04:05 22 August 2018
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    Cannabis (Symbolbild)

    Hanfboom in Italien: Cannabis light für Konsumenten – Aufschwung für die Region

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    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Aufgrund eines neuen Hanfgesetzes boomt in Italien seit 2017 das Geschäft mit „Cannabis light“. Auch Kleinbauern in strukturschwachen Regionen könnten langfristig vom Hanfanbau und dem Verkauf von Hanf-Lebensmitteln profitieren. In Deutschland könnte derweil Mecklenburg-Vorpommern zur Modellregion für die kontrollierte Cannabis-Abgabe werden.

    Die Regierung Berlusconi hatte noch 2006 die Cannabis-Gesetze in Italien drastisch verschärft und den Verkauf oder Handel von Cannabis mit bis zu zwanzig Jahren Gefängnis und Geldstrafen von bis zu 260.000 Euro geahndet. Doch jetzt könnte Italien durch sein neues Hanfgesetz zu einem Mekka für Cannabis-Konsumenten werden. Seit 2016 nämlich darf dort Hanf mit einem geringen Gehalt des berauschenden Wirkstoffs THC vollkommen legal angebaut werden. Dabei ist gesetzlich nicht klar festgeschrieben, was mit den THC-haltigen Blüten der Nutzpflanze passieren soll.

    Cannabis Felder von Costantino Gianfrancesco

    Cannabis Light erobert den Markt

    Diese Gesetzeslücke hat sich der Legalisierungs-Aktivist und Betreiber eines der ältesten Growshops Italiens, Luca Marola, zunutze gemacht. Er gründete das Unternehmen „Easy Joint“ und vertreibt seither Cannabis-Light-Produkte. Und Marola hat Erfolg: Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen mehr als zwei Millionen Euro Jahresumsatz. Die Zahl der Bestellungen wächst jeden Monat um durchschnittlich 180 Prozent. Mit einem Anteil von 85 Prozent ist „Easy Joint“ der absolute Marktführer in der Industrie der legalen Cannabis-Produkte.

    Sicher oder legal seien die „leichten“ Joints nicht, heißt es in einem Gutachten für das italienische Gesundheitsministerium. Jedoch sehe man bisher auch keinen Grund für ein Verbot, so Gesundheitsministerin Giulia Grillo. Auch die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft sieht keinen Sinn darin, Cannabis zu kriminalisieren, denn es sei genauso alltäglich wie Alkohol und Zigaretten.

    Italien liegt beim Pro-Kopf-Konsum von Cannabis EU-weit auf Platz zwei – hinter Dänemark. Etwa ein Drittel aller Italiener habe mindestens einmal im Leben diese Droge probiert, heißt es im jüngsten Bericht der EU-Drogenaufsichtsbehörde.

    Traumberuf Hanfbauer

    Mit seinem ersten, 3,5 Hektar großen Hanffeld sei für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen, erzählt Costantino Gianfrancesco.

    „Für mich als Stadtmenschen, der an komplett unnatürliche Arbeitszeiten gewöhnt ist, ist das eine willkommene, fast schon kreative Arbeit. Kein Chef, keine Telefonate, einfach nur der Boden, die Pflanzen und du. Das kann einen wieder erden, und mir persönlich tut es sehr gut. Unkraut jäten macht keinen Spaß, aber das Gefühl auf den Böden, die meine Großeltern schon bearbeitet haben, etwas wachsen zu sehen, ist unglaublich befriedigend.“

    Bis vor kurzem engagierte sich der junge Deutsch-Italiener noch für die Grünen in der Kommunalpolitik in Frankfurt am Main. Jetzt ist er Hanfbauer in Süditalien. Die Felder in Molise, die er für die Hanfaufzucht nutzt, sind seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Die Region ist landwirtschaftlich geprägt. Was angebaut wird, wird größtenteils im eigenen Dorf verarbeitet und verzehrt. Dass nun auch Hanf legal angebaut werden darf, sieht Gianfrancesco als große Chance für die Region.

    „Die Preise für alles andere, was hier angebaut wird – wie das hochwertige Olivenöl – sind durch den enormen EU-Konkurrenzdruck in den Keller gerasselt. Es lohnt sich für die Bauern nicht mehr, hier anzubauen. Der Hanf bietet die Chance, Öl, Mehl und andere Produkte herzustellen, die sie zu guten Preisen verkaufen können. Das gibt den Leuten die Chance, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Auf einigen von unseren Feldern Hanf anzubauen, war für mich daher ein folgerichtiger und logischer Schritt.“

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    Dadurch, dass der erlaubte THC-Grenzwert durch das neue Gesetz von 0,2 auf 0,5 Prozent angehoben wurde, könnten die Landwirte jetzt die EU-zertifizierten Hanfsamen kaufen und müssten keine Angst mehr haben, dass ihre Pflanzen aufgrund von Witterungseinflüssen den Grenzwert überschreiten und damit quasi illegal werden, so Gianfrancesco.

