22:30 15 Dezember 2018
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    Klaus Feldmann in der TV-Sendung Aktuelle Kamera (Archivbild)

    EXKLUSIV: Mister „Aktuelle Kamera“ Klaus Feldmann – der Jan Hofer der DDR

    © Foto: Klaus Feldmann
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    Armin Siebert
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    Jeder Ostdeutsche über 40 kennt sein Gesicht: Klaus Feldmann war fast 30 Jahre Sprecher der „Aktuellen Kamera“, der 20-Uhr-Nachrichten der DDR. Im Exklusiv-Interview erzählt der heute 82-Jährige, wie Staatschef Honecker manchmal selbst die Nachrichten schrieb, warum Westfernsehen Pflichtprogramm war und was er von der heutigen „Lügenpresse“ hält.

    Die Sommer verbringt der ehemalige DDR-Star-Moderator Klaus Feldmann in seinem Wohnwagen am brandenburgischen Helenesee. Für unser Interview kommt er extra zurück ins heiße Berlin, wo er seit 1984 in der „Platte“ in Marzahn wohnt. Der bodenständige TV-Star erscheint im einfachen Poloshirt. Schnell kommt man ins Plaudern, ob mit Kamera oder ohne.

    Beschwipst vom Dienst suspendiert

    Feldmann redet noch immer äußerst eloquent und unaufdringlich genau. In unserem etwas unterkühlten Studio leistet er sich während der halben Stunde unseres Interviews genau einen Räusperer. Der Thüringer, der in Leipzig aufwuchs, wollte schon immer in die Medien und hat bereits mit zwölf Jahren beim Kinderfunk moderiert. Später hat Feldmann eine Journalistenausbildung gemacht, die auch in der DDR durchaus das Handwerk vermittelte.

    Feldmanns Karriere verlief steil: bereits 1961, unmittelbar nach dem Mauerbau, ging der gerade einmal 25-Jährige zum ersten Mal als Sprecher der 20-Uhr-Nachrichten der DDR auf Sendung. Bis zu seinem Ausstieg 1989 hat der „Jan Hofer des Ostens“ in tausenden Sendungen „Aktuelle Kamera“ den DDR-Bürgern das Neueste ins Wohnzimmer gebracht. Allerdings gab es eine Unterbrechung 1976, als er für ein paar Monate vom Dienst suspendiert wurde. Feldmann hatte am Nachmittag zum Geburtstag eines Kollegen zwei Gläser Wein getrunken und die ernste Weltlage am Abend wohl etwas zu euphorisch präsentiert.

    Spitze vom Reifenhändler

    Feldmann hat fast dreißig Jahre lang die Aktuelle Kamera moderiert. Er bezeichnet seine Zeit beim DDR-Fernsehen als die beste seines Lebens. Jeder DDR-Bürger kannte sein Gesicht. 14 Mal wurde „Mister AK“ zum Fernsehliebling gewählt – nicht von einer Jury, sondern vom Publikum. Die Menschen schätzten seine neutrale und niveauvolle Art, auch wenn die immer gleichen Meldungen der DDR-Führung von vielen Bürgern nicht mehr ernst genommen wurden.

    Die leicht thüringisch-sächsische Sprachfärbung hat Feldmann nie abgelehnt, was in der DDR nicht weiter auffiel, da auch viele Politiker aus dem Süden der Republik stammten. Bei trockenen Nachrichten gibt ein winziger Dialekt vielleicht sogar Sympathie-Pluspunkte und vermittelt eine gewisse Volksnähe. Noch heute bekommt der markante Brillenträger Post mit Autogrammwünschen und wird im Osten auf der Straße erkannt und angesprochen. Feldmann hat weder vor noch nach der Wende Anfeindungen erlebt. Nur einmal bekam er zu DDR-Zeiten eine Spitze, wie er im Sputnik-Interview erzählt:

    „Ich habe mal einen Reifenhändler gehabt, der hat zu mir gesagt: Herr Feldmann, ich habe keine Reifen für Sie. Holen Sie sich doch die Reifen von dort, wo Sie immer berichten, dass es dort alles gibt.“

