23:51 16 November 2018
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    Menschenmenge auf dem Alexanderplatz am 40. Jahrestag der DDR (Archivbild)

    Familie R: Verbrecher-Clan als „Altlast“ aus der DDR?

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    Alexander Boos
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    Kriminelle Großfamilien spielen in Berlins Unterwelt eine zentrale Rolle. Kürzlich beschlagnahmten Beamte mehrere Immobilien der Familie R. im Wert von 10 Millionen Euro. Innenpolitiker und Polizeigewerkschafter zeigen sich alarmiert. Auch weisen sie darauf hin, dass die Wurzeln solcher kriminellen Clans in der DDR-Historie zu finden sind.

    „Großfamilien-Clans wie die Familie R. sind sehr stark verstrickt im Rahmen der organisierten Kriminalität“, sagte Karsten Woldeit, innenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, gegenüber Sputnik. „Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt, der sieht die klassischen Geldwäschezentren. Das sieht man bei den Spielhallen, bei den ‚Späties‘, bei den Imbiss-Buden. Es geht darum, ‚schmutziges‘  Geld sauberzuwaschen.“

    Vor wenigen Wochen gelang Polizei und Staatsanwaltschaft ein spektakulärer Schlag gegen die organisierte Kriminalität in der Hauptstadt. Zwölf Adressen von Clan-Mitgliedern der Großfamilie R. in Berlin und Brandenburg wurden durchsucht, so Medien. Insgesamt beschlagnahmten die Beamten 77 Immobilien. Gesamtwert: rund zehn Millionen Euro. Finanziert wurden diese Immobilien zumeist mit Geld aus kriminellen Machenschaften, so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

    Goldmünzen-Raub im Bode-Museum, Überfall in Mariendorf

    Außerdem sollen Clanangehörige die 100 Kilogramm schwere Goldmünze aus dem Bode-Museum geraubt haben. Der Clanangehörige Toufic R. ist bereits verurteilt wegen des Überfalls auf eine Mariendorfer Sparkasse im Jahr 2014, bei dem fast zehn Millionen Euro erbeutet wurden. Nun also der Schlag gegen 16 Clan-Angehörige im Immobilienbereich.

    100 Kilo und fast vier Millionen Euro… an der Nase vorbei
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    100 Kilo und fast vier Millionen Euro… an der Nase vorbei

    „In erster Linie sehen wir bei dem Fall eine gute, sehr hartnäckige und effektive Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft“, sagte Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin, gegenüber Sputnik. Ob der Rechtsstaat sich damit durchgesetzt habe, werde die Zeit zeigen. „Wenn dort jetzt keine Anklage erhoben wird, weil die Beweise nicht reichen und wenn es letztlich nicht zu einer Verurteilung kommt, dann wird nicht das erreicht, was man sich jetzt erhofft.“ Aber es sei ein gutes Zeichen, weil „der organisierten Kriminalität deutlich gezeigt wurde: Wir schauen hin. Und wir haben was gegen euch in der Hand.“

    Waffen, Drogen, Zuhälterei, Einbruch, Raub, Erpressung

    „Wir reden bei arabischen Clans nicht nur über Einbruch-Delikte“, erklärte Jendro. „Da reden wir über Drogenhandel, Prostitution, Schutzgeld, Waffenhandel, Erpressung. Es ist die breite Palette. Alle Kriminalitätsbereiche, wo man schnell an Geld kommt.“ Er nannte auch den Sparkassen-Raub von Mariendorf vor drei Jahren, der „sehr öffentlichkeitswirksam war und um den es jetzt auch in diesem Fall mit geht.“ Demnach gehe es den Clans  darum, das illegal erwirtschaftete Geld über legale Geschäfte zu waschen.

    „Wir reden hier über Großfamilien, die in den 80er Jahren nach Deutschland gekommen sind, die dann auch am Rande der Gesellschaft waren“, so Jendro. „Die einen Bleibestatus hatten, die aber nie integriert wurden. Irgendwann haben sie ihre Grundlagen in kriminellen Feldern gefunden. Und dort sind sie jetzt – seit mehreren Jahrzehnten.“

    Zu DDR-Zeiten: Über Schönefeld nach West-Berlin

    Nach Medieninformationen kamen die ersten Mitglieder der Familie R. Mitte der 1980er Jahre aus dem Südosten der Türkei über den Libanon nach Deutschland und Berlin. Sie gehören der Volksgruppe der Mhallamiye-Kurden an.

    „Aus der Türkei wurden sie vertrieben, im Libanon lebten sie als Staatenlose am untersten Rand der Gesellschaft“, berichtet der RBB. „Vor dem Bürgerkrieg im Libanon flohen mehrere Geschwister nach Berlin. Eine Arbeitserlaubnis erhielten die im Libanon geborenen R.s nicht, denn sie bekamen kein politisches Asyl, wurden nur geduldet. Einige schlugen sich mit Schwarzarbeit durch, die meisten lebten von Sozialleistungen – und andere begannen, kriminell zu werden.“

    Viele Mitglieder dieser Großfamilien durften in Deutschland nicht arbeiten, weil sie offiziell staatenlos waren und ihr Aufenthaltsstatus ungeklärt war. Inzwischen sollen in Berlin schätzungsweise 500 Mitglieder der Familie R. leben.

