00:49 26 September 2018
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    Signaturen der sowjetischen Soldaten an den Wänden des Reichstags

    Was steckt hinter den Graffitis der Roten Armee im Reichstag? – Video

    © AFP 2018 / John Macdougall
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    Bolle Selke
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    Nachdem sie Berlin von Hitlerdeutschland befreit haben verewigten sich Rotarmisten mit ihren Signaturen an den Wänden des Reichstags. Über 700 Namen und Nachrichten sind noch erhalten. Karin Felix hat darüber ein Buch geschrieben.

    „Ich möchte die Geschichten der Menschen erzählen“, erläutert Karin Felix ihre Motivation für das Buch „Ich war hier – Die Graffiti im Reichstagsgebäude“. Felix war für den Besucherdienst des Deutschen Bundestags tätig. Sie führte Besucher durch den Reichstag und zeigte auch die Inschriften. 2001 fragte sie ein Kollege von der Bundestagspolizei: „Du weißt doch, was da an Wänden steht. Hast du den Namen Sapunov schon mal gesehen?“

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    Was steckt hinter den Graffitis der Roten Armee im Reichstag? – Video

    Die Menschen hinter den Kritzeleien

    Felix erzählt:

    „Bei den vielen Namen kann ich mir das nicht merken. Ich habe sie dann zum Nordflügel geschickt, dort sind die meisten Inschriften, und schnell Infomaterial auf Russisch geholt. Sie schienen dann einen Namen gefunden zu haben. Ich fragte nach einer Visitenkarte und vor mir stand dann Boris Sapunov, ein Professor für Geschichte an der Eremitage in Sankt Petersburg. Das war das erste Mal das ich jemanden persönlich getroffen habe, der das geschrieben hat.“

    2005 kam dann wieder ein Gast der seinen Namen suchte. Der kam aus Israel. Das war Boris Zolotarevsky. Auch dessen Namen haben wir gefunden. Er hat mich dann nach Israel eingeladen. Nach dieser Begegnung haben mich dann auch russische Freunde in Berlin bearbeitet, dass ich ein Buch darüber schreiben müsste. So habe ich dann angefangen Fotos zu organisieren.     

    Wie haben die Graffitis überlebt? 

    „Direkt nach Kriegsende sind überall Inschriften gewesen – Fassade, innen, außen“, berichtet Felix. „Das Haus stand ja 21 Jahre als Ruine da und ist dann durch Professor Paul Baumgarten in einem modernen Nachkriegsstil  umgestaltet worden. Dazu hat man ganz viel Bausubstanz aus den Innenräumen herausgeholt, begradigt und große Strukturen herein gebracht. Natürlich sind da auch die Inschriften zum Opfer gefallen. Das was von alter Bausubstanz noch da war, hat man dann verdeckt indem man Rehgipswände davor gesetzt hat und so neu gestaltet hat.“

    • Reichstagsgebäude im Mai 1945
      Reichstagsgebäude im Mai 1945
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    • Karin Felix vor dem Bundestag
      Karin Felix vor dem Bundestag
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    Reichstagsgebäude im Mai 1945

    Als der Architekt Norman Foster den Reichstag nach Wiedervereinigung die Mauern entfernen ließ, wurden die übrigen Autorgramme und Nachrichten gefunden. Die vorgefundenen „Zeichen der Geschichte“, wie Foster die Graffiti nannte, wurden unter der Betreuung des Landeskonservators und in Abstimmung mit der Baukommission und dem Kunstbeirat des Deutschen Bundestages gereinigt und konserviert. Felix beschreibt sie so:

    „Das meiste sind Namen um die eigene Identität zu hinterlassen. Manche schrieben woher sie kamen, die Marschrouten, natürlich auch Emotionen, die nicht immer nur gerade sehr huldvoll waren. Das ist absolut verständlich. Was war denn los während des Krieges an den Fronten? Begeistert waren die Soldaten nicht gerade, egal auf welcher Seite, so einen schrecklichen Krieg miterleben zu müssen. So sind auch einige Schriften an der Wand, das habe ich auch genauso übersetzt, wie es da steht. Man darf auch nicht vergessen, dass es zum Teil ganz junge Soldaten waren. Als der Krieg begann waren die 14, 15 Jahre alt. Als die dann hier waren drei, vier Jahre älter. Ich habe auch Briefe, die im Buch gezeigt werden: ‚Wir sind hier, stehe auf der Treppe des Hauses wo Hitler gearbeitet hat. Liebe Eltern, hebt diesen historischen Brief auf.‘“

    17 Jahre Arbeit

    Das Buch beginnt am 30. April 1945, mit dem ersten russischen Soldaten, der als Erster auf dem Dach des Gebäudes war. Auch den hat Karin Felix getroffen. Das weltbekannte Foto von Jewgeni Chaldej wurde erst am 2. Mai geschossen. Zuvor waren am 30.April schon fünf Soldaten auf dem Dach. Die Flagge der Sowjetunion auf dem Reichstagsgebäude hat Michail Minin gehisst. Dreißig Geschichten hat Karin Felix aufgeschrieben, besonders berührt hat sie diese:

    „Eine Familie hat den Sohn des Vaters gesucht, der aus seiner Ehe mit einer Deutschen entstammte. Der russische Soldat hatte in Leipzig eine junge Frau getroffen und sich in sie verliebt. Sie haben sogar geheiratet und einen Sohn gehabt. Er hat das aber nirgendwo in der Kommandantur erzählt und musste dann zurück. Er wollte gerne seine Familie mitnehmen, ist dann aber nicht nach Hause gekommen. Man hat ihn gleich einbehalten und ihm gesagt: ‚sei froh wenn du nicht erschossen wirst.‘ Er durfte keinen Kontakt mehr zur Familie haben und musste unverzüglich zurück in die Sowjetunion. Hat von dort seine Frau gesucht, aber keine Antwort bekommen. Die Tochter aus der nächsten Ehe erzählte mir, dass sie schon ganz lange den Bruder suchte. Ich habe ihn dann gefunden, aber bisher bestand von der anderen Seite kein Interesse am Kontakt.“

    Ob es doch noch ein Happy End gibt, kann man eventuell in Felix‘ Buch „Ich war hier – Die Graffiti im Reichstagsgebäude“ nachlesen. Nach 17 Jahren Arbeit erscheint das Buch im vierten Quartal 2018 im Berliner Wissenschafts-Verlag.

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    Tags:
    Signaturen, Gedenkstätte, Unterschriften, Graffiti, Soldaten, Geschichte, Der Zweite Weltkrieg, Reichstag, Rote Armee, Bundestag, Karin Felix, Drittes Reich, Sowjetunion, UdSSR, Berlin, Deutschland, Russland