03:13 13 November 2018
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    Hauptsache Sonnenschein? – Was Ostdeutschland lebenswert macht und was nicht

    © AFP 2018 / TOBIAS SCHWARZ
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Der Osten der Bundesrepublik hinkt weiter dem Westen hinterher. Darauf macht der Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch im Sputnik-Interview aufmerksam. Er widerspricht einer ZDF-Studie. Diese behauptet, die Lebensqualität im Osten sei vor allem in Sachen Freizeit und Natur deutlich gestiegen und nähere sich dem Westniveau an.

    Die ostdeutschen Regionen schneiden bei der Lebensqualität in Deutschland nicht so schlecht ab wie erwartet. Das behauptet zumindest eine im Mai veröffentlichten Studie im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Das von der Prognos AG Basel für den TV-Sender erstellte Material bescheinigt Ostdeutschland vor allem im Bereich „Freizeit & Natur“ sehr gute Werte. Gleich fünf der Kreise und Städte unter den Top-Zehn in dieser Rubrik liegen in Ostdeutschland. Der Landkreis Vorpommern-Rügen ist dabei deutlich vor Düsseldorf, Chemnitz, Leipzig und Erfurt zu finden.

    Dr. Ulrich Busch
    © Foto : Privat
    Dr. Ulrich Busch

    Bei „Arbeit & Wohnen“ und „Gesundheit & Sicherheit“ sind dagegen unter den besten zehn Kreisen und Städten keine ostdeutschen zu finden. Mit Potsdam hat es auch nur eine ostdeutsche Stadt neben neun westdeutschen Orten und Regionen an die Spitze der Gesamtwertung geschafft. Dennoch bescheinigt die Studie dem Osten der Bundesrepublik nur noch einen Abstand von drei Punkten (von 300) mit Blick auf die durchschnittliche Lebensqualität.

    Ausgeblendete Fakten

    Der Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch sieht in den vermeintlichen Vorzügen Ostdeutschlands „zu einem nicht geringen Teil die Kehrseite der geringen Wirtschaftskraft, Unterbeschäftigung, Abwanderung und wirtschaftlichen Vernachlässigung“. Das schrieb er in einem Beitrag für die Online-Zeitung „Das Blättchen“. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung Ostdeutschlands und ist Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V.

    Gegenüber Sputnik bezeichnete er die Studie von ZDF und Prognos als „interessant“. Sie lasse aber wichtige Fakten und Zusammenhänge aus. Zwar habe es seit 1990 in Ostdeutschland Fortschritte gegeben. Dennoch hat sich der Abstand zu Westdeutschland nicht verringert. Der Grund dafür laut Busch: Auch der Westen ist nicht auf dem Niveau von vor mehr als 27 Jahren stehengeblieben.

    Willkürliche Auswahl

    Hinzu komme, dass sich die einzelnen Regionen in Ost und West jeweils unterschiedlich entwickelt haben. Auch sei bei den Kriterien der Studie eine Auswahl getroffen worden, in der zum Beispiel die Einkommens- und Vermögensverhältnisse keine Rolle spielten. Bei „Freizeit & Natur“ würde natürlich ein Landkreis wie Vorpommern-Rügen mit wenig Industrie und relativ intakter Natur und Erholungsgebieten gut abschneiden.

    Busch mahnte an: „Das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass gerade in diesen Landkreisen häufig wenig Arbeitsplätze verfügbar sind, vor allem wenig qualifizierte Arbeitsplätze. Damit ist die Einkommens- und Vermögenslage relativ ungünstig. Nun hat die Prognos AG das Eine gegen das Andere aufgerechnet: Niedriges Einkommen gegen die Zahl der Sonnenstunden, als ein extremes Beispiel. Das halte ich für fragwürdig.“ Eine solche Aufrechnung „entspricht vielleicht der Wahrnehmung einiger Soziologen“, stellte Busch bereits im „Blättchen“ fest. „Breite Zustimmung hierzu ist indes kaum zu erwarteten.“

    Ostdeutscher Rückstand

    Für die Studie seien vor allem subjektive Kriterien wie Wohlfühlen und Heimatgefühle ausgewählt worden, so der Wissenschaftler. Aus seiner Sicht müsste einer solchen subjektiven Befragung eine objektive Analyse der Lage vorangestellt werden. Die Daten zum Beispiel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) würden den anhaltenden Rückstand des Ostens zeigen: So lag laut Busch der ostdeutsche Anteil am gesamtdeutschen BIP im Jahr 2000 bei elf Prozent, 18 Jahre später bei 10,9 Prozent. Sein Fazit: „Wo ist da der Fortschritt?“