    „Ich war kein Gegner dieses Staates“

    Feldmann betont, dass er nur der Sprecher der Nachrichten und nicht für deren Inhalt verantwortlich war. Wobei er das „nur“ gern streichen möchte, da auch zum Nachrichtensprechen einiges journalistisches Handwerk gehört. Inhaltlich hätte der Fernseh-Profi im Prinzip alles vorgelesen, was er auf den Tisch bekam, meint er in unserem Interview. Das gebiete einfach die Professionalität seines Berufes. Feldmann stellt aber klar: „Ich entziehe mich nicht der Verantwortung für das, was ich verkündet habe. Das haben im Nachhinein sehr viele gemacht. Was wir zu erfüllen hatten, das wussten wir. Wir waren ein staatliches Unternehmen. Und ich war kein Gegner dieses Staates.“

    Sogar Honecker schrieb manchmal Nachrichten

    Entgegen der landläufigen Vorstellung, dass in den DDR-Medien alles gesteuert und überwacht war, lief der Großteil der redaktionellen Arbeit bei der Aktuellen Kamera unabhängig und selbständig ab, erzählt Feldmann. Außer wenn es um Staatschef Erich Honecker ging. Da musste genau zitiert werden. Es soll sogar Meldungen gegeben haben, die Honecker selbst formuliert hat. „An diesen Meldungen durfte nicht einmal ein Komma verändert werden“, berichtet Feldmann.

    Erst der Generalsekretär, dann alles andere

    Auch bei brisanten Nachrichten gab es sogenannte „Wortlautmeldungen“ direkt aus der Agitationskommission des Zentralkomitees. Diese häuften sich Ende der 1980er Jahre.

    „Es gab eine Menge Nachrichten, die ich anders formuliert hätte, zum Beispiel die Nachrichten über die Grenzverletzungen, wenn man flüchten wollte und dann geschossen wurde. Dieses unklare Formulieren zeigte wohl auch, dass die Partei- und Staatsführung nicht so glücklich war mit diesen Umständen“, erzählt der Chefsprecher der „Aktuellen Kamera“.

    Der Sprachästhet Feldmann räumt ein, dass die DDR-Nachrichten oft langweilig waren. Es gab ein Reglement, nach dem die Meldungen standardisiert in den DDR-Nachrichten gebracht wurden:

    „An allererster Stelle standen die Aktivitäten des Generalsekretärs. Dann kamen die Erfolge der Werktätigen und Bauern in der DDR. Dann folgten die sozialistischen Bruderländer in bestimmten Reihenfolgen. Anschließend die um ihre Befreiung kämpfende Dritte Welt und zum Schluss alles andere“, berichtet Feldmann.

    Dienstlich Westfernsehen schauen

    Es wurde in der DDR auch durchaus geschaut, was die Konkurrenz gemacht hat. Die meisten DDR-Bürger, die Empfang hatten, schauten sowieso Westfernsehen. Feldmann tat dies nicht nur privat, sondern auch beruflich: „Wir hatten eine große Wand in unserer Redaktion mit zig Bildschirmen, wo alle relevanten Westnachrichten wie ‚Tagesschau‘ oder ‚Heute‘ liefen. Das wurde auch in der Agitationsabteilung geschaut. Und so kam es durchaus vor, dass nach 19 Uhr ein Anruf kam von dort mit Korrekturwünschen für unsere 20-Uhr-Sendung“, erzählt Feldmann.

    Respekt denen, die das Maul aufmachten

    In den letzten Jahren der DDR wurden die Reformsignale aus der Sowjetunion durchaus auch in der Redaktion der Aktuellen Kamera diskutiert, erzählt Feldmann. Allerdings trauten sich die Verantwortlichen nicht, „das Maul“ aufzumachen:

    „Man stand ein bisschen ohnmächtig da. Man hätte durchaus, wenn man heute auch von Verantwortung für die damalige Zeit spricht, diejenigen, die in der Partei waren und entsprechenden Einfluss hatten, daran erinnern können, mehr das Maul aufzumachen. Aber es hat sich keiner getraut. Ich gehörte nicht zu denen, die 89 auf die Straße gegangen sind. Aber all denen, die das damals, zum Beispiel in Leipzig, gewagt haben, gehört mein Respekt. Von heute aus betrachtet, sieht das alles so einfach aus. Das war es durchaus nicht.“

    Feldmann hat Mitgefühl für seine Kollegen, die in dieser Zeit bis zum Ende der Aktuellen Kamera im Dezember 1989 weiter ihren Dienst verrichten mussten:

    „Leute, die ansonsten unsere Besten, unsere Größten waren, waren auf einmal die Verbrecher, die Strolche. Das als Nachrichtensprecher zu verkünden, ist sicher unangenehm“, so Feldmann im Sputnik-Interview.

