18:23 21 September 2018
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    Großer Vaterländischer Krieg oder der Deutsch-Sowjetische Krieg (Archiv)

    22. Juni 1941: Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion – Spuren und Fragen bis heute

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    Tilo Gräser
    22. Juni 1941: Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (5)
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    Vor 77 Jahren hat das faschistische „Großdeutsche Reich“ die Sowjetunion überfallen, vertragsbrüchig, dennoch angekündigt. Trotzdem hat der Überfall selbst die Deutschen überrascht, wie Historiker zeigen. Der Literaturhistoriker Carsten Gansel hat erlebt, dass trotz des Leides durch den Krieg die Russen den Deutschen verziehen haben.

    Mit insgesamt 3,6 Millionen Soldaten, 3500 Panzern und 2700 Flugzeugen überfiel die faschistische deutsche Wehrmacht gemeinsam mit verbündeten Truppen aus Rumänien, Finnland, Ungarn und der Slowakei am 22. Juni 1941 die Sowjetunion. Der vor 77 Jahren begonnene Vernichtungskrieg forderte bis zu seinem Ende am 8. Mai 1945 allein auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Tote.

    „Der deutsche Angriff erfolgt, ohne dass zuvor politische und/oder ökonomische Forderungen an die Sowjetunion gestellt worden wären“, schrieb der Historiker Erich Später 2015 in seinem Buch „Der dritte Weltkrieg – Die Ostfront 1941 – 1945“. „Es gab weder ein Ultimatum noch eine Kriegserklärung“, erinnerte er. „Der Überfall wird von der deutschen Propaganda als europäischer Kreuzzug zur Verteidigung der Kultur gegen den jüdischen Bolschewismus gefeiert.“

    Breiter Konsens der Eliten

    Später wies darauf hin, dass die faschistischen Pläne, die Sowjetunion zu unterwerfen und zu zerschlagen, „auf einem breiten Konsens innerhalb der herrschenden deutschen Eliten“ beruhten. Die deutschen Machteliten in Wirtschaft, Verwaltung und Militär hätten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik nicht aufgehört, „über eine erneute Offensive nachzudenken“. Vor allem ökonomische und geostrategische Interessen hätten dahinter gestanden, so Später in seinem hochinteressanten Buch. Das Gebiet der Sowjetunion sei wegen seiner Rohstoffe und Absatzmärkte sowie billigen Arbeitskräfte zum Ziel der deutschen Expansion geworden, bei der es um eine „autarke Großraumwirtschaft“ statt einer stärkeren internationalen Verflechtung gegangen sei.

    „Mit dem Vormarsch der Deutschen Wehrmacht und SS in der Sowjetunion realisiert sich im gesamten deutschen Machtbereich das radikalste Programm zur vollständigen Vernichtung eines Teils der Menschheit, das jemals erdacht und geplant wurde“, betonte Später. Der Historiker Sebastian Gerhardt hatte in einem Vortrag im Februar dieses Jahres festgestellt, die Sowjetunion habe für ihren Sieg über den deutschen Faschismus im Zweiten Weltkrieg einen unglaublich hohen Preis gezahlt. Davon habe sie sich bis zu ihrem Ende 1991 nicht wieder erholt.

    Nachlesbare Kriegsankündigung von Hitler

    Einige Historiker erinnern daran, dass der 2. Weltkrieg bereits am 1. September 1939 begann, als das Großdeutsche Reich und die Sowjetunion Polen aufteilten. Oft wird dabei die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Nichtangriffs-Vertrages weggelassen. Zuvor hatte Moskau lange Zeit versucht, gemeinsam mit den westlichen Staaten eine kollektive Sicherheitspolitik gegenüber dem faschistischen Deutschland zu gestalten. Das sei spätestens mit dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 gescheitert, wie unter anderem Historikerin Bianka Pietrow-Ennker in dem 2000 veröffentlichten Sammelband „Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion“ feststellte.