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    Insofern stünde die für das ZDF eingeschätzte Lebensqualität auf „wackligen Füßen“, meinte der Wirtschaftswissenschaftler. Eine solche Studie könne nur veröffentlicht werden, „wenn man die eine Sache ausblendet und eine andere überbewertet“. Busch erinnerte mit Blick auf die anhaltend unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Ost und West daran, dass das ostdeutsche Einkommensniveau weiter bei nur 75 bis 80 Prozent des westdeutschen liegt. Einen ebenso deutlichen Unterschied gebe es bei den Vermögensverhältnissen in Ost und West:  Der Osten liegt hier bei nicht viel mehr als 30 Prozent des Westniveaus – und das relativ konstant seit 1990.

    Unsinniger Vergleich

    Die heutigen Verhältnisse auf dem früheren DDR-Gebiet seien mit jenen in dem untergegangenen Land nicht zu vergleichen, betonte Busch. „Das war ein anderes System, und damit ist ein Vergleich schon von vornherein schwierig, wenn nicht sogar ausgeschlossen. Vergleiche zwischen unterschiedlichen Systemen sind im Prinzip nicht möglich, weil man völlig andere Kriterien anlegen würde. Das führt in die Irre, so etwas zu versuchen.“

    Für Busch ist unstrittig, dass das ostdeutsche Lebensniveau heute gegenüber den DDR-Verhältnissen „deutlich besser“ geworden ist. Das gelte aber ebenso in den westdeutschen Bundesländern gegenüber den BRD-Verhältnissen vor 1990. Der Ökonom sagte zur Frage der Deindustrialisierung in Ostdeutschland, dass ein Umbau der Wirtschaft nach 1990 „unverzichtbar“ gewesen sei. Aber anstelle der alten Industrie, die abgerissen wurde, sei in zu geringem Maß eine neue geschaffen worden. Die neuen Standorte seien im Osten „sehr dünn gesät“.

    Fehlende Reindustrialisierung

    Dagegen seien im Süden der alten Bundesrepublik „in erheblichem Maß neue Strukturen geschaffen worden“. Das Problem sei, dass in Ostdeutschland zu wenig reindustrialisiert worden sei. Das sorge für die anhaltend ungünstige Lage bei Arbeitsplätzen, Einkommen und in der Lebensqualität im Osten.

    „Wer braucht den Osten?“ wollte eine dreiteilige Doku-Serie des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) unlängst wissen. Der Sender gab mit verschiedenen Beispielen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine positive Antwort, trotz aller Probleme. Wirtschaftswissenschaftler Busch sieht das ebenfalls positiv, wie er im Interview sagte. So seien zahlreiche ostdeutsche Unternehmen mehr als nur noch „verlängerte Werkbänke“ westdeutscher oder internationaler Konzerne.

    Wertvoller Osten

    Für ihn gehören die höhere Kulturdichte und die zahlreicheren Naturschutzgebiete in Ostdeutschland dazu. „Die sind natürlich für Gesamtdeutschland eine wertvolle Angelegenheit. Das ist nicht zu bestreiten.“ Dennoch sei der Osten eine wirtschaftlich abgehängte Region und stehe „eindeutig hinter dem Westen zurück“.

    Busch erinnerte dabei daran, dass „der Westen erheblich von Ostdeutschland in den letzten 27 Jahren profitiert hat“, so durch die Abwanderung junger und gutausgebildeter Menschen – seit 1990 insgesamt 2,5 Millionen. „Sie sind nicht wiedergekommen und auf Dauer ein Zugewinn für westdeutsche Regionen und Unternehmen gewesen.“ Auch bei der Frage der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente werde weggelassen, dass im Osten Rentner leben, deren Kinder oftmals im Westen arbeiten und dort ihre Beiträge zahlen. „Das sind Dinge, die man mal so aussprechen muss. Das wird aber meistens anders diskutiert, als würde der Osten dauerhaft durch den Westen alimentiert.“

    >>Mehr zum Thema: Kluge Wessis versus dumme Ossis? Ein Graben durchzieht Deutschland

    Mit Blick auf die Eigentumsverhältnisse in Ostdeutschland stellte Busch fest, dass zum Beispiel Immobilien vorwiegend in westdeutscher oder ausländischer Hand sind. Das führe zu einem Transfer der von Ostdeutschen gezahlten Mieten in den Westen – „inzwischen etwa so hoch wie der umgekehrte Transfer“. Sein Fazit: „So entsteht ein etwas anderes Bild, als es im Allgemeinen verbreitet wird.“

    Das komplette Interview mit Dr. Ulrich Busch zum Nachhören:

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