17:03 20 August 2018
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    Saudiarabische Frauen (Symbolbild)

    Im Frauenknast von Mekka: Keine Tränen für Allah

    © AP Photo / Nariman El-Mofty
    Gesellschaft
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    Armin Siebert
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    Die 20jährige Kholoud Bariedah war mit Freunden auf einer Privatparty, als die Tugendwächter Saudi-Arabiens zuschlugen und sie zu vier Jahren Knast und 2000 Stockhieben verurteilten. In einem Buch hat sie nun die Erlebnisse im Frauengefängnis von Mekka verarbeitet und im Sputnik-Interview erzählt, warum sie sich vom Islam abwandte.

    Frau Bariedah, Sie saßen in Ihrer Heimat Saudi-Arabien im Gefängnis. Wie kam es dazu?

    Ich habe einfach mit meinen Freunden, darunter Männer und Frauen, eine private Party gefeiert. Und das war in Saudi-Arabien verboten. Deshalb kam ich ins Gefängnis.

    Geben Sie doch bitte ein paar Beispiele, für was man in Saudi-Arabien ins Gefängnis kommen kann – Dinge, für die man in keinem anderen Land belangt werden würde.

    Zum Beispiel Alkoholkonsum oder eben Partys, auf denen unverheiratete Männer und Frauen zusammen sind. Frauen durften in Saudi-Arabien bisher noch nicht einmal Auto fahren.

    Wenn eine Frau in Saudi-Arabien vergewaltigt wird, von einem Fremden oder auch in der eigenen Familie – geht man dann zur Polizei und erstattet Anzeige?

    Das war auch ein großes Problem. Es gab dort im Gefängnis einige Frauen, die vergewaltigt wurden. Wenn man das anzeigt, kann man nie wissen, wer von beiden verurteilt wird – Täter oder Opfer. Die Frauen bei mir im Gefängnis waren alle Opfer und trotzdem im Gefängnis.

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    Sie waren auch in Einzelhaft. Wieso das? Waren Sie gefährlich?

    Das habe ich erst auch nicht verstanden. Ich dachte, das wäre nur bei gefährlichen oder politischen Gefangenen üblich. Einzelhaft war immer das Schlimmste. Vor allem beim ersten Mal ist es die Hölle.

    Sie wurden auch zu 2000 Stockhieben verurteilt. Wie haben Sie das ertragen?

    Die Stockhiebe waren auch sehr unangenehm. Aber es war nicht so schlimm wie die Einzelhaft. Es tut sehr weh, aber es ist jetzt nicht wie bei Folter, es macht keine Narben. Es ist so wie mit dem Rohrstock in der Schule, was natürlich trotzdem schlimm ist. Aber am schlimmsten ist daran eigentlich nicht der Schmerz, sondern die Erniedrigung.

    Nun gab es einen Trick, wie Sie sich eine frühere Haftentlassung verschaffen konnten, indem Sie den Koran auswendig lernen. Das sind mehr als 600 Seiten. Und Sie haben tatsächlich das Wunder vollbracht und wurden eher entlassen. Sie waren die Erste, die das in diesem Gefängnis geschafft hat. Wie haben Sie das gemacht?

    Die anderen wundern sich, wie ich das geschafft habe, aber ehrlich gesagt wundere ich mich, wie man etwas nicht schaffen kann, wenn man es will. Es gibt sogar Kinder in Saudi-Arabien, die das schon geschafft haben. Man kann immer schaffen, was man sich vornimmt. Und für mich gab es die große Motivation, freizukommen. Ich kann doch nicht im Gefängnis sitzen, ohne etwas zu tun, wenn es so eine Möglichkeit gibt. Da würde ich verrückt werden. So habe ich es in elf Monaten geschafft.

    Dann wurden Sie entlassen und haben erst einmal das Leben genossen. Sie hatten auch mit der High Society in Saudi-Arabien zu tun. Inwieweit unterscheidet sich deren Leben von dem der einfachen Menschen? Können Sie sich einfach nur finanziell mehr leisten? Oder dürfen sie sich auch moralisch mehr herausnehmen?

