03:00 23 September 2018
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    Vilnius, Litauen (Symbolbild)

    Stirbt Litauen aus? – Bevölkerungsforscher appellieren an Regierung und Volk

    CC BY-SA 2.0 / Sergey Galyonkin / Vilnius, Lithuania
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    Andreas Peter
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    Litauen hat einige Probleme, nicht zuletzt strukturell-ökonomische. Dennoch setzt die Regierung in Vilnius Prioritäten, die bei Experten im Land zunehmend Sorgenfalten produzieren. Einer der wichtigsten Bevölkerungsforscher Litauens hat jetzt mit drastischen Worten bedrohliche Szenarien skizziert, sollte Litauens Regierung nicht endlich umsteuern.

    Litauen ist ein kleines Land. Erst recht, was seine Einwohnerzahl angeht. In der deutschen Hauptstadt Berlin leben mehr Menschen als in ganz Litauen. Das Land leidet unter kontinuierlicher Abwanderung. Als es nach der Auflösung der Sowjetunion 1990 seine staatliche Unabhängigkeit feierte, geriet dabei aus dem Blick, dass bereits zu diesem Zeitpunkt ein Exodus einsetzte. Dieser setzt sich bis heute mit unterschiedlichem Tempo, aber gleichbleibender Tendenz fort.

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    Anfangs war die Abwanderung des einst mehr als 3,7 Millionen Einwohner zählenden Landes noch einigermaßen nachvollziehbar erklärt worden mit der Emigration von russischstämmigen Litauern. Sie wanderten wegen der rasch anwachsenden Russlandfeindlichkeit im Land nach Russland aus. Doch irgendwann ließ sich nicht mehr wegdiskutieren, dass die Abwanderung aus Litauen grundsätzliche strukturelle Gründe hat, die im Land selbst zu suchen sind.

    Drei schwere Krisen nach 1990

    Litauen hatte seit 1990 drei schwere Einbrüche zu verkraften, von denen sich die Ökonomie des Landes nur langsam oder bis heute nicht erholt hat. Zum einen hatte der Austritt aus der Sowjetunion ähnlich radikale Konsequenzen wie die Währungsunion der DDR mit der BRD. Zum anderen war der EU-Beitritt 2004 nicht die erhoffte Frischzellenkur, die sich alle davon versprochen hatten, sondern ein weiterer Aderlass. Und die Finanzkrise 2008 war für die litauische Wirtschaft dann auch noch wie ein Schlag in die Magengrube eines sich gerade mühsam wieder aufrichtenden Boxers.

    Ökonomische Spaltung

    Das Ergebnis dieser Rosskur sind vergleichsweise respektable Wachstumsraten und vor allem ein überaus technologie- und innovationsfreundliches Klima im Land, das aber zugleich zutiefst gespalten ist. Denn die durchaus vorhandenen Erfolge kommen nur einer Minderheit zugute. Das Einkommensniveau liegt deutlich unter EU-Durchschnitt, bei durchschnittlich ähnlich hohen Preisen wie in Westeuropa. Nach offiziellen Angaben der litauischen Regierung lebten 2016 etwa 30 Prozent ihrer Staatsbürger in Armut – damals immerhin sieben Prozent mehr als im EU-Durchschnitt.

    Die Arbeitslosigkeit konnte zwar seit dem dramatischen Hoch von 2010 (17,8 Prozent) mehr als halbiert werden (2017: 7,1 Prozent). Aber das eigentliche Drama für Litauen ist die anhalten hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die Zahlen sind inzwischen wieder weit von jenen 35,7 Prozent des Jahres 2010 entfernt. Aber mit zuletzt über 12 Prozent im Mai 2018 ist der Existenzdruck gerade für die nächste litauische Generation immens.

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    Wirtschaftsliberale Medien wie die Neue Zürcher Zeitung singen das Loblied auf den freien Markt für Litauen. Oder sie zitieren Vytautas Zukauskas vom Lithuanian Free Market Institute mit den Worten, „dass das Arbeitsangebot und die Arbeitssuchenden nicht zusammenpassen“. Die Wirtschaft frage Facharbeiter nach und damit spezifische Qualifikationen, die die Arbeitslosen oft nicht mitbrächten.

