13:40 12 Dezember 2018
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    Flüchtlinge aus der DDR in Ungarn (Archivbild)

    Kann der Osten aufatmen? Abwanderung nimmt ab – soziales Gefälle besteht weiter

    © AP Photo / Elke Bruhn-Hoffmann
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Fast 2 Millionen Menschen weniger leben im Ostdeutschland des Jahres 2015 im Vergleich zu 1991. Der Verlust der zum großen Teil jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräfte traf die neuen Bundesländer hart. Doch nun kehren einige der einst Abgewanderten zurück. Kann der Osten aufatmen?

    Bessere Bildungschancen, bessere Karriereaussichten, bessere Löhne – in der modernen Arbeitswelt gibt es viele Gründe, den Heimatort wegen des Jobs zu verlassen und sein Glück in einer anderen Stadt oder einem anderen Bundesland zu suchen. Die innerdeutsche Arbeitsmigration wird dabei meist mit der Wanderungsrichtungen von Ost nach West beziehungsweise vom Land zur Stadt verbunden. Aber ist das noch so? Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde legt nahe: Immer mehr Abgewanderte kehren zurück – auch in den Osten.

    Wohin kommen die Menschen gern zurück?

    Nach durchschnittlich drei bis vier Jahren setzt bei vielen Abgewanderten offenbar der Drang ein, in die Heimat zurückzukehren. Jedoch gibt es hier deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Landkreisen und Regionen. Die höchsten Rückkehrquoten weisen die Landkreise Eichsfeld (Thüringen) mit 32 Prozent, Passau und Straubing-Bogen (Bayern) mit 25,6 Prozent und Saarlouis (Saarland) mit 25,5 Prozent auf. Am anderen Ende der Skala befinden sich die Städte Frankfurt/Oder (13,9 Prozent), Offenbach am Main (14,4 Prozent) und Heidelberg (14,6 Prozent). Außerdem macht die Studie deutlich: Die Rückkehrquote in Städten fällt wesentlich geringer aus als in ländlichen Gebieten.

    Frauen kommen seltener zurück

    Auf 100 männliche Rückkehrer deutschlandweit kommen nur 82 weibliche. Einerseits bieten die ländlichen Gebiete mit den hohen Rückkehrerquoten traditionell mehr klassische Männerberufe, während Frauen, die nach mehr Unabhängigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten auf der Karriereleiter suchen, eher in Großstädten fündig werden. Andererseits spielen auch die sozialen Bindungen eine Rolle. Männer gehen seltener stabile Partnerschaften ein. Alleinstehende haben eine größere Neigung zur Rückwanderung. Insgesamt ist nur in sechs von 402 Kreisen die Rückkehrquote der Frauen höher als die der Männer.

    Junge Menschen wandern mehr

    Unterschiedliche Erhebungen kommen zu dem Schluss, dass seit der Wende eines stabil geblieben ist: nämlich, dass es vor allem junge Menschen von etwa 30 sind, die abwandern – aber auch wieder zurückwandern. Die meisten sind ledig, haben keine Kinder und eine vergleichsweise hohe Bildung.

    Bezogen auf die ersten Nachwendejahre sprechen Sozioökonomen von einem großen Verlust an abwanderungsbedingtem Humankapital im Osten. So schreibt Wolfram Kempe 1999 in seinen Erhebungen für das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle:

    „Allein die Größenordnung illustriert den enormen Verlust des ostdeutschen Humankapitalbestands. So sind allein über 200.000 Personen mit Abitur abgewandert. Die gesamte Zuwanderung aus Westdeutschland betrug im betrachteten Zeitraum dagegen nur 121.000 Personen. Daneben wird deutlich, dass diese Migranten weit überdurchschnittliche Abschlüsse gegenüber der gesamten ostdeutschen Bevölkerung aufweisen.“

    Zurück in die Heimat

    Die Studie von 1999 zeigt aber auch: Wer entgegen dem Trend aus dem Westen in den Osten zog, kam meist selbst aus dem Osten.

