sie eine große Angst haben, wenn sie mit ihrem eigenen Problem oder mit ihrer eigenen Belastbarkeit nach außen treten, dass sie sozusagen öffentliche Institutionen auf den Plan rufen und damit unter Umständen eine Trennung der Familienmitglieder hervorrufen. Das muss nicht immer der Fall sein, aber diese Angst ist sehr verbreitet, dass sie der Auslöser sind für die Trennung innerhalb der Familie oder dass vielleicht Familienpflege eingesetzt wird oder überhaupt öffentliche Maßnahmen auf den Plan gerufen werden.“

    Kein Hilferuf – aus Scham

    Auch wenn Jugendliche ihre Eltern oder Geschwister aufopfernd und weitgehend klaglos pflegen und betreuen: Kindgerecht ist so ein Alltag nicht. Spätestens, wenn es um Schambereiche geht, fangen die Komplikationen an. Fragen der Körperhygiene, also zum Beispiel Mutter oder Vater zu waschen, auf der Toilette zu unterstützen, oder wenn schiere körperliche Kraft gefragt ist, weil jemand aus dem oder ins Bett transferiert werden muss, können die Jugendlichen in vielerlei Hinsicht überfordern.

    Manche trauen sich nicht, Klassenkameraden mit nach Hause zu bringen, weil Mutter oder Vater, vielleicht noch wegen Depressionen oder Suchterkrankungen, keinen guten Eindruck hinterlassen würden. Wenn der alltägliche Aufwand für Pflege und Betreuung so umfangreich wird, dass die eigenen Bedürfnisse und Interessen des Minderjährigen in den Hintergrund treten, spätestens dann sollte wenigstens über unterstützende Hilfe nachgedacht werden. Und damit ist das weite Feld mentaler Hilfe und Unterstützung noch gar nicht angesprochen. Überlastung und Überforderung, so weiß Gabriele Tammen-Parr im Gespräch mit Sputnik zu berichten, ist ein tückisches Gift, weil es in kleinen Dosen kommt, die immer größer werden:

    „Das fängt damit an, dass ein Kind kleine Besorgungen macht. Es räumt den Geschirrspüler leer oder saugt mal die Wohnung. Ist der Krankheitsverlauf schwieriger oder verschlechtert sich das Krankheitsbild, können diese Aufgaben zunehmen. Das Kind wird auch älter. Dann ist es vielleicht nicht mehr 13, sondern 15. Und dann ist es so, dass es vielleicht auch sagt, so, ich muss jetzt auch anfangen, die Wohnung zu putzen, ich muss jetzt auch die Betten beziehen. Und manchmal muss ich meiner Mutter abends helfen, sich frisch zu machen und ins Bett den Transfer mit ihr durchführen. Das sind so schleichende Aufgaben, wo auch ein Jugendlicher merkt, jemand ist jetzt eingeschränkt und der will einfach zufassen und unterstützen. Der würde jetzt gar nicht auf die Idee kommen, zu sagen, ich bin pflegender Angehöriger und brauche Hilfestellung.“

    Organisationen und Politik wollen helfen

    Doch sie brauchen Hilfe. Schon allein deshalb, weil frühe Verantwortung zwar nicht das Schlechteste für Charakterbildung ist, aber eben auch nicht normal für die Kinder und Jugendlichen. Sie verlieren wegen der Pflegebelastung den Sozialkontakt zu Gleichaltrigen. Sie vereinsamen. Sie lassen in den schulischen Leistungen nach. Sie verzichten auf altersgerechte Freizeitbeschäftigungen. Oder sie werden in der Abnabelung vom elterlichen Haushalt gehindert.

    Wie Hilfe für pflegende Kinder und Jugendliche aussehen könnte, ohne zu stark in eigentlich funktionierende familiäre Bindungen einzugreifen, darüber berieten Experten mit Politikern auf einem Fachtag Anfang Mai in Berlin. Gabriele Tammen-Parr von „Pflege in Not“ war dabei – und war angetan von der Atmosphäre auf der Tagung:

    „Wir haben den Eindruck, das Thema ist wirklich gut und rasch aufgenommen worden, und auch die Bereitschaft zu finanzieren und zu initiieren ist im Moment groß. Das hat uns sehr gefreut. Jetzt geht es erst mal darum, die Kinder und Jugendlichen zu informieren, dass es uns gibt.“

    Das Team um Tammen-Parr hält diverse Beratungs- und Hilfsangebote nicht nur für pflegende Minderjährige, sondern auch für Eltern, Lehrer, Betreuer und Pflegedienste bereit: Tipps für die Pflege, für die Tagesplanung, für den Kontakt mit Behörden und vieles mehr.

    Hilfe für Angehörige – und das eigene Glück

    Wenn betroffene Kinder und Jugendliche anonym bleiben wollen, ist das kein Hindernis. Die Hilfe soll so niedrigschwellig wie möglich zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt steht auch das bundesweite Online-Angebot „Pausentaste“ zur Verfügung, um dabei zu helfen, dem echten Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen entgegenzukommen, Familienangehörigen zu helfen und gleichzeitig sein eigenes Leben, sein eigenes Glück, die eigenen Interessen und Bedürfnisse nicht aufgeben zu müssen.

    www.pflege-in-not.de

    www.echt-unersetzlich.de

    www.pausentaste.de

    Das Interview mit Gabriele Tammen-Parr zum Nachhören hier:

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    Tags:
    Pflege, Alte, Jugend, Familie, Schutz, Kinder, Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), Gabriele Tammen-Parr, Deutschland