    Kholoud Bariedah
    © Foto : Thomas Duffé
    Kholoud Bariedah

    Moralisch würde ich nicht sagen. In jeder Familie gibt es moralische und unmoralische Leute. Ich habe viele Mitglieder der königlichen Familie kennengelernt, Kinder von Prinzen. Sie waren meine Freunde, und ich konnte ihr Leben beobachten. Einige sind sicher arrogant, sie haben alles, aber sind jetzt nicht unmoralisch. Aber die reichen Leute dürfen sich natürlich mehr herausnehmen, wenn Sie das meinen. Sie machen Party, trinken Alkohol, tragen Bikinis. Auch die westlichen, europäischen Menschen, die in Saudi-Arabien leben, mit denen ich zu tun hatte. Wir waren campen oder haben Party gemacht in der amerikanischen oder französischen Botschaft. Das ist eine Parallelwelt.

    Eigentlich ging es Ihnen doch dann wieder gut. Warum haben Sie trotzdem Ihre Heimat verlassen?

    Das ist eine große Frage. In erster Linie wollte ich meine Geschichte schreiben und veröffentlichen. Sonst ging es mir gut in meiner Familie und mit meinen Freunden. Ich bin nach meiner Entlassung auch noch sieben Jahre dort geblieben. Ich habe gewartet, dass sich etwas ändert. Und ich hatte immer diesen Traum, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte mich nur nicht getraut, dafür alles aufzugeben. Dann habe ich jemanden kennengelernt, und er hat mich davon überzeugt, meine Geschichte aufzuschreiben und das Land zu verlassen.

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    Kommen wir noch einmal auf den Koran zu sprechen. Manche Gläubige sagen, er predigt den Frieden, andere, Radikale nutzen ihn als Aufforderung zum Heiligen Krieg.

    Das ist etwas kompliziert zu verstehen. Jeder versteht den Koran oder überhaupt jedes heilige Buch auf seine Weise. Das Problem ist der Verstand. Wenn das Bewusstsein des Menschen so groß ist wie ein Golfball, dann versteht er das Buch auch nur im Rahmen dieses Golfballs. Andere verstehen es vielleicht auf der Größe eines Fußballs. Und Auserwählte verstehen es in der Größe des Universums. Manche machen also Krieg im Namen des Irans, andere lesen die Thora und entdecken dort einen Code, der Ihnen einen Auftrag für irgendwas gibt. Manche töten im Namen der Religion, andere singen. Und dem Koran folgen immerhin mehr als eine Milliarde Menschen. Darum ist es wichtig, das Buch richtig zu interpretieren.

    Sie haben den Koran auswendig gelernt, sich also so intensiv wie nur wenige Gläubige mit der Heiligen Schrift des Islam auseinandergesetzt und dann trotzdem den Glauben an den Islam aufgegeben. Warum?

    Ich bin ein Mensch, der nach dem Grund unseres Daseins sucht. Und jeder Suchende kommt irgendwann an den Punkt, wo er eine Entscheidung treffen muss, ob er die Religion verlässt, weil es nicht weiter geht. Es gibt auch hier immer Grenzen. Selbst beim Atheismus gibt es Grenzen. Ich bin erst einmal Atheistin geworden. Aber auch das hat mich irgendwann eingeschränkt. Mein Geist konnte nicht akzeptieren, dass alles auf der Welt nur Zufall oder naturwissenschaftliches Gesetz ist. Die Religion kann durchaus der richtige Weg sein für viele. Aber viele machen es sich damit zu leicht. Viele leben heutzutage wie Maschinen, ob sie an etwas glauben oder nicht.

    Wie hat Ihr Umfeld auf die Nachricht reagiert, dass Sie den Glauben an den Islam abgelegt haben? Sie schreiben in Ihrem Buch von „sozialem Selbstmord“.