    „Es wird ersichtlich, dass mehrheitlich Personen in die neuen Bundesländer ziehen, die 1990 ihren Hauptwohnsitz in der DDR hatten. Etwa die Hälfte der West-Ost-Migration speist sich aus ostdeutschen Rückkehrern. Die Zuwanderung von Westdeutschen in die neuen Bundesländer ist damit geringer, als es die Migrationszahlen aus den alten in die neuen Bundesländer vermuten lassen.“

    Heute kehren vor allem junge Menschen in ihre Heimatregionen zurück – in Ost und in West. So kommen bei den Rückkehrern 122 Menschen von unter 25 Jahren auf 100 über 55-Jährige. Verantwortlich dafür ist zum einen die Ausbildungsmobilität: Um ein Studium aufzunehmen, sind vor allem junge Menschen aus ländlichen Regionen gezwungen, wegzuziehen. Nach einem absolvierten Studium oder einer Ausbildung treten sie dann in der Heimatregion die erste Stelle an. Dazu die aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde:

    „In Ostdeutschland hat sich die Arbeitsmarktsituation in den letzten Jahren stark verbessert, und Fachkräfte werden mittlerweile häufig gesucht. Die jüngeren Rückkehrer haben in ihren Heimatregionen viel bessere Beschäftigungschancen als noch vor zehn Jahren, und viele Regionen profitieren von der Rückkehr der Jüngeren.“

    Gewinner unter den ostdeutschen Städten sind laut einem Bericht von „MDR exakt“ die offiziellen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern: Rostock, Potsdam, Magdeburg, Halle, Chemnitz, Dresden, Leipzig, Jena und Erfurt.

    Es seien vor allem junge Akademiker, die nach Ostdeutschland zurückkehren. So kommen in Jena auf 100 hochqualifizierte Rückkehrer nur 35 Geringqualifizierte.

    „Für Nordostbayern, fast ganz Rheinland‐Pfalz, große Teile Nordrhein‐Westfalens, Nordwestniedersachsen und Teile Schleswig‐Holsteins gilt jedoch, dass wesentlich mehr Gering‐ als Hochqualifizierte zurückwandern. Nach Pirmasens kommen beispielsweise fast sieben Mal so viele Gering‐ wie Hochqualifizierte zurück.“

    Lohnungleichheit bleibt

    Trotz der positiven Rückkehrstatistiken bleibt der Osten Deutschlands nach Berichten von „MDR exakt“ wegen der Lohnunterschiede für viele Fachkräfte unattraktiv. So verdient ein Vollbeschäftigter im Osten im Schnitt 18 Prozent weniger als im Westen, bei einer 40 Minuten längeren Arbeitszeit pro Woche. Dieser Abstand ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor war 2014 im Osten mit 34,5 Prozent außerdem deutlich höher als im Westen, wo er nur 19,5 Prozent betrug.

    Gründe für die Lohnungleichheit sieht die MDR-Recherche zum einen darin, dass Wachstumsbranchen und Großunternehmen, die höhere Gehälter bieten, größtenteils im Westen angesiedelt sind. Außerdem sei das Lohnniveau in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit niedriger. Mit 7,1 Prozent lag die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern 2014 deutlich höher als in den alten (5,1 Prozent). Ein weiterer Faktor sei die Tarifbindung: Nur knapp die Hälfte der Ostbeschäftigten hatte einen Tarifvertrag, während es im Westen 58 Prozent waren.

    Die große Abwanderungswelle wird dennoch als vorbei eingeschätzt. So betrug die Netto-Abwanderung aus dem Osten 2014 und 2015 nur rund 3000 Menschen pro Jahr.

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    Tags:
    Alte Bundesländer, Neue Bundesländer, Anschluss, Arbeitsmarkt, Arbeitskräfte, Polarisierung, Junge, Frauen, Abitur, Qualifikation, blühende Landschaften, Reichtum, Armut, Gleichheit, Lohn, Arbeitsmigration, Zuwanderung, Westen, Osten, Wende, Frankfurt an der Oder, Niedersachsen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Deutschland, BRD, DDR, Ostdeutschland, Ost-Berlin, Berlin, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Dresden, Erfurt, Potsdam, Chemnitz, Magdeburg, Jena, Rostock