22:11 15 Dezember 2018
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    Lehrbuchpräsentation in der Botschaft Österreichs in Moskau

    Geschichte darf nicht Geisel von Politik werden – russ. und österr. Historiker

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    Nikolaj Jolkin
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    Trotz einiger sensibler Themen der österreichisch-russischen Geschichte ist es den Historikern beider Länder gelungen, ein gemeinsames Lehrbuch für Geschichtslehrer von Mittelschulen und Gymnasien sowie für Studierende unter dem Titel „Österreich – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte“ in Russisch und Deutsch herauszugeben.

    Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung (BIK) in Graz nannte das Buch einen „Meilenstein der Zusammenarbeit“:

    „Das Besondere daran ist, dass alle Kapitel gemeinsam geschrieben worden sind, jeweils von russischen und von österreichischen Fachleuten, von Herberstein vor 500 Jahren bis in die Gegenwart, d.h. ein ganzer großer Bogen. Dabei haben wir eine gemeinsame Sprache gefunden.“

    Die verständliche, anfängliche Skepsis gegenüber der Möglichkeit einer gemeinsamen Verfassung der Kapitel des Buches erwies sich schließlich als unbegründet. Prof. Stefan Karner, der als erster russische Archive erschlossen hat und einer der Mitherausgeber des Lehrbuches ist, erinnert sich an die Arbeit mit den russischen Kollegen:

    „Die Beziehungen waren nicht immer friktionsfrei, aber immer von einem Geist der gegenseitigen Wertschätzung getragen. Das hat sich seit Siegmund Herberstein nicht verändert. Dieser österreichische Diplomat aus dem 16. Jahrhundert hat Russland dem Westen damals wesentlich erschlossen.“

    Eines komme in dem Buch ganz klar zum Ausdruck, betont der renommierte Historiker, nämlich „dass Russland ein Teil Europas ist und dass die Grenzen Europas nicht die Grenzen der EU sind, sondern weit darüber hinaus bis zum Ural und Schwarzen Meer gehen. Wir haben uns lange in Diskussionen um einen gemeinsamen Text bemüht. Und er ist da und dort zwar ein Kompromiss, aber ein Kompromiss, den alle Beteiligten mittragen können, weil sie auch mit schwierigen Formulierungen einverstanden sind.“

    • Barbara Stelzl-Marx (r.) präsentiert das Lehrbuch
      Barbara Stelzl-Marx (r.) präsentiert das Lehrbuch
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    • Herausgeber des Lehrbuches Karner (r.) und Tschubarjan
      Herausgeber des Lehrbuches Karner (r.) und Tschubarjan
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    Barbara Stelzl-Marx (r.) präsentiert das Lehrbuch

    Karner führt ein Beispiel der Roten Armee in Österreich an: „Es ging darum, wie wir die Plünderungen und Vergewaltigungen, die an sich in der Geschichtsforschung klar sind, jetzt in der Publikation transportieren werden. Und wir haben nichts unter den Teppich gekehrt. Wir haben das ganze Bild entworfen. Es ging parallel dazu auch um Erbsenspenden, Hilfeleistungen und um vieles andere.“

    Dieses Bild entspreche der Realität. Innerhalb dieses großen Bildes habe alles seinen Platz gehabt, und alles sei historisch belegbar, fügt der BIK-Gründer hinzu:

    „Wir haben diese Geschichte nicht als Propaganda für irgendeine Seite gemacht, sondern wir sind ad fontes, zu den Quellen, gegangen und haben von den Quellen heraus gearbeitet. Und daher kann man uns auch da nicht angreifen.“

    Es gebe historische Bücher, merkt Akademiemitglied Alexander Tschubarjan, der russische Mitherausgeber, an, „in denen die Tatsachen tendenziös behandelt werden. Das ist in der Regel bei heiklen geschichtlichen Stoffen und strittigen Themen der Fall. Mit Österreich haben wir keine solchen strittigen Themen. Und wenn doch, dann sind sie minimal. Außerdem ist es kein folgerichtiges Lehrbuch. Die Themen wurden von uns ausgewählt. Deshalb ist das Buch absolut wahrheitsgetreu.“

    Was die Geschichtsfälschung in einigen Ländern, vor allem die der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, angeht, so meint der prominente russische Historiker, dass es in der Regel um eine spekulative Erscheinung gehe, „die mit der äußersten Politisierung und Ideologisierung der Geschichte einhergeht, gegen die aktiv anzukämpfen ist. Sonst wird die Geschichte zur Geisel der Politik.“

    Es gebe Themen, so Tschubarjan, die für Russen heilig sind, etwa der Krieg: „Und wenn ein Prozess seiner Verfälschung läuft, reagieren wir darauf sehr empfindlich. Überdies kommen bei der Bewertung des Zweiten Weltkrieges offenkundige Ungereimtheiten vor. Die Befreiungsmission der Roten Armee wird nicht nur in Polen, sondern auch in anderen osteuropäischen Ländern geleugnet. Dabei wird das Problem der Befreiung vom Nationalsozialismus mit dem durcheinandergebracht, was in diesen Ländern später vorgegangen ist, nachdem ein Regime nach Art des sowjetischen errichtet worden war.“

    Dies sei aber aus seiner Sicht eine andere Geschichte, die nach der Befreiung Polens und anderer Länder Osteuropas vom Nationalsozialismus begonnen habe.

    „Es hat keinen Sinn, beides durcheinanderzuwerfen, genauso, wie Denkmäler für Sowjetsoldaten abzureißen. Es ist eine emotionale Sache. Denkmäler soll man unbehelligt lassen. Es wird zwar erklärt, kein einziges Denkmal auf Friedhöfen sei abgetragen worden. Das stimmt. Doch es werden Denkmäler für sowjetische Soldaten, die Befreier, abgetragen. Und dies stößt bei uns auf Ablehnung.“

    An dem österreichisch-russischen Geschichtsbuch haben etwa 30 Historiker beider Länder drei Jahre lang gearbeitet. Der 228-seitige Lehrbehelf beleuchtet die russisch-österreichische Geschichte seit dem 16. Jahrhundert und stellt die wichtigsten Etappen der gegenseitigen Beziehungen in den Fokus. Vom Wiener Kongress über den Krimkrieg bis hin zum Ersten Weltkrieg, als dessen Folge beide Imperien zerbrachen. Der Zweite Weltkrieg forderte auf beiden Seiten ungeheure Opfer an Soldaten und Zivilisten. Zehntausende Österreicher sind auf russischem Gebiet begraben, Zehntausende sowjetische Soldaten liegen unter österreichischer Erde. Im Kalten Krieg wurde Wien ein neutraler Brückenbauer zwischen Ost und West und bleibt es bis jetzt.

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    Tags:
    Lehrbuch, Forschung, Fälschung, Mission, Befreiung, Denkmäler, Geschichte, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung (BIK), Rote Armee, Graz, UdSSR, Russland, Sowjetunion, Österreich