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    Dass der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen das Land im Osten von Beginn an zu den Plänen der deutschen Faschisten gehörte, war lange vorher bekannt. „In seinem Buch ‚Mein Kampf‘ (1. Band 1924) hatte Hitler, für jedermann zu lesen, die programmatische Erklärung abgegeben: ‚Der Kampf gegen die jüdische Weltbolschewisierung erfordert eine klare Einstellung zur Sowjetunion (…) Wir weisen den Blick nach dem Land im Osten (…) Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland denken‘.“ Das schrieb der Historiker Fritz Fischer 1992 in seinem Buch „Hitler war kein Betriebsunfall“.

    Fischer erinnerte auch daran, dass der von Hitler benutzte Begriff vom „Lebensraum“ im Osten erstmals 1916 in einer Erklärung der Universität München auftauchte. Er wies ebenso darauf hin, dass Hitler lange Zeit, wenn auch erfolglos, versuchte, Polen als Bündnispartner gegen die Sowjetunion zu gewinnen.

    Ahnungslose Deutsche selbst überrascht

    Dennoch hat die Morgenmeldung des „Großdeutschen Rundfunks“ am 22. Juni vor 77 Jahren auch die Masse der Deutschen unvorbereitet getroffen. Das stellte der 2016 verstorbene Historiker Kurt Pätzold in seinem Buch „Der Überfall“ fest, der ebenfalls auf Hitlers frühe Ankündigung hinwies. Die Deutschen hätten damals eher mit einem Krieg gegen Großbritannien gerechnet, nicht mit einer neuen Ostfront nach dem Überfall auf Polen.

    „Was ihnen nun für ein Krieg bevorstand, ahnten die ‚Volksgenossen‘ am wenigsten, die seit Jahren die faschistischen Propagandabilder vom ‚Bolschewismus‘ und ‚bolschewistischem Judentum‘ eingesogen hatten, die, im September 1939 verschwunden, nun aus den Archiven wieder hervorgeholt wurden. Sie gerieten in einen Krieg ohne geschichtliches Beispiel.“

    Pätzold versuchte in seinem letzten Buch, kurz vor seinem Tod erschienen, zu zeigen, wie sich die Deutschen kurz vor und nach dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion verhielten, was sie dachten und wie sie reagierten. Sie hätten sich mehrheitlich in einen Krieg führen lassen, in dem sie nur verlieren konnten: „Das eigene Leben, Verwandte und Freunde, Hab und Gut und gemeinsam das Ansehen, das seine Vorfahren als Nation sich einst erwarb.“ Der Historiker verstand das als Warnung vor der „missbräuchlichen Mobilisierung von Völkern gegen ihre eigenen Interessen“. Das gehöre nicht der Vergangenheit an, nur die Instrumente dafür seien verändert und vermehrt worden.

    Erstaunliche Vergebung trotz Leid

    „Die Russen haben den Deutschen verziehen“, stellte der Literaturhistoriker Carsten Gansel gegenüber Sputniknews fest. Das sei relativ schnell nach dem Ende des 2. Weltkrieges geschehen, „obwohl so viel Leid über die damalige Sowjetunion gekommen ist“. Der Wissenschaftler hielt sich mehrmals in Russland auf und berichtete, dass ihm immer mit großer Sympathie begegnet worden sei. Die Sicht der Russen auf Deutschland habe er als „erstaunlich, erstaunlich positiv erlebt“.

    Gansel brachte 2016 die Urfassung des Romans „Durchbruch bei Stalingrad“ des einstigen Wehrmachtsoffiziers Heinrich Gerlach heraus. Er hatte das als verschollen gegoltene Manuskript im Archiv des sowjetischen Geheimdienstes in Moskau gefunden.

    Nachwirkende Spuren des Krieges

    Der Literaturhistoriker war mit einem Team des ZDF im heutigen Wolgograd, dem früheren Stalingrad. Dort seien die Spuren des „barbarischen Krieges“ bis heute nicht zu übersehen. Sie seien „leibhaftig zu erfühlen, man sieht das auf Schritt und Tritt. Auch weil im kollektiven Gedächtnis Russlands die Erinnerung daran wach gehalten wird, was ich für vollkommen normal halte.“

    Gansel war 2017 ein Semester lang Gastprofessor an der Staatlichen Landesuniversität Moskau. Gegenüber Sputnik berichtete er von einer Begegnung mit einem russischen Kollegen, der in der Schulzeit lange nach dem Krieg die deutsche Sprache nur heimlich gelernt habe. Der Grund: Seine Großmutter, die aus der Gegend von Stalingrad stammte, habe ihm verboten, Deutsch zu lernen. Sie habe das damit begründet, dass sie die Kriegsbilder nicht aus ihrem Kopf bekomme und nicht daran erinnert werden wollte.