    Litauen als Auswanderungsland

    Welche „spezifischen Qualifikationen“ das sind, fragen sich nicht zuletzt viele junge Litauer, die einen Studienabschluss haben. Selbst ein Arzt verdient in Litauen nur 600 Euro. Es wundert daher nicht, dass es vor allem die Jugend Litauens ist, die sich unter jenen nach zehntausenden zu bemessenden Auswanderern befindet.

    Mittlerweile hat Litauen nur noch etwas mehr als 2,8 Millionen Einwohner. Seit 2015 steigen die Zahlen der Auswanderer sogar wieder an. Im Jahr 2017 waren es 50.000, was für litauische Verhältnisse ungefähr so ist, als wenn in Deutschland in einem Jahr eine mittlere Großstadt komplett auswandert. Zusammen mit dem ungünstigen Verhältnis zwischen sinkender Geburten- und steigender Sterberate sinkt die Bevölkerung Litauens nicht nur immer weiter, sondern die verbliebene Bevölkerung wird auch immer älter. Und das in einem mehrheitlich katholischen Land, in dem Familie und Kinder nach wie vor einen hohen Stellenwert haben.

    Höchste Selbstmordrate in Europa

    Der große Einfluss der katholischen Kirche auf das Alltagsleben in Litauen wird von Experten auch für ein Drama mit verantwortlich gemacht, das sich beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten abspielt. Litauen ist seit Jahren das europäische Land mit der höchsten Selbstmordrate, weltweit rangiert es auf Platz acht. Jeder siebte Suizid wird von einer Frau verübt. Vor allem im ländlichen Raum.

    Die von der Katholischen Kirche geförderte Kultur des Verschweigens psychischer Probleme und der Behandlung von Selbstmordopfern als quasi Geächtete wird von den meisten Fachleuten als Hauptgrund für das Phänomen angesehen. Experten verweisen aber auch darauf, dass die prekären materiellen Lebensverhältnisse und —perspektiven Litauens eine Rolle spielen.

    Nur noch sechs Jahre zum Reagieren

    Die demographische Gesamtsituation ist in Litauen inzwischen so dramatisch, dass einer der wichtigsten Wissenschaftler des Landes, der sich mit demographischen Fragen beschäftigt, eindringliche Warnungen nicht mehr nur an die Regierung, sondern an die gesamte lettische Gesellschaft gerichtet hat. Boguslavas Gruževskis, Leiter des Staatlichen Lettischen Instituts für Arbeitsmarktforschung (DSTI), nutzte die Popularität des im gesamten baltischen Raum bekannten und wichtigsten Online-Nachrichtenportals Delfi, um seinem Heimatland die Leviten zu lesen.

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    Litauen habe noch maximal fünf bis sechs Jahre Zeit, die sozialen Sicherungssysteme des Landes an die prekäre demographische Situation anzupassen. Dafür müsse eine Reserve angelegt werden, sagte der Soziologe auf einer Diskussionsveranstaltung, von der die Plattform Delfi berichtete. Gruževskis erklärte dort auch, dass selbst dann Litauens Sozialsystem nur in den nächsten 15 Jahren in einem „negativen Umfeld“ funktionieren könne. Die Probleme würden schon in den nächsten acht Jahren akut werden, wenn die Generation der im Moment 53-57-Jährigen in Rente gehe. Diese Bevölkerungsgruppe ist schon jetzt die zahlenmäßig größte und wird dann die Gestalt der Bevölkerungspyramide Litauens endgültig zu einem Tannenbaum machen.

    Goldenes Zeitalter für die Jugend?

    Boguslavas Gruževskis wurde in seinem Vortrag noch deutlicher. Das demographische Problem Litauens werde sich erst entspannen, wenn seine Generation (Gruževskis wird dieses Jahr 56) diese Welt verlassen habe. Danach werde „alles gut“, oder mit anderen Worten: „Die Jugend erwartet ein goldenes Zeitalter“. Bis dahin müsse sie leider warten. „Aber wenigstens investieren wir in ihre Gesundheit“, spottete Gruževskis unter dem Lachen des Publikums, wie die Delfi-Reporterin berichtet.

    Doch Gruževskis ist alles andere als zum Spaßen aufgelegt. Wenn es nicht gelinge, in den nächsten fünf bis sechs Jahren die nötige Reserve anzulegen, „dann sitzen wir in der Grube. Und dort wird es nichts zu sehen geben außer Hühner, Ziegen und nochmals Ziegen.“

    Mehr Geburten reichen nicht

    Den bevorstehenden Verlust an arbeitsfähigen Menschen könne Litauen nicht ausgleichen, weil, wie bereits erwähnt, die Geburtenrate zu niedrig ist. Nach Prognosen von Dr. Rolandas Tučas von der Abteilung für Geografie und Regionalmanagement der Fakultät für Naturwissenschaften an der Universität Vilnius wird die litauische Geburtenrate im Jahr 2019 voraussichtlich die niedrigste seit 60 Jahren sein. Und gerade junge Litauer kehren dem Land den Rücken und verschärfen den Arbeitskräftemangel zusätzlich.

    Asylanten wandern aus

    Als sei das noch nicht genug, ist es derzeit schwer, diese Lücke durch Zuwanderung zu füllen. Denn selbst die wenigen Menschen, denen Litauen auf EU-Ebene Asyl gewährt hat, verlassen das Land relativ schnell, weil ihnen die Lebenschancen und —verhältnisse nicht attraktiv genug erscheinen.

    Innenminister Eimutis Misiunas verkündete im Mai vergangenen Jahres, dass Litauen im Rahmen der Umverteilungsschlüssel in der EU 1105 Asylsuchende aufnehmen werde. Zu dem Zeitpunkt waren bereits 309 Menschen in Litauen angekommen. Die Zeitung „Lietuvos Zinios“ berichtete allerdings, dass von diesen bereits 203, also zwei Drittel, Litauen in Richtung andere EU-Staaten verlassen hätten.

    Attraktivität auch für Litauer

    Diese mangelnde Anziehungskraft Litauens beschäftigt auch Boguslavas Gruževskis. Litauen müsse seinen Arbeitsmarkt für Einwanderer attraktiver machen, fordert der Soziologe. Er glaubt nicht an die Hoffnung, dass ausgewanderte Litauer wieder in ihre Heimat zurückkehren, jedenfalls nicht im gleichen Umfang, wie sie es verlassen. Auch Gruževskis geht davon aus, dass sich Litauen auf Dauer nur mit noch ärmeren Nachbarn messen kann – wie etwa der Ukraine.

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    Ökonomen sind vor allem unzufrieden, dass Litauen denjenigen Sektor sträflich vernachlässigt, der mit relativ einfachen Mitteln auf Vordermann gebracht werden könnte und der auch in anderen Staaten mit ähnlichen strukturellen Problemen durchaus signifikante makroökonomische Effekte erzeugen könnte. Doch der Tourismus führt bislang ein Schattendasein. Daran sind auch litauische Politiker mit Schuld, die das schlechte Image der litauischen Tourismusindustrie ohne Not zusätzlich schädigen, statt die Probleme beherzt anzugehen. Zum Beispiel erntete Premierminister Saulis Skvernelis viel böse Kritik: Er verkündete, er werde mit seiner Familie dieses Jahr in Spanien Urlaub machen. Obendrein schob er die Begründung hinterher, in Spanien sei Urlaub nun mal billiger als in Litauen.

    Steigende Nato-Rüstungskosten

    Litauische Wirtschaftswissenschaftler kritisieren auch den unerbittlichen Kurs von Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė, die trotz der schweren Wirtschaftskrise teure Rüstungsvorhaben durchsetzen will und nicht müde wird, Nato-Partner um Hilfe anzuflehen. Der litauische Blogger Viktor Domburs, ausgebildeter Ingenieur, der selbst nach Großbritannien ausgewandert ist, fragt sich in dem Zusammenhang in einem bitterbösen Kommentar, ob Frau Grybauskaitė vielleicht Angst vor ihrem eigenen Volk habe, das hilflose und unfähigen Autoritäten satt hätte. Ob die Präsidentin sich mit all diesen neuen Waffen und ausländischen Soldaten vielleicht vor ihrem Volk schützen wolle?

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    Finanzkrise, EU-Beitritt, Suizid, Selbstmord, Jugend, Arbeitslosigkeit, Armut, Auswanderung, Demographie, EU, DDR, Baltikum, UdSSR, Litauen