    Das Problem war, dass ich es öffentlich gemacht habe mit einem Youtube-Video. Das war ein Schock für meine Familie und meine Freunde. Sie haben meine Gründe einfach nicht verstanden. Dabei hat Saudi-Arabien den größten Anteil an Atheisten von allen arabischen Ländern. Schon vor 2014 gab es mehr als eine Million Atheisten in Saudi-Arabien. In Ägypten gibt es auch viele Atheisten. Dort haben dies auch Einige während des Arabischen Frühlings 2011 zugegeben, aber nur kurz und zaghaft. Man hat bei diesem Thema immer Angst. Und bei mir als Saudi ist das noch viel schlimmer. Wenn ich im Ausland bin und andere Araber treffe, dann sind sie immer verwundert, dass ich als Saudi kein Kopftuch trage. Bei Saudis hat man immer die größten Vorurteile, weil bei uns die heiligen Stätten Medina und Mekka sind. Also müssen wir besonders gläubig sein und müssen Kopftuch tragen, dürfen keinen Alkohol trinken und so weiter. Aber warum? Alle anderen Araber, außer vielleicht noch die Kuweitis, dürfen das und machen das. Wenn ich dann also antworte, dass ich keine Muslimin bin, dann gilt das immer als besonders mutig. Und die Leute sind schockiert.

    In letzter Zeit gibt es eine Reihe von Reformen in Saudi-Arabien, gerade in Bezug auf die Frauenrechte. Frauen dürfen jetzt zum Beispiel Auto fahren. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

    Für mich ist bisher nicht klar, wo es hinführt. Aber ich denke, es wird sich dort viel verändern in den kommenden Jahren. Auf der anderen Seite wurden erst letzten Monat einige Aktivisten verhaftet. Die Frage ist, ob die Regierung wirklich etwas verändern will oder ob das nur Show ist. Ja, ich beobachte das. Und sie beobachten uns auch. Deshalb kann ich auf diese Frage auch nicht ausführlich antworten. Ich habe viele Informationen von einigen Aktivisten, aber ich kann darüber nicht im Interview reden. Das wäre ein Risiko für die Leute dort.

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    Aber Sie selbst hier in Deutschland müssen keine Angst haben?

    Ich habe sowieso keine Angst, nicht einmal vor dem Tod. Als mein Buch veröffentlicht wurde, mit diesem provokanten Titel, gab es natürlich schon Reaktionen. Aber das nervt mich höchstens – vor allem die Frage, warum ich keine Muslimin mehr bin oder warum ich das Buch geschrieben habe. Die Leute denken auch, dass mein Leben in Saudi-Arabien schlimm war und dass ich Saudi-Arabien hasse. Das nervt mich. Aber ich habe keine Angst hier.

    Es ist gerade viel die Rede von Flüchtlingen in Deutschland. Wie ist Ihre Meinung dazu? Sollte man hier alle Bedürftigen aufnehmen?

    Natürlich nicht. Meiner Meinung nach sollten sie damit aufhören und eine internationale Lösung finden. Denn so, wie es jetzt läuft, hilft es weder Syrien noch Deutschland. Der Westen sollte erst einmal aufhören, Waffen in die Region zu verkaufen. Dann würde es keinen Krieg in Syrien oder im Irak geben, und es würden auch keine Flüchtlinge kommen. Ich habe Kriegsflüchtlinge im Asylheim kennengelernt. Die Art, wie sie nach Europa gekommen sind, wie sie gelitten haben, das ist Wahnsinn. Und dann gab es da die anderen Flüchtlinge in den Unterkünften – die hatten Geld. Nur deshalb konnte sie überhaupt nach Europa kommen. Die größten Opfer sind also immer noch in Syrien, weil sie es sich nicht leisten können. Deshalb hoffe ich auf eine schnelle internationale Lösung.

    Das Buch „Keine Tränen für Allah“ ist im Verlag Droemer-Knaur erschienen…

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    Tags:
    Fanatiker, Scharia, Islam, Terror, Vergewaltigung, Gefängnis, Frauenrechte, Ägypten, Mekka, Syrien, Naher Osten, Saudi-Arabien
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