22:27 16 Juli 2018
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    Die Kornhausbrücke in Bern

    Heimat und Brücke – Schweizer Verein vermittelt russische Kultur und Geschichte

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    „Mostok“ – so nennt sich ein Verein in der Schweizer Hauptstadt Bern. Seine etwa 100 Mitglieder interessieren sich für russische Kultur sowie für Russland und die anderen ehemaligen Republiken der Sowjetunion. Die einen sind Schweizer, die anderen stammen aus verschiedenen ex-sowjetischen Nachfolgestaaten und leben und arbeiten in der Schweiz.

    „Mostok“ bedeutet auf Deutsch „kleine Brücke“ – und so versteht sich der Verein in Bern „als eine Kultur-Brücke zwischen den Menschen“, erklärte Barbara Schaefer beim Treffen in der Schweizer Hauptstadt erklärte. Die Literaturübersetzerin ist seit 22 Jahren dabei. Seit mehr als 25 Jahren gibt es die „Interessengemeinschaft für russische Kultur“, wie sich der Verein auf seiner Website selbst bezeichnet. Er hatte mal eine eigene Zeitung: In den 1990er Jahren mit dem Titel „Russkij Salat“ und später bis 2003 als „Most na Wostok“ („Brücke nach Osten“).

    „Unsere Ziele sind kulturell“, hob Michael Tschanz, seit zwei Jahren Präsident des Vereins, gegenüber Sputnik beim Treffen in Bern hervor. Neben dem früheren Mitarbeiter internationaler Organisationen und Schaefer war Michael Kasanskij ein Gründungsmitglied beim Gespräch in der Schweizer Hauptstadt dabei.

    Es gehe vor allem um die russische und postsowjetische Kultur, beschrieb Tschanz das Vereinsanliegen. Dazu werden Veranstaltungen und Ausflüge organisiert.

    Bei diesen ist ebenso die seit Jahrhunderten miteinander verbundene Geschichte der beiden Länder Thema, wie das Vereinsprogramm zeigt. Der Vereinspräsident erinnerte an eine Reihe von russischen Persönlichkeiten, die in den Jahrhunderten ihre Spuren in der Schweizer Geschichte hinterließen: So Leo Tolstoi, Michail Bakunin, Lenin, Sergej Rachmaninow oder Alexander Solschenizyn.

    Interessen der Mitglieder im Mittelpunkt

    Übersetzerin Schaefer ist seit 1996 Mitglied des Vereins und war selbst mehrere Jahre dessen Präsidentin, wie sie berichtete. „Mir liegt die Kulturarbeit und die Verbindung zwischen den Menschen am Herzen. Ich war früher einige Male in der Sowjetunion und dann nach 1992 im neuen Russland.“ Sie stammt aus Deutschland und übersetzt hauptberuflich polnische und russische Literatur ins Deutsche übersetzt, darunter Autoren wie Anton Tschechow.

    „Wir machen das, was die Mitglieder wollen“, erklärte Vereinspräsident Tschanz. „Einmal pro Monat haben wir einen Stammtisch. Wir versuchen, die Bedürfnisse unserer Mitglieder zu befriedigen.“ Jene aus der russischsprachigen Diaspora würden von Zeit zu Zeit Feste organisieren oder einfach nur russisches Essen kochen und russische Volksmusik hören. Hinzu kommen thematische Ausflüge und inhaltliche Veranstaltungen wie die im Juni 2017 mit dem Schweizer Autor Guy Mettan zu seinem Buch „Russland-Westen: Ein tausendjähriger Krieg“.

    Blick in die Geschichte

    Der Verein in Bern ist aus der früheren, in den 1940er Jahren gegründeten Gesellschaft Schweiz-UdSSR hervorgegangen, die 1992 aufgelöst wurde. Viele Mitglieder der Gesellschaft, die der kommunistisch orientierten Partei der Arbeit (PdA) nahestand, konnten gar nicht russisch, erinnerte sich Gründungsmitglied Kasanskij. Deshalb sei die Idee zu einem Sprachkurs entstanden. Dieser habe nach 1992 weiter existiert. Daraus sei kurze Zeit später der heute politisch und konfessionell neutrale Verein „Mostok“ entstanden. Damals seien auch viele neue Mitglieder hinzugekommen, die mit der Vorgängerorganisation nichts zu tun hatten.

    Die Mostok-Mitglieder Michael Tschanz, Barbara Schaefer und Michael Kasanskij (von links) vor der Kulisse von Bern
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    Die "Mostok"-Mitglieder Michael Tschanz, Barbara Schaefer und Michael Kasanskij (von links) vor der Kulisse von Bern

    Die Geschichte der Vorgängerorganisation spielt nach den Worten von Tschanz kaum mehr eine Rolle.

    Dennoch erleben die Vereinsmitglieder auch heute noch die latente Russophobie in der Schweiz, die von 1917 bis 1989 mit einem tief sitzenden Antikommunismus verbunden war. Das Gespräch mit ihnen gab einen kleinen Einblick in diesen Aspekt der Geschichte.

