20:43 22 Juli 2018
SNA Radio
    Deutsche Polizisten während eines Einsatzes (Archivbild)

    Note 6 für viele Polizeischüler bei Diktat: Versagt die Berliner Bildungspolitik?

    © AFP 2018 / John Macdougall
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos, Andreas Peter
    241334

    Zwei von drei Berliner Polizeischülern erhalten im Diktat die Note 6. Das geht aus einem aktuellen Sonderbericht hervor. Innensenator Andreas Geisel reagiert mit Führungswechsel an Polizeiakademie. „Das Problem ist schon lange bekannt“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei gegenüber Sputnik. Die Bildungspolitik trage Verantwortung.

    Berliner Medien berichten: „Bildungsdefizite angehender Polizisten werden immer schlimmer: Zwei von drei Polizeischülern mit Note 6 im Diktat“. Für Benjamin Jendro, Pressesprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin, ist das keine Überraschung. „Zunächst mal bin ich wenig schockiert, weil das ist eine Meldung, die für uns nicht neu war“, sagte er im Sputnik-Interview. Diese Missstände habe die „Berliner Morgenpost“ bereits früher thematisiert. „All die Ergebnisse, die Herr Strobel als Sonderermittler – dem wir für seine engagierte Arbeit sehr dankbar sind – offengelegt hat, kennen wir seit zwei Jahren. All die Maßnahmen, die er jetzt vorschlägt, das erzählen wir von der GdP seit zwei Jahren.“

    Die Bildungsdefizite angehender Polizeibeamter im Land Berlin seien überaus bedenklich. Das geht aus dem Abschlussbericht des Sonderermittlers Josef Strobl über die Situation an der Polizeiakademie hervor, der am Montag dem Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses vorgestellt wurde.

    Es sei höchste Zeit gewesen, dass der Sonderermittler „jetzt so einen Bericht mal dem Innenausschuss präsentieren konnte.“ Massive Defizite gebe es laut dem 100-seitigen Bericht vor allem im Deutsch-Bereich. Bei der „sprachlichen Kompetenz“ hapere es gewaltig. So erhielten etwa zwei Drittel der Schüler im Einstellungsjahrgang von 2016 bei Deutsch-Diktaten die Note 6. Das waren 137 von 218 Auszubildenden.

    „Es fehlt Personal an Polizeiakademie“

    „Das ist ein Einstufungsdiktat, das nach dem Bewerbungsverfahren anläuft“, erklärte Jendro. „Das heißt: Diese jungen Menschen haben wir schon genommen. Die sind wohlgemerkt durch das Bildungssystem gekommen mit nicht so hervorragenden Deutsch-Kenntnissen.“ Das habe Sonderermittler Strobel auch bei der Präsentation des Berichts gegenüber dem Innenausschuss deutlich gemacht. „Das ist vielleicht auch über dem Bildungsstandard, den man erwarten muss.“

    Der Bericht zeige aber, dass grundsätzlich im Laufe der Ausbildung „die Strukturen da sind, dass man am Ende der Ausbildung ordentliche Deutsch-Kenntnisse hat“. Der Polizeigewerkschaftssprecher warnte aber, dass dies aufgrund des „mangelhaften Personalkörpers“ nicht mehr lange so sein wird.

    Die Probleme in der Berliner Polizeiakademie seien personalbedingt. „Weil einfach die Fördermaßnahmen und Instrumente zur Verbesserung nicht mehr ordentlich wahrgenommen werden können. Weil einfach Förderkurse ausfallen. Herr Strobel hatte explizit zu den Einstufungsdiktaten gesagt: ‚Die werden zwar noch geschrieben, aber nicht bewertet. Weil man einen Personalengpass hat.‘ Das sollte uns zu denken geben.“ Das Bildungsdefizit betreffe jedoch nicht alle Berliner Polizeischüler.

    GdP: „Aufgabe für Berliner Bildungspolitik“

    „Wir haben gute Bewerberinnen und Bewerber“, betonte Jendro. „Man muss bei der Berliner Polizei über einzelne Bewerber-Strukturen und Mechanismen nachdenken. Aber man muss auch beachten, dass wir ein Problem in unserem Bildungssystem allgemein haben und die Deutsch-Kenntnisse heutzutage nicht mehr dementsprechend sind, wie wir uns das wünschen.“

    Die Berliner Polizei könne in einer zweieinhalb-jährigen Ausbildung nicht dafür sorgen, „dass Leute, die keine Kenntnisse mitbringen, obwohl sie das Bildungssystem in Berlin durchlaufen haben“, schulisch auf Vordermann gebracht werden. „Man muss schon auch die Fragen stellen, ob bildungspolitisch während der Schullaufbahn überhaupt alles für junge Menschen heutzutage getan wird, damit die Deutschkenntnisse gut sind.“ Andererseits sollte sich die Landespolizei davor hüten, die Einstellungsanforderungen herunterzuschrauben.

    Note 6: Betrifft alle Auszubildende

    Im Sputnik-Interview betonte Jendro, dass keineswegs nur Auszubildende mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten bei der sprachlichen Kompetenz haben: „Wenn wir uns die Ergebnisse der Tests anschauen, betrifft das Auszubildende mit Migrationshintergrund wie auch ohne.“

    Die Polizeiakademie Berlin ist eine berufliche Bildungseinrichtung, die für die alleinige Aus- und Fortbildung im mittleren Dienst der Polizei des Landes Berlin zuständig ist. Sie wurde im Dezember 2016 eröffnet – und sorgte seitdem immer wieder für negative Schlagzeilen. Es gab Berichte über Bildungsdefizite der Auszubildenden und Disziplinlosigkeiten bis hin zur Begehung von Straftaten. Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte am Montag im Innenausschuss einen Führungswechsel an der Akademie an. Nach Medienberichten wird Polizeidirektorin Tanja Knapp, bisherige Chefin des Polizeiabschnitts 53 in Berlin-Kreuzberg, ab Juli die neue Leiterin der Einrichtung.

    Das Interview mit Benjamin Jendro (GdP Berlin) zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Steckte Berliner Polizist und Drogendealer unter einer Decke? Ermittlungen laufen
    Festnahme wegen Schmiergeld-Verdachts bei Berliner Polizei - Medien
    Zwangsurlaub für Akten – „Liegevermerke“ bei Berliner Polizei auf Rekordhoch
    Tags:
    Polizeischule, Mangel, Personal, Migrationshintergrund, Migranten, Polizei-Akademie, Polizei, Polizeigewerkschaft GdP, SPD, Landeskriminalamt (LKA), Andreas Geisel, Benjamin Jendro, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren