06:26 21 September 2018
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    Die Pflege (Symbolbild)

    Merkel kommt ins Altersheim: Pflegenotstand in Deutschland

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    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Chronische Überlastung der Pflegekräfte, schlechte Bezahlung, zu wenig Zeit für die Patienten: Die Pflege befindet sich im alternden Deutschland in einer tiefen Krise. Darauf hat der Pfleger Ferdi Cebi Bundeskanzlerin Angela Merkel hingewiesen – und mit ihr eine Besichtigung im Altersheim verabredet. Ob der Termin dem Pflegenotstand abhelfen wird?

    Gegen den anhaltenden Pflegenotstand in Deutschland hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Mai ein Sofortprogramm versprochen. 13.000 neue Pflegestellen statt der im Koalitionsvertrag verabredeten 8000 sollen geschaffen werden. Allgemeinverbindliche Tarifverträge sind ebenso bis zum nächsten Jahr vorgesehen. Und wo dem Notstand mit eigenen Kräften nicht beizukommen ist, sollen Pflegekräfte aus Albanien oder dem Kosovo aushelfen.

    Bis zu 100.000 fehlende Stellen

    Ob die neu zu schaffenden 13.000 Stellen überhaupt besetzt werden können, wo doch jetzt schon 36.000 offen bleiben, und ob damit eine spürbare Entlastung erzielt werden kann, wenn der eigentliche Bedarf laut Sozialverbänden bei mindestens 60.000 bis 100.000 Stellen liegt, bleibt fraglich. Ebenso, ob durch bessere Bezahlung der Beruf attraktiver wird und sich mehr junge Menschen dafür entscheiden.

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    Eines ist jedoch erreicht worden: Das Thema Pflege ist in der öffentlichen Diskussion und auch im Koalitionsvertrag angekommen.

    © Foto : Hans-Böckler-Stiftung

    Altenpflege mit Angela Merkel

    Ein kleines Stück dazu beigetragen hat auch Ferdi Cebi. Der Altenpfleger aus Paderborn hatte in der ZDF-Wahlsendung „Klartext, Frau Merkel!“ die Kanzlerin auf die Situation der Pflege im Land angesprochen. Er lud sie ein, sich persönlich davon zu überzeugen – im Altenheim St. Johannisstift, wo der 36jährige arbeitet. Die Kanzlerin sagte spontan zu. Kommenden Montag möchte sie ihr Versprechen einlösen.

    „Nach der Sendung waren es gemischte Gefühle“, erinnert sich Cebi. „Ich war mir nicht sicher, ob sie es einhalten wird. Aber dann haben wir noch ein paar Sätze getauscht, und ich wusste zu 90 Prozent: Sie wird das einhalten.“

    © Foto : Hans-Böckler-Stiftung

    Wenn die CDU-Chefin zu Besuch kommt, möchte Cebi sie am liebsten auch praktisch an das Thema heranführen:

    „Ich werde sie auf jeden Fall miteinbeziehen, auch in Pflegetätigkeiten. Eine Aktion wird sein, Essen anzureichen. Da werde ich versuchen, sie einzubeziehen, damit sie auch ein Gefühl dafür bekommt. Damit sie sieht, dass das auch sehr anstrengend sein kann. Mir ist es wichtig, dass sie das mal mit anderen Augen sieht. Denn es werden Gesetze festgelegt, und die Politik hat noch nie reingeblickt. Ich hoffe natürlich, dass ich sie auch berühren kann und sie davon viel mit nach Hause nimmt.“

    Im St. Johannisstift seien die Arbeitsbedingungen sehr gut, inklusive recht komfortablem Personalschlüssel, fairen Tarifverträgen, Zuschlägen und 13. Gehalt, sagt der Altenpfleger aus Paderborn. Auch die Bewohner seien bei ihnen sehr gut aufgehoben.

    Doch in vielen anderen Pflegeeinrichtungen sei das nicht der Fall. Daher rührten auch viele Missstände. Die Berichte über Pflegekräfte an den Grenzen des Ertragbaren und hilflose alte Menschen, die in den eigenen Fäkalien liegen, würden wiederum dazu beitragen, den Beruf noch unattraktiver zu machen.

    Dabei sei der Beruf des Altenpflegers ein schöner Beruf und eine dankbare Aufgabe:

    „Viele verbinden den Pflegeberuf damit, dass wir nur Ausscheidungen wegmachen. Das stimmt überhaupt nicht, das ist nur ein ganz kleiner Teil davon. Es ist wie eine zweite kleine Familie. Man verbringt sehr viel Zeit bei der Arbeit, und es ist ein Geben und Nehmen mit den älteren Menschen. Sie haben sehr viel für uns gemacht, sie haben das Land aufgebaut. Ich finde, man sollte den Menschen auch etwas zurückgeben. Man kann sehr viel von ihnen lernen an Lebenserfahrung.“

    © Foto : Hans-Böckler-Stiftung

    Dennoch kostet Pflege viel Kraft und Nerven. Viele scheiden frühzeitig aus dem Beruf aus, weil sie der Belastung irgendwann nicht mehr standhalten können. Ferdi Cebi sagt: Es ist wichtig, für sich Grenzen zu ziehen und die Arbeit bei der Arbeit zu lassen.

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    Ausgleich: Altenpflege-Rapmusik

    Seinen eigenen Ausgleich findet der Paderborner in der Rap-Musik. Doch statt über Drogen oder Gewalt geht es in seinen Songs um Themen aus dem Leben, auch aus seinem Pfleger-Alltag. Unter dem Pseudonym „Idref“ veröffentlicht er seine Clips auf YouTube, die Videos dreht er vor Ort, im Altenheim. Und er hat Erfolg.

    Ferdi Cebi alias Idref kann sich über zahlreiche Aufrufe auf Youtube und Auftritte vor Live-Publikum freuen. Viele hinterlassen positive Kommentare auf Facebook und Youtube.

    „Ich bekomme eigentlich nur positives Feedback. Mir schreiben Viele, dass sie das total super finden. Auch Erwachsene, die eigentlich überhaupt nichts mit Rap anfangen können. Für die Jugendlichen will ich ein Vorbild sein, ihnen was auf den Weg mitgeben. Was ich schön finde, ist, dass ich auch Pflegekräfte motivieren konnte. Mir wurde geschrieben: ‚Ich habe deine Musik gehört, und durch dich habe ich mal diesen Beruf ausprobiert. Ich bin so froh, dass ich das gemacht habe!‘ Das macht mich natürlich unheimlich stolz.“

    Das komplette Interview mit Ferdi Cebi zum Nachhören:

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    Tags:
    Pflege, Bezahlung, Alter, Krankenhaus, Hans-Böckler-Stiftung, Angela Merkel, Deutschland