    „Die Geflüchteten landen mit Interflug-Maschinen auf dem Flughafen Berlin Schönefeld, die ostdeutschen Grenzer lassen sie passieren, auf der Westseite wird nicht kontrolliert“, so berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) über die damalige Zeit. „1984 reisen so 10.000 Menschen nach Deutschland. Ein Jahr später sind es bereits 73.832 Flüchtlinge. Mehr als 60 Prozent von ihnen reisen direkt weiter nach West-Berlin und bitten dort um Asyl.“

    Unter Berufung auf den Historiker Jochen Staadt führt der MDR weiter aus: „Dass man von dort (Schönefeld, Anm. d. Red.) sehr schnell nach Westberlin und auch in die Bundesrepublik kommt, sprach sich herum. Davon profitiert die DDR doppelt: Zum einen spülen ihr die Flugtickets Geld und Devisen ins Land.“ Zum anderen hatte die DDR-Führung diplomatische Gründe für diese Politik: „Der Berliner Senat lehnt Grenzkontrollen ab. (Denn) mit Kontrollen, wie die DDR sie sonst auch vornahm, würde man den völkerrechtlichen Status der geteilten Stadt anerkennen.“ Genau das wollte die DDR mit ihrem Umgang mit den Geflüchteten erreichen, „als sie über den Flughafen Schönefeld die Einreise nach Westdeutschland ermöglicht. Offiziell kann sich die DDR die Hände in Unschuld waschen: Wie die Bundesrepublik mit den geflohenen Menschen aus Sri Lanka, Ghana, Libanon oder Syrien umgeht – das ist nicht Sache der DDR.“

    Schwierigkeiten für Ermittler

    Am schwierigsten gestalten sich für die Ermittler bei dem Clan R. die abgeschotteten Familienstrukturen. Die Mhallamiye-Kurden leben sehr isoliert und für sich. Das bestätigten auch beide Experten gegenüber Sputnik. „Lieber sagt man nichts vor Gericht und nimmt mehrere Jahre Haft in Kauf, um die Familie zu schützen“, beschreibt Polizeigewerkschafter Jendro das Muster.

    Innenpolitiker Woldeit fordert die Wiedereinsetzung der gemeinsamen Ermittlungsgruppe „Identität“. „Die hatte Anfang der 2000er Jahre sehr große Erfolge. Sie hatte sich insbesondere mit dem Phänomenbereich der Mhallamiye-Kurden und der sogenannten ‚Schein-Libanesen‘ befasst, die in den 80er Jahren als angebliche Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.“

    Die Ermittlungsgruppe habe damals sehr erfolgreich gearbeitet, auch um die abgeschotteten Familienstrukturen aufzubrechen. „Es waren nicht nur Kleinstdealer, sondern auch große Köpfe, die man damals im Visier hatte. Leider hat die rot-rot-grüne Regierung diese gemeinsame Ermittlungsgruppe dann aufgelöst. Das war natürlich ein verheerender Fehler, wenn man sich die Entwicklung bis heute sieht.“

    Kommt neue Ermittlergruppe?

    „Die gemeinsame Ermittlergruppe hatte  genau das zum Auftrag, zu prüfen, wer kam mit welchem Beweggrund, mit welchen Papieren in welche DDR- oder BRD-Strukturen hinein?“, sagte der Berliner Innenpolitiker mit Blick auf die DDR-Historie. „Diese Ermittlungsgruppe war sehr, sehr aktiv und sehr erfolgreich. Ich konnte damals zwei Oberkommissare aus der Gruppe kennenlernen, die mir von dieser Arbeit berichtet haben. Wenn man sich überlegt, dass man eine Ermittlergruppe nicht nur rein im LKA ansiedelt, sondern auch mit den Ausländerbehörden, mit dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, mit dem BAMF, auch in Kombination mit dem GTAZ – das ist wirklich eine Option. Man muss diese Kräfte bündeln, um auch gezielt arbeiten zu können. Ich finde es mehr als fahrlässig, dass sich der Senat bis heute weigert, diese Ermittlungsgruppe wieder aufzubauen. Und vor allem auf die Kompetenzen zuzugreifen, die bis heute in den genannten Behörden vorhanden sind.“

    Woldeit hatte Anfang 2017 einen entsprechenden Antrag im Berliner Abgeordnetenhaus gestellt – bisher ohne Erfolg. Der Senat lasse bis heute keine Signale erkennen, wieder eine ähnliche Ermittlergruppe zu etablieren.

    „Die Ermittlungen gegen 16 Personen, allesamt Mitglieder der Familie R., dauern an“, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin gegenüber Sputnik mit. Weitere Informationen könne er derzeit nicht mitteilen.

    Das komplette Interview mit Benjamin Jendro (GdP) zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Karsten Woldeit (AfD) zum Nachhören:

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    Bandenwirtschaft, Clans, Flüchtlingswelle, Bande, Debatte, Migration, Flüchtlinge, Mafia, Asylrecht, Transit, Flüchtlingskrise, Kriminalität, Kurden, Asyl, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Karsten Woldeit, Benjamin Jendro, Schönefeld, Ost-Berlin, DDR, Libanon, Syrien, Berlin