    Das hat damals unter anderem dazu geführt, dass in der Schweiz aus Angst vor einem befürchteten sowjetischen Angriff für die ganze Bevölkerung atombombensichere Zivilschutzbunkerr gebaut wurden. Welche grotesken Züge das annahm, beschreibt der Historiker Thomas Buomberger in dem 2017 erschienenen Buch „Die Schweiz im Kalten Krieg“. Dazu gehörte der Plan für eine eigene Schweizer Atombombe, wie „Mostok“-Präsident Tschanz bestätigte.

    Nachwirkungen bis heute

    Vereinsmitgründer Kasanskij hat als Kind aus einer russisch-schweizerischen Familie die damalige aufgehetzte Stimmung in der Eidgenossenschaft am eigenen Leib erlebt. Er sei zum Beispiel nach dem niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn 1956 und nach dem Ende des „Prager Frühlings“ 1968 für die sowjetische Politik als „der Russe“ persönlich verantwortlich gemacht worden. Das schilderte der heute 70-Jährige beim Gespräch in Bern.

    Vereinspräsident Tschanz erinnerte daran, dass damals die Schweiz das einzige westeuropäische Land war, in dem Wehrdienstverweigerer ins Gefängnis gesteckt wurden. Das habe am „extremen Feindbild“ bis in die 1980er Jahre gelegen, so Tschanz.

    Der Feind von einst existiert nicht mehr – „aber es gibt einen antirussischen Reflex, der beispielsweise  spürbar ist, wenn Medien den Begriff ‚Regime‘ verwenden, wenn sie über die russische Regierung berichten“, meinte der „Mostok“-Präsident.

    Im Verein gebe es unterschiedliche Sichten darauf, ob sich „Mostok“ zu aktuellen Ereignissen wie der zunehmenden westlichen Konfrontation gegenüber Russland äußern sollte. Für Mitgründer Kasanskij herrsche aktuell ein „regelrechter Informationskrieg“ als „Fortsetzung des Kalten Krieges“. Der alte Antikommunismus werde heute auf Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin übertragen. Das zeige sich zum Teil selbst innerhalb der Mitgliedschaft.

    Große Faszination für Russland

    Tschanz sieht angesichts der aktuellen Stimmung die Rolle von „Mostok“ darin, „die unabhängige Denkfähigkeit von Menschen zu unterstützen“. Es gehe darum, das kritische Denken zu fördern, um die Klischees über Russland hinterfragen zu können.

    „Es gibt im Westen auch eine große Faszination für Russland: Diese Weite, die Wildheit, der Wodka – und alles ist erlaubt. Da ist eine unheimliche Faszination da, die aber auch ins Gegenteil, in die negative Typisierung der Russen als Barbaren verkehrt wird. Beides ist problematisch.“

    Der Verein lässt sich von den antirussischen Reflexen wenig beeindrucken, wie die drei Mitglieder beim Gespräch in Bern deutlich machten. Sie beschrieben ihren Verein trotz der etwa 100 meist aktiven Mitglieder als nur klein. Es gebe bisher keine Kontakte zur russischen Botschaft in der Schweiz. Vereinspräsident Tschanz begründete das mit der Unabhängigkeit von „Mostok“.  Fördermittel oder Steuererleichterungen wie für gemeinnützige Vereine auch im Kulturbereich in der Bundesrepublik gibt es in der Schweiz es ebenfalls nicht. Der Verein lebe von den Mitgliedsbeiträgen, so Ex-Präsidentin Schaefer. Der Beitrag für eine Person betrage derzeit 40 Franken pro Jahr.

    „Ich glaube, wir sind so etwas wie Heimat“, sagte sie mit Blick auf die russischstämmigen Mitglieder. „Wir haben vor allem Russinnen bei uns im Verein.“ Das Verhältnis sei etwa 50 zu 50, beantwortete Vereinspräsident Tschanz die Frage, wie viele Mitglieder aus der Schweiz und aus Russland und Ländern der früheren Sowjetunion kommen.

    Vielfältige Aktivitäten

    In den letzten zwei Jahren hat der Verein Ausflüge organisiert: So nach Badenweiler, wo Anton Tschechow starb, auf den Gotthardpass, der von General Suworow in seinem berühmten Alpenfeldzug überquert wurde, in den Neuenburger Jura, der wegen seiner Kälterekorde als „Sibirien der Schweiz“ bekannt ist, und nach Luzern, wo LewTolstoi seine Kurzgeschichte „Luzern“ schrieb.

    Seit Bestehen des Vereins kamen eine Reihe von Autoren aus Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu Veranstaltungen. Es werde auch mit anderen Veranstaltern zusammengearbeitet, berichtete Tschanz.

    Als nächstes plant der Verein ein traditionelles russisches Sommerfest am Samstag, dem 30. Juni, in Lattrigen, am Ufer des Bielersees. Zum russischsprachigen Stammtisch wird jeweils am ersten Mittwoch des Monats, jeweils ab 19 Uhr, im Restaurant „Casa d’ Italia“ in Bern eingeladen. Das Programm ist auf der gut gepflegten und übersichtlichen Website von „Mostok“ zu finden.

    Tags:
    Tradition, Austausch, Kultur, Geschichte, Kalter Krieg, Suworow, Sergei Rachmaninow, Leo Tolstoi, Bern, Schweiz, Russland
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