21:37 17 Juli 2018
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    1941: „Überfall war keine Überraschung“ – Historiker zu deutschem Angriff auf UdSSR

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    Alexander Boos
    22. Juni 1941: Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (5)
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    Am 22. Juni 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion. „Das war ein Einschnitt für das Land, von dem es sich – trotz des Sieges – nur schwer erholte“, sagt Historiker Jörg Morré im Sputnik-Interview. Der Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst macht darauf aufmerksam, dass in Russland noch „unausgeforschte Akten“ ruhen.

    Herr Dr. Morré, am 22. Juni 1941 begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion auch der Zweite Weltkrieg auf russischem Boden. Wie schätzen Sie das als Historiker militärpolitisch ein?

    Das ist auf jeden Fall eine große Zäsur im Verlauf des gesamten Zweiten Weltkrieges. Bisher streiten sich die Gelehrten: War die Sowjetunion nicht auch schon vorher mit involviert? Sie war letztendlich bei der militärischen Besetzung, bei der Einnahme Polens im September 1939 schon mit dabei. Und beide Seiten – Sowjetunion wie Deutsches Reich – wussten, dass sie früher oder später in einem militärischen Konflikt stehen werden.

    Auch für Stalin war das letztendlich keine Überraschung am 22. Juni 1941, obwohl er persönlich, das sagen alle übereinstimmend, wirklich überrascht war. Seine Geheimdienste hatten ihn bestens informiert. Die sowjetische Militäraufklärung wusste das alles. Und trotzdem hat Stalin das nicht glauben wollen. Er war von der Bildfläche verschwunden. Es ist am Ende der Außenminister Molotow, der der Bevölkerung sagt: Es ist Krieg. Und der große Umschwung ist natürlich die Verlagerung vom westlichen Kriegsschauplatz auf den östlichen.

    Sie sind auch Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst. Werden Sie dazu Veranstaltungen durchführen, Ausstellungen präsentieren? Was haben Sie dazu in der Vergangenheit gemacht und was heute?

    Konkret am 22. Juni werden wir nichts gesondert machen. In der Vergangenheit haben wir dieses Datum bemerkt, wenn ich ehrlich bin, schon immer orientiert an den großen Zäsuren. Das war vor allem 2016 mit einem großen Erinnerungs- und Gedenkakt im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit vielen Kooperationspartnern. Das war der 75. Jahrestag des Überfalls. Und es war da leider auch schon zu spüren, dass das in der deutschen Öffentlichkeit ein recht nachrangig behandeltes Thema ist.

    Im letzten Jahr war das dann der gleiche Eindruck, so dass wir es in diesem Jahr nicht extra aufgreifen werden. Wenn ich ehrlich bin, auch angesichts der WM. Aber: Wir werden am 12. Juli hier im Hause eine Veranstaltung durchführen zum 75. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees „Freies Deutschland“. Ein ganz anderes Thema – es hat aber mittelbar auch mit dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu tun und wird uns dann die Möglichkeit geben, diesen Kontext herzuleiten und zu sagen: Das ist im Grunde auch vor ziemlich genau 77 Jahren passiert.

    Welche Bedeutung hat dieser Tag für Russland? Und wo sind die Unterschiede in der Wahrnehmung dieses Tages auf russischer und auf deutscher Seite?

    Für Russland, für die Sowjetunion genauer gesagt, ist das natürlich eine große Zäsur, weil dieses Land unvorbereitet getroffen wurde. Der europäische Teil der Sowjetunion ist verwüstet worden, auch zum Teil entvölkert. Das ist bis in die 1970er Jahre hinein volkswirtschaftlich zu spüren gewesen. Wenn Sie so wollen, bevölkerungsmäßig bis heute: Es gibt heute statistisch einen enormen Frauenüberhang in der russischen Bevölkerung.

    Zweitens handelte sich die Sowjetunion bis weit in die 1950er Jahre hinein einen mächtigen Nationalitätenkonflikt ein, auch gerade wieder aktuell durch die Ukraine-Krise noch mal präsent. Aber das gilt auch für das Baltikum und für Moldau, auch hinten für die Kaukasus-Republiken.

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    Und naja, drittens: Das Land stand am Abgrund und hat sich dann retten können. Nicht nur das, es hat am Ende sogar den Sieg davontragen können. Das ist natürlich ein prägendes Ereignis bis heute und wird zu Recht, wie ich finde, stark betont, auch wenn es natürlich zusätzlich noch politisch instrumentalisiert wird.

