12:11 17 Oktober 2018
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    Migranten in Spanien (Archiv)

    Krieg, Hunger, Flucht: „Die echten Herausforderungen liegen nicht in Europa“

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    Gesellschaft
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    Paul Linke
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    „Kriege und steigende Flüchtlingszahlen bedrohen Erfolge der Entwicklungshilfe.“ Das verdeutlicht die Jahresbilanz 2017 der Welthungerhilfe. Trotzdem zeigt sich die Hilfsorganisation optimistisch und will bis zum Jahr 2030 den Hunger komplett abschaffen.

    Die Arbeit des „Welthungerhilfe e.V.“ war auch 2017 von humanitären Krisen und den Auswirkungen von kriegerischen Konflikten geprägt. Durch die steigende Anzahl von Flüchtlingen weltweit fordert die Hilfsorganisation mehr Unterstützung ein. Immer mehr Menschen, vor allem in Ländern des Südens, seien auf Hilfe angewiesen. Denn mehr als 80 Prozent aller Flüchtlinge weltweit leben in Entwicklungs- oder Schwellenländern.

    Darauf wies auch die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, hin. Ein Blick auf die Flüchtlingsbewegungen nach Europa zeige, dass es sich hier im internationalen Vergleich eher um einen geringeren Anteil an Flüchtlingen handle. „Und das ist schon eine Herausforderung für uns! Ich wünsche mir, dass wir uns auch mit Uganda beschäftigen, wo 1,3 Millionen Flüchtlinge leben. Ein Land, was selbst Herausforderung bewältigen muss. 987.000 Flüchtlinge sind im Libanon, jede sechste Person im Land ist ein Flüchtling. Was das für dieses Land bedeutet! Die somalischen Flüchtlinge, die in Kenia sitzen! Das sind die zahlenmäßigen Herausforderungen“, erklärte Dieckmann am Dienstag bei einem Pressegespräch in Berlin.

    „Migration gut für Europa“

    Trotzdem wachsen in der EU die Erwartungen an die Entwicklungszusammenarbeit, die Flüchtlingsbewegungen nach Europa aufzuhalten. „Die Mehrzahl aller Flüchtlinge flieht vor Kriegen, Gewalt und Verfolgung. Diese Ursachen kann Entwicklungszusammenarbeit allein nicht lösen. Sie darf daher nicht zur Fluchtabwehr missbraucht werden. Einzig politische Lösungen werden dazu führen, dass Menschen in ihren Heimatländern bleiben“, sagte die Präsidentin der Welthungerhilfe.

    So werde Europa Migration zulassen müssen. Und das werde auch gut für Europa sein, betonte Dieckmann. „Ich trete seit vielen Jahren für ein Einwanderungsgesetz ein. Wir werden auch Flüchtlinge in Europa weiterhin aufnehmen. Es geht um die Frage der Registrierung. Wir werden Griechenland und Italien nicht allein mit den Forderungen lassen können. Deswegen muss es eine Lösung geben.“ Die Präsidentin sei sich nicht sicher, ob das auch wirklich einfach wird. „In Europa gilt in vielem das Einstimmigkeitsprinzip. Und wir haben natürlich jetzt schon eine gewaltige Auseinandersetzung in Europa über das, was man machen muss.“

    „Welthunger bis 2030 abschaffen“

    Doch die Vertreter der Hilfsorganisation zeigten sich zugleich optimistisch. In der aktuellen Diskussion würden die nachweisbaren Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigt werden, beklagte Dr. Till Wahnbaeck, Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe. In allen wichtigen Bereichen wie Hunger, Kindersterblichkeit oder Armut hätten sich die Zahlen in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist ein Ende des Hungers realistisch.“

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    So orientiert sich auch die Welthungerhilfe an den Welt-Entwicklungszielen, auf die sich 193 Länder im Jahr 2015 verständigt haben: Den Hunger bis 2030 abschaffen! „Wir wollen den Hunger überall dort abschaffen, wo wir tätig sind. Ich bin Realist, aber auch Optimist. Und ich glaube, das ist möglich. Aber diese Erfolge werden durch negative politischen Rahmenbedingungen oder den Klimawandel wieder gefährdet“, warnt Wahnbaeck.

    Zahlen und Fakten

    Laut dem Jahresbericht der Welthungerhilfe standen im Jahr 2017 der Organisation 263 Millionen Euro im Kampf gegen Hunger zur Verfügung. Dies sei eines der höchsten Budgets seit ihrer Gründung. Die Spendeneinnahmen lagen bei 63,8 Millionen Euro. Die öffentlichen Geber stellten mit 194,4 Millionen Euro die zweithöchste Fördersumme insgesamt für die Projektarbeit bereit. Der Anteil der Bundesregierung betrug 45 Prozent. Der Südsudan, Liberia und Syrien sowie die Türkei erhielten die höchsten Projektförderungen.

    Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland. Seit ihrer Gründung wurden mehr als 8927 Auslandsprojekte in 70 Ländern mit 3,53 Milliarden Euro gefördert.

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    Das komplette Interview mit Dr. Till Wahnbaeck (Welthungerhilfe):

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    Tags:
    Entwicklungshilfe, Migration, Flüchtlinge, Hunger, Krise, Krieg, Migranten, Asyl, Uganda, Europa, Afrika, Somalia