17:02 20 August 2018
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    Auftritt des britischen Rappers Dizzee Rascal beim  Musikfestival Rock am Ring 2010 auf dem Nürburgring

    „Der Koran verbietet Selbstmord: Wer lügt und wer hält Wort?“ – Philosophie im HipHop

    © AP Photo / APN/ Hermann J. Knippertz
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    Alexander Boos
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    „Philosophie des HipHop: Performen, was an der Zeit ist.“ So lautet der Titel eines neuen Buches des Politik-Philosophen Jürgen Manemann aus Hannover, das er gemeinsam mit einem Ex-Rapper geschrieben hat. „HipHop ist eine globale Jugend-Kultur und weist erstaunlich viele Schnittpunkte zur Philosophie auf“, erklärt er im Sputnik-Interview.

    Im Geburtsland des HipHop, in den USA, kam Philosophie-Professor Jürgen Manemann die Idee für das ungewöhnliche Forschungsprojekt. „Ich war in Houston an der Rice University“, sagte der Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover gegenüber Sputnik. „Dort hielt eine Kollegin, Monica Miller, einen Vortrag über ‚Humanismus und HipHop.‘ Damals wurde mir klar, dass HipHop sehr wichtig ist und von großer Bedeutung. Und zwar nicht nur in den USA, sondern in allen Teilen der Welt.“

    Dann kam er zurück nach Niedersachsen an sein Forschungsinstitut und erwähnte das so ganz nebenbei auf dem Flur. „Da sagte einer unserer damaligen Gastwissenschaftler – Eike Brock, mit dem ich auch das Buch zusammen verfasst habe – dass er früher Rapper gewesen sei.“ Das sei der Startpunkt des Projekts gewesen.

    HipHop – Jugend-Kultur der Gegenwart

    „Dann haben wir Rapper und Rapperinnen eingeladen, mit uns zu diskutieren, während sie ihre Songs performen.“ Allgegenwärtige Themen im Rap sind: Ungerechtigkeiten, Diskriminierung, Identität, Authentizität, Sexualität, aber auch Fragen nach dem Glück und „dem Wunder des Lebens. Eigentlich behandelt HipHop alle Fragen des Lebens. Denn HipHop ist, wie der Rapper Spax gesagt hat, das Leben.“ Die Inszenierung im HipHop sei immer „ein kreativer, transformierender Umgang mit sich selbst.“ Das könne für viele junge Menschen in unseren Gesellschaften „eine große Hilfe sein“.

    Weitere Themen, die in der Sub-Kultur stattfinden, sind Selbstfindung und Lebensmeisterung. Das seien entscheidende Themen für die Jugend der heutigen Zeit in westlichen Gesellschaften. „Weil viele junge Menschen in westlichen Gesellschaften unter einem Kontrollverlust leiden. Sie haben entweder die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren oder sie haben Angst davor. Hier kann HipHop wirklich eine Hilfe sein. Weil HipHop sehr viel mit Selbstmeisterung zu tun hat.“ Performen, was an der Zeit sei, heiße, die derzeitige äußere wie innere Lage in solche Worte zu fassen. Und zwar so, „dass dies eine Wortergreifung ist, durch die ich mich als Selbst mit und gegen andere inszeniere. HipHop ist eine Form des Selbst-Empowerments (also der Selbstermächtigung). So, dass das eigene Selbst zum Ausdruck kommt – und immer wieder neu entdeckt wird.“

    Philosophische Rapper und Rapperinnen

    Zu philosophischen Rappern in der Musikindustrie gehören laut Manemann die Berliner Rapperin Sokee, Spax oder auch die „Antilopen Gang“ aus Düsseldorf und Aachen. Die Band landete Anfang 2017 einen Nummer-Eins-Hit mit ihrem Album „Anarchie und Alltag“. Laut.de bewertete es als „sehr gut“ und resümierte, dass die Antilopen Gang „mit ihrer Selbstironie, schrägen Humor, Gesellschaftskritik, Blödeleien, aber auch tiefer schürfenden Themen wie Depression, Suizid und Selbstachtung“ nach wie überzeuge. Es sei ein „witziges und zum Nachdenken anregendes Album“.

    Sokee gilt als feministische Rapperin, die sich gegen Diskriminierung und auch für den Tierschutz einsetzt.

    „Ich verliere das Vertrauen“, rappt sie in ihrem sozialkritischen Song „Q1“, „Ich befürchte irgendwann, steht für mich und alle meine Leute, die Entscheidung an: Einsame Insel oder Untergrund?“ Und weiter: „Was sind deutsche Werte? Wenn sie nicht beschissen sind? Ich träume schon, ich wäre Selbstjustizministerin. Was geht ab mit Nächstenliebe? Was würde euer Jesus sagen? (Was denn?). Eine Lebenslüge, für jede Lebenslage. Und sie schnüren Asylpakete, als wären es Geschenke. Schengen ist Vergangenheit, man baut jetzt wieder Grenzen.“