    Zur Wende vom Krankenbett nach Zypern

    Feldmann hat die Wende fast verschlafen – unfreiwillig, auf dem Krankenbett. Von einer heftigen Angina Pectoris niedergestreckt, pausierte er seit September 1989 bei der Aktuellen Kamera und stieg auch nach seiner Genesung nicht wieder beim DDR-Fernsehen ein.

    Als die Mauer fiel, war auch Feldmann die ganze Nacht wach. Aber nicht, weil er in West-Berlin feierte, sondern weil es für den kränkelnden Moderator morgens um Vier, trotz Abraten des Arztes, mit dem DDR-Elite-Kreuzfahrtschiff „MS Völkerfreundschaft“ auf eine Mittelmeerreise nach Zypern ging. Auf so eine Reise ins kapitalistische Ausland musste auch Feldmann, der sich als nicht besonders privilegiert in der DDR sah, quasi ein halbes Leben warten. Jetzt war dies für jedermann möglich.

    Nach der Wiedervereinigung ging Feldmanns erster West-Urlaub nach Südtirol. Zu Ostzeiten konnte der begeisterte Skifahrer seine Abfahrten nur zwischen Oberwiesenthal und Hoher Tatra ziehen.

    Zuschauer wollten sein Gesicht nicht mehr sehen

    Gleich nach der Wende ging der Anchorman der ostdeutschen Tagesschau zum Lokalfernsehen nach Cottbus und Frankfurt (Oder) und fand das überhaupt nicht entwürdigend. „In der regionalen Berichterstattung müssen Sie sehr, sehr glaubwürdig sein, weil die nachprüfbar ist für die Menschen vor Ort. Das Weltgeschehen können Sie nicht nachprüfen, da muss man Vertrauen in das Medium haben“, stellt Feldmann fest.

    Im Haus der Kultur wurden in einer vom Fernsehen original übertragenen Gala die Fernsehlieblinge 1987 gekürt. In der Gunst des Publikums am höchsten standen: Helga Piur, Klaus Feldmann, Petra Kusch-Lück, Hans-Joachim Wolfram, Helga Hahnemann, Heinz Florian Oertel, Erika Krause und Ellen Tiedtke (v.l.n.r.)
    Im Haus der Kultur wurden in einer vom Fernsehen original übertragenen Gala die Fernsehlieblinge 1987 gekürt. In der Gunst des Publikums am höchsten standen: Helga Piur, Klaus Feldmann, Petra Kusch-Lück, Hans-Joachim Wolfram, Helga Hahnemann, Heinz Florian Oertel, Erika Krause und Ellen Tiedtke (v.l.n.r.)

    Der ehemalige TV-Star ist nicht verbittert und versteht durchaus, dass seine Karriere im großen Fernsehen nach der Wende vorbei war:

    „Die Chance, nach 1990 weiter im Fernsehen zu arbeiten, war gleich Null. Auch wenn man gesagt hat, der hat bloß verlesen, wäre es sicher auch für die Zuschauer unangenehm, dieses Gesicht wieder zu sehen, weil man es ja doch, völlig zu Recht, mit diesen Ereignissen verbindet.“

    Lügenpresse

    Noch immer verfolgt der Journalist Feldmann aufmerksam das Weltgeschehen und auch die Arbeit seiner Kollegen bei der „Tagesschau“ und den „Heute“-Nachrichten. Der Nachrichtenmann findet es eine Ironie der Geschichte, dass auch heute wieder den Medien im Westen das vorgeworfen wird, was eigentlich als typisch für die DDR galt, nämlich eine gewisse Staatsnähe und Gleichschaltung. Mit dem Begriff „Lügenpresse“ kann Feldmann sich dennoch nicht anfreunden:

    „Ob man gleich von Lügenpresse sprechen muss, weiß ich nicht. Aber ich hatte eine gewisse Genugtuung, als ich diese Kritik hörte, weil das uns immer angedichtet wurde. Natürlich haben Medien immer einen bestimmten Auftrag zu erfüllen, auch die Öffentlich-Rechtlichen. Auch wenn sie immer behaupten, dass sie unabhängig sind, sind die Meldungen immer subjektiv. Ganz wertfrei sind die Informationen nicht. Schon die Reihenfolge ist von jemandem gewollt. Man kann auch etwas weglassen. Wobei ich das auch nicht gleich als Lüge bezeichnen würde. Es gibt aber nun mal keine völlig unabhängige Berichterstattung. Auch der Chefredakteur einer Zeitung orientiert sich an der Richtung seines Verlages. Bestes Beispiel ist der Regierungssprecher Seibert, der mal bei einem öffentlich-rechtlichen Sender war. Der kann damals nicht zu kritisch über das System und die Politik berichtet haben, sonst wäre er nicht Regierungssprecher geworden.“

    „Unkontrollierte Vorverurteilung“ Russlands

    Ein Punkt, der Feldmann auch ärgert, ist die heutige Berichterstattung über Russland. Dies erinnert ihn an den Kalten Krieg, der die gesamte Zeit seiner Karriere in der DDR durchzog. Mit der Sowjetunion verbindet Feldmann nur warme Erinnerungen:

    „Ich habe ein ganz besonderes Verhältnis zu Russland. Wobei ich vieles, was jetzt dort passiert, auch durchaus kritisch sehe. Aber schon in meiner Kindheit hatte ich eine gute Beziehung zu den sowjetischen Soldaten, mit denen wir ins Kino gegangen sind und die ihr Brot mit uns geteilt haben, was nach Machorka roch, weil sie es zusammen mit dem Tabak in der Tasche hatten. Die Russen waren für mich von Anfang an die Befreier. Sie haben mich vor den schrecklichen Bombenangriffen befreit, die ich gehasst habe. Später habe ich auch viele sowjetische Ensembles als Moderator begleitet. Bei den Meldungen, die ich heute höre, ob das die Giftanschläge in England sind oder die ganze Geschichte mit der Ukraine, beobachte ich oft eine unkontrollierte Vorverurteilung, ohne alles geprüft zu haben. Deshalb bin ich sehr vorsichtig, was solche Meldungen betrifft. Wenn man sieht, wie nah die Nato an Russland gerückt ist … Wenn ich mich daran erinnere, was die Amerikaner für einen Zoff um Kuba gemacht hatten. Da gab es eine richtige Blockade, und der Weltkrieg war schon wieder ganz in die Nähe gerückt. Und heute darf sich Russland nicht beschweren und aufregen, wenn die Nato direkt an ihren Grenzen steht?“

    Klaus Feldmann heute
    Klaus Feldmann heute

    Klaus Feldmann ist ein kritischer, aber nüchterner Betrachter der Welt geblieben. Viele offizielle Vertreter und Gesichter des Arbeiter- und Bauernstaates wurden nach der Wende quasi entsorgt auf dem Müllhaufen der Geschichte. Feldmann hat Glück gehabt. Obwohl er das Gesicht der DDR-Nachrichten war, fand er sich nach der Wende nicht in der Schusslinie des Volkes. Der agile 82-Jährige geht bis heute regelmäßig auf Lesereise. Seine eher ostalgischen Geschichten kommen gut an. Bei der älteren Generation im Osten ist Feldmann noch immer ein Promi. Seine Sozialisierung ist klar im Osten, hier kennt man ihn – und er kennt das Leben hier.

    Das komplette Interview mit Klaus Feldmann zum Nachhören:

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    Tags:
    Nachrichten, TV-Sendungen, Heutejournal, Fernsehen, Anschluss, Lügenpresse, Kritik, Zensur, Medien, Wende, Aktuelle Kamera, Tagesschau, Jan Hofer, Klaus Feldmann, Erich Honecker, Ostdeutschland, Sowjetunion, DDR, Leipzig, Zypern, UdSSR, Dresden, Berlin, Russland