00:33 23 Oktober 2018
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    „Antisemitismus immer politisch motiviert“ – Statistik zu Gewalt gegen Juden täuscht

    © AFP 2018 / DPA/ Michael Kappeler
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Gewalt gegen Juden kommt heute vor allem von Muslimen und nicht von rechts. Nur weil bei der Kriminalstatistik mit zweierlei Maß gemessen wird, scheint sie immer noch von rechts zu kommen, findet der Historiker Michael Wolffsohn. Sputnik hat mit ihm über die Probleme bei der statistischen Erfassung antisemitischer Straftaten gesprochen.

    Antisemitische Straftaten? 95 Prozent von ihnen wurden im Jahr 2017 von rechter Seite begangen – besagen zumindest die Kriminalstatistiken. Jedoch deckt sich dies wenig mit den jüngsten Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

    Gewalt gegen Juden hauptsächlich von Muslimen

    Die Wahrnehmung der jüdischen Gemeinschaft soll zumindest in der Frage der physischen Gewalt gegen Juden sein, dass rechte Gewalt derzeit „die große Ausnahme“ ist, sagt der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn gegenüber Sputnik. Gewalt gegen Juden trete derzeit vor allem „im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt“ auf – unabhängig davon, ob es sich um Juden aus Israel handle oder um solche, die seit unzähligen Generationen in der Diaspora leben.

    Zugrunde liege dem Problem die Unterstellung, die Juden seien in anderen Ländern „der verlängerte Arm Israels“. „Diese Wahrnehmung finden Sie vor allem in der muslimischen Gewalt gegen Juden“, bemerkt Wolffsohn. Genau aus dieser Richtung komme es vor allem zu Gewalt gegen Juden. Damit stellt sich die Frage, wieso die Gewalt gegen Juden laut den Kriminalstatistiken nahezu völlig von rechter Seite ausgeht.

    „Politisch motivierte Kriminalität“

    Das liegt daran, dass Gewalt gegen dieselbe Gruppe – die Juden – statistisch unterschiedlich erfasst wird, erklärt Wolffsohn. Sobald nämlich der Nahost-Konflikt den Hintergrund einer Gewalttat darstellt, gilt sie als politisch motiviert und fällt damit nicht mehr unter die Kategorie „Antisemitismus“.

    „Diese Unterscheidung ist eine Intellektualisierung“, findet Wolffsohn, „denn natürlich ist jeder Antisemitismus politisch motiviert, was denn sonst? Das war er, das ist er, und das wird er immer bleiben.“

    Prof. Michael Wolffsohn
    © Foto : Till Eitel
    Prof. Michael Wolffsohn

    Die Unterscheidung zwischen dem „reinen“ Antisemitismus und dem nahost-politisch bedingten Antisemitismus hält der Historiker für „eine akademische Glasperlenspielerei“. Er fordert: „Wenn es Verdächtige gibt, und vor allem in größerer Häufung, dann gibt es einen Kreis der Verdächtigen, der observiert werden muss. Das ist eine elementare Staatsaufgabe.“

    Der Staat habe die Aufgabe, das Leben seiner Bürger zu schützen und für ihre Sicherheit zu sorgen. Dann beginne die operative Arbeit der Sicherheitsorgane. Diese würden laut Wolffsohn mit der Tätersuche „nicht bei den Eskimos oder den Indianern anfangen, sondern bei dem Täterkreis, bei dem die Wahrscheinlichkeit am größten ist. Das hat überhaupt nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern mit Professionalität. Das muss einfach erwartet werden, wenn man Sicherheit nicht nur als Phrase in den Mund nimmt.“

    Antijudaismus hat Tradition im Islam

    Judenfeindlichkeit gibt es im Islam übrigens nicht erst seit der Gründung Israels im Jahr 1947, merkt der Historiker an. „Im Islam gibt es seit seinen Anfängen einen starken Antijudaismus, nicht nur stark in der Meinungsäußerung, sondern auch einen die Ermordung von Juden verherrlichenden Antijudaismus – im frühen Islam bereits und in den heiligen Schriften des Islam.“ Dazu komme, dass in den 1930er und 40er Jahren die Nationalsozialisten „eine enge Partnerschaft“ mit muslimischen Fundamentalisten eingegangen waren.

    Das Interview mit Prof. Michael Wolffsohn in voller Länge:

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    Tags:
    Kriminalstatistik, Rechte, Islamismus, Nazis, Muslime, Antisemitismus, Juden, Rassismus, Gewalt, Michael Wolffsohn