    „Ich hab die Zukunft gesehen…“

    Rap-Texte deutscher HipHop-Künstler waren schon immer philosophisch geprägt. Der Heidelberger Rapper und DJ Torch, einer der Ur-Väter der deutschsprachigen Rap-Musik, hatte im Jahr 2000 mit „Blauer Samt“ (2000) ein Album vorgelegt, das bis heute nachfolgende Generationen prägt. „Ich hab die Zukunft gesehen“, rappt Torch in „Morgen“, dem letzten Track auf dem Werk. „Ich konnte nichts genau erkennen, alles verschwommen vor lauter Tränen. Nichts ist wahr, was nicht vorher auch ne Lüge war. Das gleiche Scheiß-Drehbuch, was sich ändert, ist die Kamera. Wir haben nichts aufgebaut, haben nichts zerstört. Haben nichts verloren, weil uns auch nichts gehört. Sind nur ein winziges Zahnrad in der Maschinerie, ne Speiche in nem Fahrrad, aber das kapiern wir nie.“

    Selbst hartgesottene Battle- und Straßen-Rapper wie Kool Savas oder Bushido, die meist durch aggressive Lieder auffallen, haben gelegentlich tiefsinnige Texte mit Botschaft in ihrem Repertoire. „Ein Leben ist das größte Geschenk, das Gott einem gibt“, so der erfolgreiche Berliner Rapper Kool Savas in seinem Song „Der Beste Tag Meines Lebens“. Unvergessen auch die politische Hymne „Weck Mich Auf“ vom Hamburger Künstler Samy Deluxe.

    Rap-Song über 9/11

    „Ich denk' bloß nach, ich mach' mir nur Gedanken. Sei's die Kirche, die Regierung, die Verbindungen zu Banken“, heißt es im Anti-Kriegs-Song „Kein Ende In Sicht“ der Kölner HipHop-Formation „Die Firma“. „Irgendwo dort liegt die Antwort vergraben, warum erst gestern wieder Menschen für ihren Glauben starben.“

    Und dann: „Die traurige Wahrheit ist: Der Koran verbietet Selbstmord. Wer lügt, wer verschleiert, wer sagt die Wahrheit und wer hält Wort? (…) Globale Entschlossenheit, die Information und Geschosse teilt. Ich sprech' vom Glaubenskrieg, weil nur noch Beten und Hoffen bleibt. Offen gesagt gibt's für mich weder Juden, Moslems noch Christen. Es gibt nur gute Menschen und schlechte Menschen! Das war's, das ist es!“ Der Song entstand 2002 kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers.

    Zu den Mit-Begründern deutschen Sprechgesangs gehören auch die Stuttgarter „Die Fantastischen Vier“. Band-Mitglied Thomas D rappt in seinem Klassiker „Liebesbrief“ folgende tiefgründige Worte.

    „Denn da alle Liebenden innerlich immer noch Kind, und da die, die reinen Herzens handeln unsre größten Helden sind, rett ich die Welt mit deiner Liebe in mir, denn ich bin für dich da, nein ich bin wegen dir hier. Da dir die Fähigkeit, zu lieben, geblieben ist und die Kraft zu vergeben ein Bestandteil deines Lebens ist, wurde ich erweckt, und was tief in mir schlief, führt nun Feder, und schreibt dir diesen Liebesbrief.“

    Dieser Text zeigt eindrücklich, was Philosophie-Professor Manemann mit dem „öffentlichen Gespräch“ mit anderen Menschen meint.

    Rap und Philosophie

    „Philosophie nach Sokrates bedeutet, das eigene Leben zu prüfen“, sagte er im Interview. „Das eigene Leben zu prüfen in der Auseinandersetzung, im öffentlichen Gespräch mit anderen Menschen. Einer der einflussreichsten HipHopper oder Rapper, nämlich KRS-One, definiert HipHop als ‚bewusste Weise zu sein‘.“ Das bedeute, sich über sein eigenes Leben zu rechtfertigen. „Über das eigene Leben zu reflektieren. Insofern ist Philosophie eine Lebenspraxis und HipHop ebenso.“

    Philosophie nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) „ist der Versuch anzusagen, was an der Zeit ist. Und HipHop kann definiert werden als Philosophie, die performt, was an der Zeit ist. Wenn der Philosoph über das eigene Leben nachdenkt, stellt er sich den Grundfragen des Lebens: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was soll ich hoffen? Und der HipHopper fragt: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum sind wir hier? Das heißt also, dass sowohl Philosophie als auch HipHop sich mit den Grundfragen des menschlichen Lebens in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart befassen. Nicht alles im HipHop ist philosophisch, aber HipHop hat eine Philosophie.“ Sein Wunsch sei es, über HipHop den Bogen zu den antiken Anfängen der Philosophie zu schlagen.

    Jürgen Manemann, Jahrgang 1963, ist katholischer Theologe, Philosoph und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind neben Fragen der Umweltphilosophie auch Politiktheorien und Religionsfragen. Der Politik-Philosoph betreibt laut Eigenaussage Philosophie „als Zeitdiagnose.“

    Manemann / Eike Brock: „Philosophie des HipHop. Performen, was an der Zeit ist.“, Transcript, 1. Auflage, April 2018. Das Buch ist im Handel erhältlich.

    Das Interview mit Prof. Dr. Jürgen Manemann zum Nachhören:

    Tags:
    Selbstmord, Muslime, Geschlecht, Sexualität, Hass, Religion, Islam, Musik, Unterstützung, Philosophie, Terroristen, Lob, Lieder, Terroranschläge, Rap, Hip-Hop, 9/11, Bushido, Köln, Niedersachsen, USA, Deutschland
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