    Unterschiedliche Darstellung in der Literatur

    Der Gießener Literaturhistoriker verwies auf die Spuren des Krieges in der Literatur von Überlebenden. Er erinnerte an die Unterschiede in Ost und West, wie der Krieg gegen die Sowjetunion dargestellt wurde. In der Bundesrepublik sei als eine „Bewältigungsstrategie“ das „soldatische Opfernarrativ“ entworfen worden, wonach der deutsche Soldat vor allem als Opfer der Umstände dargestellt wurde – nach dem Motto: „Vorn stand der Russe und hinten die Kettenhunde. Was sollten wir tun?“ Bücher wie der Stalingrad-Roman Gerlachs, der klar mit dem faschistischen Krieg abrechnet und in dem dessen Alter Ego Oberleutnant Breuer feststellt, „Um uns die Augen zu öffnen, musste erst Stalingrad kommen“, seien eher die Ausnahme gewesen. Solche Aussagen und Gedanken seien zwar auch in anderen Werken zu finden, so in denen von Heinrich Böll, aber insgesamt nur selten und „nicht systemprägend“.

    „Auch in der DDR haben vor allem junge Autoren in den 1950er Jahren von den Schrecken des Krieges erzählt, so Egon Günther, Harry Thürk, Karl Mundstock oder Hans Pfeiffer“, berichtete Gansel. „Auch in diesen Texten wird in einer harten und an Ernest Hemingway orientierten Schreibweise von den Schrecken eines Vernichtungskrieges im Osten erzählt. Freilich werden die Figuren in diesen Texten nicht klüger, eine Bewertung und Abrechnung findet sich nur in Ansätzen.“

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    Erst ab den frühen 1960er Jahren sei in der DDR in den sogenannten Wandlungs-Romanen vom „Weg eines ursprünglich von der nazistischen Ideologie befallenen deutschen Soldaten erzählt worden, der dann sukzessive durch das, was er im Krieg erlebt, schließlich erkennt, wie schrecklich dieser ist und was er falsch gemacht hat und auf welche Weise er sich verführen lassen hat“. Dafür stehe besonders der Roman „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1960) von Dieter Noll. Auch Max Walter Schulz  „Wir sind nicht Staub im Wind“ (1962) gehöre dazu.

    Deutsche Fragen nach Jahrzehnten

    Gansel erinnerte im Gespräch daran, dass vor 75 Jahren, am 12. und 13. Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau, das Nationalkomitee Freies Deutschland“ (NKFD) gegründet wurde. In dem schlossen sich deutsche Exilkommunisten mit Soldaten und Offizieren der Wehrmacht gegen Hitler zusammen. Und zwei Monate später, am 11. und 12. September, sei in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft der „Bund Deutscher Offiziere“ (BDO) entstanden, aktiv gefördert von Moskau. Beide sollten helfen, den Krieg bald zu beenden – was nicht gelang, so dass bis zum 8. Mai 1945 noch Millionen Opfer zu beklagen waren. Noch bis über die 1990er Jahre hinaus sei im geeinten Deutschland darüber diskutiert worden, ob die daran beteiligten Offiziere und Soldaten „Patrioten oder Verräter“ waren.

    „Das ist etwas, was Deutschland bis ins neue Jahrtausend begleitet, die Frage: War es legitim, die Seite zu wechseln und bei einem verbrecherischen Krieg, der ein Vernichtungskrieg gegen den Osten war, zu sagen: ‚Ich mach da nicht mehr mit und kapituliere schon vorher‘?“

    Prof. Dr. Carsten Gansel
    © Foto : Privat
    Prof. Dr. Carsten Gansel

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Carsten Gansel zum Nachhören:

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