10:54 20 Oktober 2018
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    Münchner Kammerspiele Spielhaus (Archivbild)

    „Freue mich aufs Disziplinarverfahren!“ – Münchener Intendant wehrt sich gegen CSU

    CC BY-SA 3.0 / Christian Wolf / Münchner Kammerspiele
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    Ilona Pfeffer
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    Auch wenn städtische Einrichtungen einem politischen Neutralitätsgebot unterliegen – wenn Horst Seehofer sich darüber freut, an seinem 69. Geburtstag 69 Flüchtlinge abgeschoben zu haben, dann gehen die Münchner Kammerspiele dagegen auf die Straße. Allen voran Intendant Matthias Lilienthal, dem nun dienstaufsichtsrechtliche Konsequenzen drohen.

    „Ausgehetzt“ haben Horst Seehofer, Markus Söder und Alexander Dobrindt von der CSU für ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis, das in München zu der gleichnamigen Großdemonstration am kommenden Sonntag aufruft. Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs gehören die renommierten Münchener Kammerspiele. Und die haben jetzt Ärger mit der CSU. Deren Stadtrat Manuel Pretzl stellte am Dienstag einen Antrag an den Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) mit der Forderung, den Kammerspielen die Teilnahme an der Demonstration zu untersagen.

    Pretzl argumentiert: Als städtische Einrichtung sind die Kammerspiele an parteipolitische Neutralität gebunden. Der Intendant der Kammerspiele, Matthias Lilienthal, räumt ein, dass es ein Neutralitätsgebot gibt, setzt sich aber bewusst darüber hinweg.

    „Pretzl hat mit dem Neutralitätsgebot für eine große städtische Institution Recht. Aber, ehrlich gesagt, die Äußerung von Seehofer zu seinem 69. Geburtstag, dass er sich über die Abschiebung von 69 Flüchtlingen freut, und das daraus folgende Unglück, setzt uns in eine Art von Situation, wo wir darauf keine Rücksicht nehmen.“

    Dass es für ihn persönlich Konsequenzen geben könnte, nimmt der streitbare Intendant ebenso in Kauf. Im Schreiben des CSU-Fraktionschefs Pretzl ist von dienstaufsichtsrechtlichen Maßnahmen die Rede. Auch ein vorzeitiger Rauswurf Lilienthals, der seinen Posten auf Initiative der CSU sowieso 2020 räumen muss, steht im Raum.

    „Ich freue mich auf ein Disziplinarverfahren und darüber, dass die CSU mich dann zum zweiten Mal rausschmeißt! Was soll der Blödsinn?“, kommentiert er.

    Der Maulkorb, den die CSU ihm und den Kammerspielen verpassen möchte, werfe die Frage auf, ob hier die künstlerische und Meinungsfreiheit infrage gestellt werde. Außerdem sei es nicht die erste Demonstration, bei der sich die Kammerspiele engagieren.

    „Die Kammerspiele wie auch das Münchener Volkstheater und Teile des Sozialreferats der Stadt München setzen sich extrem für die Menschenrechte ein, deswegen war es unsere Pflicht und unsere Anständigkeit, zu dieser Demonstration aufzurufen.“

    Die SPD stellt sich hinter Lilienthal und zeigt sich über den Antrag von Pretzl entsetzt. Er sei ein Tiefpunkt des demokratischen Grundverständnisses. Der Bayerische Rundfunk zitiert Claudia Tausend, die Vorsitzende der Münchener SPD, mit den Worten:

    „Bei allen großen Demonstrationen für Gleichberechtigung, Menschlichkeit und Solidarität waren die Kammerspiele immer dabei, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte. Sie waren ein Vorbild für alle, die hinter dem Münchner Weg der Toleranz und dem Münchner Lebensgefühl stehen.“

    Münchens Oberbürgermeister versprach zwar, den Antrag fristgerecht zu bearbeite. Jedoch machte er Pretzl keine großen Hoffnungen. Nach seinem Dafürhalten seien Meinungsfreiheit und Freiheit der Kultur ein „überragend schützenswertes Gut“.

    Der Intendant der Münchener Kammerspiele ist fest entschlossen, am kommenden Sonntag zusammen mit seinen Mitstreitern gegen die Asyl-Politik der CSU-Spitze und das bayerische Polizeiaufgabengesetz zu demonstrieren. An der Demonstration „#ausgehetzt – Gemeinsam gegen die Politik der Angst!“ nehmen mehr als 130 Organisationen teil.

    Das komplette Interview mit Matthias Lilienthal zum Nachhören:

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    Tags:
    Hetze, Bürgermeister, Kammerspiele, SPD, CSU, Matthias Lilienthal, Markus Söder, Alexander Dobrindt, Horst Seehofer, München, Bayern