    „Seit Januar 2017 wurde das Gesetz in Italien insofern angepasst, als dass man als Direkterzeuger ohne jegliche Behörden und Genehmigungen einfach machen kann. Vor zwei Monaten wurde das Gesetz noch weiter verändert und aufgeweicht, sodass man kein Direkterzeuger mehr sein muss. Hauptsache ist, dass man sich EU-zertifizierte Samen kauft. Dann kann jeder – der Kleinbauer, die Hausfrau, der Jugendliche – in Italien Hanf anbauen. Hauptsache, der THC-Wert von 0,5 Prozent wird nicht überschritten.“

    • Cannabis Felder von Costantino Gianfrancesco
      Cannabis Felder von Costantino Gianfrancesco
      © Foto : Costantino Gianfrancesco
    • Cannabis-Felder von Costantino Gianfrancesco
      Cannabis-Felder von Costantino Gianfrancesco
      © Foto : Costantino Gianfrancesco
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      Cannabis-Felder von Costantino Gianfrancesco
      © Foto : Costantino Gianfrancesco
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      Cannabis-Felder von Costantino Gianfrancesco
      © Foto : Costantino Gianfrancesco
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      © Foto : Costantino Gianfrancesco
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    © Foto : Costantino Gianfrancesco
    Cannabis Felder von Costantino Gianfrancesco

    Die ersten Samen, die er im Mai ausgesät hat, sind ihm inzwischen über den Kopf gewachsen. Dass er das aus der ersten Ernte gewonnenen native Hanföl nicht loswird, fürchtet der Hanfbauer nicht. Nach nur einem Facebook-Post habe er Vorbestellungen aus Deutschland über mehrere Hundert Liter des kaltgepressten Öls erhalten. Leben könne man zwar davon allein noch nicht, doch Gianfrancesco sieht den Hanfanbau als Zukunftsperspektive und Deutschland als potentiellen Markt für Hanf-Lebensmittel und das Öl, das für medizinische Zwecke genutzt werden kann.

    „Für uns ist die Frage vielmehr: Wie kann man hier die Region stärken, indem man etwas Nachhaltiges schafft? Es gibt die Problematik, dass den Leuten Geld fehlt, um Investitionen in Maschinen zu tätigen. Man kann zwar anbauen, aber wenn man zum Beispiel das Öl gepresst haben will, muss man die Region verlassen, um zur Industrie zu kommen, wo solche Maschinen stehen. Es ist das große Problem im Süden Italiens, dass hier die Infrastruktur noch zu lose ist und die Investitionskraft fehlt. Da hoffe ich, durch meine Kontakte nach Deutschland Investitionsmöglichkeiten schaffen zu können. Damit die Leute hier mehr von ihren Produkten profitieren können und die Abhängigkeit von Subventionen gelockert wird.“

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    Was die komplette Legalisierung von Cannabis-Produkten in Italien angeht, sei er verhalten optimistisch, sagt der Legalisierungs-Befürworter.

    „Egal, mit welchem Vorschlag ich an die Kommune, den Bürgermeister unseres Orts oder die Leute, die in der Landwirtschaft tätig sind, herangetreten bin – sobald es um Cannabis light ging, sind alle Türen aufgegangen. Insofern bin ich verhalten optimistisch, was die weitere Regulierung des Cannabis angeht. Ich bin guter Dinge. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass das nicht im nächsten Jahr passiert. Es wird lange Diskussionen zur Folge haben, und wir werden warten müssen, wie sich das weiter entwickelt.“

    Kiffen bald auch in Mecklenburg-Vorpommern erlaubt?

    So weit wie Italien ist Deutschland in Sachen Cannabis noch nicht. Zu medizinischen Zwecken soll es voraussichtlich ab 2020 in Deutschland angebaut werden. Seit 2017 können Patienten Cannabis auf Rezept bekommen. Der besonnene Konsum der Pflanze lindert chronische Schmerzen und hilft gegen Symptome von grünem Star, ADHS und dem Tourette-Syndrom.

    FDP-Politiker Hagen Reinhold geht das nicht weit genug. Er fordert die kontrollierte Freigabe von Cannabis.

    „Die rund 1,2 Millionen Konsumenten zwischen 18 und 64 Jahren, die regelmäßig konsumieren, zeigen, dass der Konsum von Cannabis längst breite Teile der Bevölkerung erreicht hat. Die derzeitige Kriminalisierung und die Strafandrohung schränken weder die Verfügbarkeit noch die Verbreitung von Cannabis ein. Vielmehr dürfte die Dunkelziffer von Konsumenten deutlich höher liegen und der Konsum von Cannabis längst ein Massenphänomen sein“, zitiert die „Ostsee-Zeitung“ den Politiker.

    Im Februar 2018 hat die FDP deshalb einen Antrag eingereicht, der es möglich machen soll, in Deutschland Modellregionen zur kontrollierten Abgabe von Cannabis einzurichten. Für den aus Wismar stammenden Bundestagsabgeordneten Reinhold würde sich dafür das ländlich geprägte Mecklenburg-Vorpommern eignen.

    Linke und Grüne haben bereits Unterstützung für das FDP-Vorhaben signalisiert. Union und AfD sind indes gegen eine Liberalisierung. In einer ersten Anhörung Ende Juni wurde der Antrag diskutiert und Experten der Bundesärztekammer, der Rechtswissenschaften, der Suchtmedizin und der Polizei angehört. Im Herbst sollen die Gespräche fortgesetzt werden.

    Auch Costantino Gianfrancesco würde sich die Legalisierung in Deutschland wünschen. Der Widerstand dagegen sei rein ideologisch motiviert und nicht mehr zeitgemäß.

    Das komplette Interview mit Costantino Gianfrancesco zum Nachhören:

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    Tags:
    Legalisierung, Landwirtschaft, Cannabis, FDP, Rom, Italien, Deutschland