    Auf deutscher Seite haben wir uns lange Zeit ein bisschen schwer getan, das angemessen zu würdigen als eine wirkliche, qualitative Änderung dieses Zweiten Weltkrieges. Diese Diskussion ist richtig massiv dann erst in den 1990er Jahren geführt worden. Das fällt stark zusammen mit der deutschen Wiedervereinigung, wo dann auch viele Ansätze, die in der DDR-Geschichtsschreibung durchaus Erwähnung gefunden hatten, dann auch richtig wieder auflebten. Das ist aber mittlerweile auch schon wieder 25 Jahre her, so dass aktuell dieser 22. Juni hier in der deutschen Gesellschaft keinem so richtig vor Augen steht.

    Braucht diese wissenschaftliche Debatte in Deutschland eine akademische Belebung?

    Das ist so ein bisschen Ja und Nein. Einerseits ist es einfach der Gang der Geschichte, dass auch große, wichtige, einschneidende Ereignisse mit zunehmendem Abstand historisiert werden und, ich sage mal, im Nebel der Geschichte versinken. Nehmen Sie die Französische Revolution – natürlich ist die enorm wichtig, aber es ist eben auch sehr lange her. So gesehen widerfährt das jetzt auch einigen Ereignissen im Zweiten Weltkrieg. Unser Diskurs ist anders. Wir diskutieren immer noch stark über Verbrechen, die auf die NS-Diktatur zurückgehen, im Inland. Gut, die Zwangsarbeiter-Diskussion ist auch schon lang wieder durch. Im Augenblick sind wir stärker wieder mit Opfergruppen im eigenen Land, mit Psychiatriekranken oder Homosexuellen, mit Sinti und Roma, beschäftigt. Oder eben auch vielleicht – es rückt so ein bisschen in die Entnazifizierung, was aber auch immer voraussetzt, wie deutsche gesellschaftliche Organisationen, Behörden, Ämter, Ministerien eben vom Nationalsozialismus durchdrungen waren und wie man sich hat davon freimachen können. Das ist der Diskurs.

    Der Zweite Weltkrieg militärhistorisch ist von deutscher Seite ausgeforscht. Der Vernichtungskrieg und das ganze Verbrecherische, was damit einhergeht, vor allen Dingen der Holocaust und die Zwangsarbeit, ist sehr gut bearbeitet. Ausgeforscht ist da vielleicht noch ein bisschen übertrieben. Da wartet man eigentlich auf einen substantiellen Beitrag von russischer Seite. Die russischen Archive sind in diesen Fragen leider nach wie vor nicht zugänglich. Was dort liegt und was sicherlich noch ein Beitrag wäre, kann nicht in den wissenschaftlichen Diskurs einfließen.

    Was schlummert da noch an russischen Akten? Ich weiß, dass es auch Historiker gibt, die sagen, Stalin habe davon gewusst, dass es einen baldigen deutschen Angriff durch die Truppen Hitlers geben wird und habe sich dementsprechend darauf vorbereitet. Ich hatte mal mit Professor Richard Saage, Politologe und emeritierter Professor für Ideengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg gesprochen, der meinte: Das sei ausgeschlossen. Aber es gibt eben auf der anderen Seite Historiker, die schreiben, Stalin habe von dem Angriff gewusst. Wie ist da Ihr Erkenntnisstand?

    Ich glaube, Sie spielen auf die sogenannte „Präventivkriegsthese“ an, das Deutsche Reich habe eben diesen sowjetischen Vorbereitungen zuvorkommen müssen. Das ist widerlegt. Das ist als These fachwissenschaftlich tot. Selbstverständlich waren da Truppen stationiert. Sie müssen sich vorstellen, die Außengrenze der Sowjetunion ist durch den Hitler-Stalin-Pakt, den Molotow-Ribbentrop-Pakt knapp zwei Jahre zuvor um 300 Kilometer, grob gesagt, nach Westen verschoben worden. Die mussten einfach eine neue Grenzsicherung aufbauen. Das taten die auch. Aber das war eben noch nicht abgeschlossen im Sommer 1941. Das ist mit ein Grund, warum da Bauaktivitäten waren, warum da auch eine gewisse größere militärische Präsenz war, warum auch in diesen Grenzmilitärbezirken eine, nennen wir es mal, erhöhte Wachsamkeit war. Das darf man aber nicht verwechseln mit einem bevorstehenden Angriff der Sowjetunion auf das Deutsche Reich.

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    Das komplette Interview mit Militärhistoriker Jörg Morré zum Nachhören:

    Themen:
    22. Juni 1941: Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (5)

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    Tags:
    Erinnerungen, Nazi-Deutschland, Angriff, Krieg, Zweiter Weltkrieg, Adolf Hitler, Josef Stalin, UdSSR, Deutschland
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