16:46 20 Juli 2018
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    Wozu Wessis die Ossis brauchen – Westdeutsche Dominanz statt echter Einheit

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Vielsagend, aber nicht überraschend: So findet der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe aktuelle Erkenntnisse, nach denen die bundesdeutschen Medien Ostdeutschland vor allem als Problemzone darstellen. Er bescheinigt den Westdeutschen, allgemeine Probleme auf ostdeutsche Eigenarten zurückzuführen, um das westdeutsche Selbstbild zu schützen.

    Offensichtlich werden in den westdeutsch dominierten Medien der Bundesrepublik die Ostdeutschen und Ostdeutschland immer noch „als etwas Fremdes“ dargestellt. Das hatte der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe in seinen Untersuchungen bereits vor zehn Jahren festgestellt. Dieser Trend halte an, sagte er gegenüber Sputnik mit Blick auf die jüngste Studie des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) zur Presseberichterstattung über Ostdeutschland.

    Thomas Ahbe
    © Foto : Tom Schulze
    Thomas Ahbe

    Der MDR hatte in einer kürzlich veröffentlichten Auswertung von über 170 Millionen Presse-Beiträgen seit 1990 festgestellt, die Probleme Ostdeutschlands würden die Berichte über die Situation im einstigen DDR-Gebiet beherrschen. Dagegen käme zum Beispiel die reichhaltige ostdeutsche Kulturlandschaft zu kurz, während die Wirtschaft an erster Stelle stehe.

    Problemzone Ostdeutschland

    Die Ergebnisse findet er nicht überraschend, aber vielsagend, so Ahbe im Gespräch mit Sputnik. Der von der MDR-Studie bestätigte Trend sei von ihm selbst und anderen Wissenschaftlern schon vor Jahren beschrieben worden. Gemeinsam mit Rainer Gries und Wolfgang Schmale hatte Ahbe im Jahr 2009 das Buch „Die Ostdeutschen in den Medien – Das Bild von den Anderen nach 1990“ herausgegeben. In einer unlängst auch auf Russisch erschienenen Publikation setzt er sich mit der „Ostalgie“ und den ostdeutschen Erfahrungen und Reaktionen nach dem Umbruch 1989/90 auseinander.

    Er habe schon 2004 in einem Aufsatz darauf hingewiesen, dass Ostdeutschland und seine Bewohner vorrangig als Problem gesehen und dargestellt würden. Das geschehe vor allem, um das Selbstbild und die Identität der Westdeutschen zu schützen, so die These des Wissenschaftlers.

    Westdeutsche Dominanz

    Er sieht es als normal an, dass Medien vorrangig über Probleme und Konflikte berichten. „Das ist das Futter und der Treibstoff der Medien: Probleme, Skandale, die Dinge, die nicht funktionieren. ‚Bad news are good news‘ – das wissen wir.“ Die MDR-Studie zeige aber, dass die von der Presse berichteten Probleme hauptsächlich auf Ostdeutschland bezogen werden und weniger beim Blick auf Westdeutschland. Das gelte auch für das Thema Rechtsextremismus.

    Ahbe führt wie der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen als Ursache an, dass das Mediensystem der Bundesrepublik personell westdeutsch dominiert ist. Dies zeige sich an den Eigentumsverhältnissen und Führungsetagen in Verlagen und Redaktionen. „Das schlägt sich tatsächlich auf die Art nieder, wie auch durch die ostdeutsche Lokalpresse über die Ostdeutschen berichtet wird.“

    Herausforderung DDR

    Immer noch würden innere Probleme der gesamten Bundesrepublik und ihrer westlichen Bundesländer nach außen verlagert, „indem sie dem Osten zugeschrieben werden: Das ist die AfD, das ist der Rechtsextremismus, nichtfunktionierende Strukturen oder die sogenannten abgehängten Regionen“. Ahbe erklärte das so: „Diese Art, die Welt zu sehen, schützt natürlich das eigene Ich, das westdeutsche Ich, indem man immer noch sagen kann: Eigentlich funktioniert unser System ganz gut, wenn wir nicht diese Ostdeutschen hätten, die immer noch nicht verstanden haben, wie das funktioniert, und die sich nicht genügend anstrengen, an den falschen Stellen mit den falschen Parolen protestieren und hier alles mit nach unten ziehen.“

    Aus Sicht des Wissenschaftlers spielt bei alledem immer noch die Zeit der DDR eine Rolle: „Wir haben 40 Jahre lang Kalten Krieg gehabt. Wir haben 40 Jahre lang mehrere Generationen gehabt, die durch diese ideologische Konkurrenz geprägt sind. Diese Identität kann man nicht von heute auf morgen, nur weil eine Vereinigung stattgefunden hat, ablegen.“ Die Zeit der DDR sei eine Herausforderung, „ein permanenter Punkt, an dem man sich reibt“.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Wenn SED-Millionen in Rauch aufgehen sollen – Skurrile Ost-Berliner Wünsche

    Ost-Sender als Anker

    Der MDR mit seinem Programm selbst stelle in gewisser Hinsicht eine Ausnahme dar, findet der Wissenschaftler. Der Sender nehme auf die erlebte Vergangenheit seines Publikums Rücksicht, berichte darüber und wiederhole DDR-Sendungen und —Filme. „Im MDR steht ein Stückchen DDR wieder auf. Das Publikum findet hier seinen Anker.“

    Ahbe stimmt dem Vorschlag von Meyen zu, mehr Ostdeutsche in die Redaktionen und die Entscheidungsetagen der Medien zu bringen. Medien würden nicht die Wirklichkeit widerspiegeln, sondern Bilder von dieser konstruieren. Über die Art der Bilder würden jene entscheiden, die in den Redaktionen arbeiten. Dieses Problem sei bereits diskutiert und beispielsweise im Fall der Migranten aufgegriffen worden. „Man müsste tatsächlich über eine Ost-Quote nachdenken.“

    Für den Leipziger Wissenschaftler ist die „Ostalgie“ ein Phänomen vor allem der 1990er Jahre. Sie brachte die Meinung der früheren DDR-Bürger angesichts der erlebten Abwertung der eigenen Erfahrungen zum Ausdruck: „Unser Leben war auch etwas wert. Was hier produziert wurde, ist uns wichtig, und das holen wir wieder aus den Kellern raus und halten es in Ehren.“

    Ignoranz der Eliten

    Dagegen seien Erscheinungen wie die ostdeutsche „Pegida“-Bewegung eine Reaktion auf „allgemeine Probleme der heutigen kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaft“, vermischt mit besonderen Problemen Ostdeutschlands. Ahbe verwies dabei auf den erlebten Rückzug des Staates gegenüber der Wirtschaft, wenn es um die sozialen Interessen seiner Bürger geht, und die daraus erwachsende Unzufriedenheit.

    In Ostdeutschland sei diese Situation zugespitzt, insbesondere durch „das beispiellose Wegbrechen der Wirtschaft“ sowie die politische und mediale Geringschätzung der ostdeutschen Lebensleistungen und Wertvorstellungen. Das habe auch zu Frust gegenüber den Medien geführt. Selbst in der Lokalpresse würden die Ostdeutschen darüber belehrt, dass sie von den bundesdeutschen Verhältnissen nur wenig verstünden und falsche Werte hätten, hob Ahbe hervor. Und: „Die Leute haben ziemlich lang erfahren, dass sie keine Resonanz von den politischen Eliten bekommen.“

     Das Interview mit Dr. Thomas Ahbe zum Nachhören:

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    Tags:
    Lügenpresse, Medien, PEGIDA, Ostdeutschland, BRD
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