12:41 14 August 2018
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    Jahrestag des US-Atomangriffs in Hiroshima

    Friedensnobelpreisträger warnt: „Zwei Milliarden Tote durch 100 Hiroshima-Bomben“

    © REUTERS / Kyodo
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    Paul Linke
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    Mit einem Aufruf zur atomaren Abrüstung haben heute Menschen in Hiroshima den Opfern des US-Atomangriffs vor 73 Jahren gedacht. Schätzungsweise 340.000 Menschen sind dabei um Leben gekommen. Bei einem Abwurf von 100 Hiroshima-Bomben würden heute zwei Milliarden Menschen sterben. Das geht aus einer Studie eines Friedensnobelpreisträgers hervor.

    In einer Schweigeminute gedachten am Montag Tausende Menschen den Opfern des Abwurfs einer 12,5 Kilotonnen Uranbombe über der Stadt Hiroshima im Jahr 1945. Bürgermeister Kazumi Matsui rief in einer Gedenkzeremonie Japan auf, eine führende Rolle in der internationalen Gemeinschaft einzunehmen und  durch „Dialog und Kooperation eine Welt ohne Nuklearwaffen“ zu schaffen.

    Der US-Bomber Enola Gay hatte die erste im Krieg eingesetzte Atombombe mit dem Namen „Little Boy“ um 8.15 Uhr Ortszeit über Hiroshima abgeworfen. Zehntausende Bewohner waren damals sofort tot, insgesamt starben bis Ende 1945 schätzungsweise 140.000 Menschen. Weitere 200.000 seien an den Langzeitfolgen der nuklearen Verseuchung umgekommen und „es können immer noch mehr werden“.  Das erklärt im Sputnik-Interview die Europapräsidentin der Vereinigung Internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW), Dr. Angelika Claußen.

    Die IPPNW ist ein internationaler Zusammenschluss von Human-, Tier- und Zahnärzten und setzt sich vor allem für die Abrüstung atomarer Waffen ein. 1985 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis für ihre „sachkundige und wichtige Informationsarbeit“, die das Bewusstsein über die „katastrophalen Folgen eines Nuklearkrieges“ in der Bevölkerung erhöhte. Außerdem gehört IPPNW mit zu den Gründern der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), die 2017 den Friedensnobelpreis für die Initiierung des Atomwaffenverbotsvertrags bekam.

    Folgen von Hiroshima 1945

    Immer noch würden Menschen erkranken und sterben, so die IPPNW-Präsidentin, die sich 2012 in Hiroshima und Nagasaki selbst ein Bild von der Situation verschafft hatte. Das geschehe auf Grund von Strahlen, „die etwa 15 Prozent des Effektes der Atombombe ausmachen“. Das bedeute, dass Krebs- aber auch nicht Krebserkrankungen entstehen, wie Schlaganfälle und Herzkrankheiten, „weil die Radioaktivität auch auf Gefäße geht“, bemerkt die IPPNW-Medizinerin. „Insbesondere wird das Erbgut geschädigt. Es kommt zu schwersten Fehlbildungen,  zu geistiger Behinderung, Mikrozephalie. Es kommt zu hormonellen Störungen und zu Totgeburten.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: US-Atomwaffeneinsatz: Apokalypse-Szenario, vor allem für Amerikaner selbst

    Doch auch die direkten Auswirkungen sind gravierend. 50 Prozent der Todesopfer entstehen durch die Druckwelle einer solchen Bombe. Der Umkreis hängt dabei von der Höhe ab, aus der die Bombe abgeworfen wird. 35 Prozent der Bombenschlagkraft verursacht die Hitzewelle. „Die Menschen sterben am Feuer und Sauerstoffentzug. Selbst, wenn man sich im Keller  befindet, wird einem der Sauerstoff genommen und man stirbt“, berichtet Dr. Claußen.

    Sie schätzt die Gefahr eines Atomschlags heute wesentlich höher ein, als noch vor 20 Jahren. Nachdem Trump das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt hat, mache der Konflikt zwischen dem Iran und Israel der Abrüstungsexpertin die meisten Sorgen –  weil vonseiten Israels direkt mit Atomschlägen gedroht werde. „Israel hat Atombomben. Der Iran hat bisher keine“.

    Was droht der Welt im Fall eines atomaren Konflikts?

    Dazu hat die IIPNW 2007 eine Studie zum Nuklearen Winter — „Nukleare Hungersnot: Zwei Milliarden Menschen sind gefährdet“ erstellt sowie Nachfolgestudien bis 2010 und 2011 machen lassen. Dabei wurde ein Szenario überlegt, bei dem 100 Nuklearwaffen von der Größe einer Hiroshimabombe in einem regional begrenzten Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan eingesetzt werden. Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass es nicht nur zu Millionen unmittelbaren Toten kommen, sondern auch ein zehn Jahre anhaltender Klimasturz folgen würde. Die Durchschnittstemperatur auf der ganzen Welt würde um 1,25 Grad absinken. „Das würde bedeuten, dass Getreide, Reis und Kartoffeln nicht mehr reifen könnten, weil nicht mehr genügend Niederschläge fallen, weil Dürren entstehen würden“, erklärt Angelika Claußen. Nach den letzten Berechnungen der Wissenschaftler würden zwei Milliarden Menschen  „unmittelbar nach einem solchen Atomkrieg sterben“, so die IPPNW-Expertin: „Man tut so, als wäre das eine kleine Gasexplosion in meiner Küche. Es ist einfach furchtbar, was da geredet wird.“

    100 Kilotonnenbomben – heute Standard

    Doch solche Atombomben, wie sie vor 73 Jahren eingesetzt wurden, würden heute kaum noch verwendet werden. So befindet sich derzeit die vermutlich stärkste Kernwaffe mit drei Megatonnen, die im Einsatz ist, in chinesischen Händen. Es ist der Sprengkopf der DF-5A Interkontinentalrakete. Allein die häufigste amerikanische Kernwaffe W-76-0 liegt bei 100 Kilotonnen. Nur mit der Spaltung von Uran- oder Plutoniumkernen wurden in französischen Tests bis zu 800 Kilotonnen erreicht.

    Drei Tage nach Hiroshima warfen die Amerikaner eine zweite Atombombe, die sogenannte „Fat-Man“, über Nagasaki ab. Sie hatte mit 20 Kilotonnen eine deutlich größere Sprengkraft als die „Little Boy“. 

    >>Andere Sputnik-Artikel: USA trimmen Atomarsenal auf „Viertel-Hiroshima“ – Schwelle zum Atomschlag sinkt

    Das komplette Interview mit Dr. Angelika Claußen (IPPNW) zum Nachhören:

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    Tags:
    Jahrestag, Bombe, Atomwaffen, Zweiter Weltkrieg, Wladimir Putin, Donald Trump, Hiroshima, USA, Japan
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