16:38 18 Dezember 2018
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    Die Lotto-Lüge: Wie der Staat die Gesellschaft spaltet

    CC BY-SA 2.0 / Justin Mathews / dice
    Gesellschaft
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    Marcel Joppa
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    In Deutschland wird immer wieder über eine „Reichensteuer“ diskutiert. Was kaum einer weiß: Es gibt schon lange eine staatlich gelenkte „Armensteuer“, die hinter den Kulissen Milliardenbeträge von unten nach oben umverteilt. Das Lotto-System finanziert offiziell soziale Projekte. Doch in Wirklichkeit ist die politische Motivation eine andere.

    Gerade einmal knapp zehn Euro Einsatz – und der ganz große Gewinn winkt: Rund 7,7 Millionen Bundesbürger spielen laut Statistischem Bundesamt regelmäßig Lotto oder Toto, über 21 Millionen spielen immerhin gelegentlich. Was kaum ein Spieler weiß: Nur die Hälfte der Einsätze fließen wieder als Gewinn an die Teilnehmer zurück. Die übrigen 50 Prozent teilen die jeweiligen Bundesländer auf.

    Wohin fließen die Milliarden?

    Die vorgeschriebene Verwendung der Milliardeneinnahmen klingt auf den ersten Blick sogar sehr positiv: Die sogenannten „zweckgebundenen Konzessionsabgaben“ sind verbindlich für gemeinwohlorientierte Zwecke zu verwenden. Sie gehen direkt an die Bundesländer, die das strikte Monopol auf den Betrieb von Lottospielen haben. Doch was genau wird von den Lottogeldern eigentlich finanziert?

    Der Deutsche Lotto- und Totoblock (DLTB) sagt von sich selbst, Lotto sei das sozialste Glücksspiel überhaupt. Wer Lotto spiele, der finanziere Kunst und Kultur, Ausstellungen und Museen, Denkmal- und Umweltschutz oder Breitensport wie Fußball. Dabei reden wir über erkleckliche Summen: Im Jahr 2017 kamen 1,6 Milliarden Euro zusammen. Weitere 1,2 Milliarden Euro flossen durch die Lotteriesteuer direkt an die Länder. Zum Vergleich: Lotto bringt somit fast so viel Geld ein wie Branntwein-, Bier- und Schaumweinsteuer zusammen.

    Ein dickes „ABER“…

    Das große Problem an diesem System ist: Von den Investitionen profitieren überdurchschnittlich viele Menschen, die selbst gar kein Lotto spielen. Wissenschaftler vom Max-Plank-Institut hatten schon vor Jahren herausgefunden, dass Lottospieler besonders häufig folgende Kriterien aufweisen: Sie stammen aus der unteren Mittelschicht, sie verfügen über einen geringen Bildungsgrad und sie weisen ein höheres Alter als die Durchschnittsbevölkerung auf.

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    Die Statistik beweist: Je geringer das Einkommen ist, desto höher sind die Lotto-Ausgaben. Damit stehen sie im exakten Gegenteil zu den Profiteuren der staatlichen Lottoförderung. Diese sind laut Forschern nämlich deutlich höher gebildet und jüngeren Alters. Das heißt im Klartext: Die Lottogelder werden von unten nach oben umverteilt. Und bei Gewinnchance von 1 zu 140 Millionen ist die Aussicht der Spieler auf ein dickes Bankkonto so gering wie bei keinem anderen Glücksspiel.

    Hoher Einsatz – null Gewinn

    So werden mit den Lottoabgaben des prekär Beschäftigten teilweise die neuen Trikots für die Jugendfußballmannschaft gefördert, in der das eigene Kind aus finanziellen Gründen gar nicht mitspielen kann. Ein ähnliches Problem liegt vor, wenn das Geld in Museen oder die Restaurierung von Kirchen gesteckt wird.

    Ein ebenfalls dunkler Fleck im Lotto-System ist die Suchtbekämpfung. Laut Glückspielstaatsvertrag müssen mit den eingenommenen Geldern nicht nur gemeinnützige Projekte, sondern auch die Suchtprävention und die Eindämmung des Glücksspiels finanziert werden. Doch warum sollte man sich damit ins eigene Fleisch schneiden?

    Die Branche belohnt sich selbst…

    So geriet der Freistaat Sachsen im Jahr 2012 in die Kritik, weil er, anstatt die Spielsucht einzudämmen, lieber 20 Millionen Euro in den Ausbau des Lotto-Geschäfts investierte. Der baden-württembergische Landesrechnungshof kritisierte im Jahr 2012 außerdem, dass die Staatsbediensteten des Lotterieunternehmens weit mehr als im öffentlichen Dienst verdienen: Die Bandbreite der Jahresgehälter der 16 Geschäftsführer der Lotteriegesellschaften reicht von rund 110.000 Euro in Hamburg bis zu rund 323.000 Euro in Nordrhein-Westfalen – mit Dienstwagen obendrauf.

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    Da dürfte es nicht überraschen, dass sich hinter den Kulissen ein großes politisches Karussell um die hohen Posten dreht – beispielsweise um die Stellen der Lotto-Landesgeschäftsführer. So bekleidete zum Beispiel eine ehemalige Staatssekretärin der SPD die Spitzenposition in Baden-Württemberg, bis sie zum 1. Januar 2018 von einem ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten abgelöst wurde. Auch in Rheinland-Pfalz wird der Spitzenposten von einem ehemaligen Staatssekretär bekleidet.

    Im Klartext:

    Die Landeslotteriegesellschaften werden von denselben Instanzen kontrolliert, die von den Einnahmen profitieren, nämlich den jeweiligen Landesregierungen selbst. Das eingenommene Geld wird wiederum selten in die Bekämpfung der Spielsucht investiert, sondern kommt Projekten zugute, die den eigentlichen Lotto-Spielern kaum oder gar nichts nutzen.

    Ein kleiner Trost: Die Lotto-Einnahmen und das Interesse in der Bevölkerung sinken stetig. Schuld sind einerseits das große Wachstum der europäischen Lotteriemärkte und andererseits die massiv steigenden digitalen Angebote, an denen jeder über das Internet teilnehmen kann. Wenn die Bundesländer nicht zügig gegenlenken, die Gelder gerechter verteilen und Lotto so tatsächlich zum „sozialsten Glückspiel überhaupt“ machen, wird das Lotto-System bereits in naher Zukunft Geschichte sein.

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    Tags:
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