07:23 11 Dezember 2018
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    Michael Jürgs

    „Deadline“ – Krebskranker Journalist will Branche aufrütteln

    CC BY-SA 3.0 / Udo Grimberg / Michael Jürgs
    Gesellschaft
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    Marcel Joppa
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    Michael Jürgs schrieb für die Münchener Abendzeitung, später war er Chefredakteur des Stern. Seine Texte über Axel Springer oder Günter Grass sorgten für Zündstoff. Nun ist er schwer an Krebs erkrankt und wendet sich mit einem Essay ein letztes Mal mahnend an die deutsche Medienbranche: „Meinungen sind frei, richtig, aber Fakten sind heilig”.

    „Eine freie Welt braucht freien Journalismus. Wir müssen ihn retten, und können es auch.“ So beginnt der Artikel von Michael Jürgs, der nun im Handelsblatt erschienen ist. Es geht um die Zukunft des Journalismus und die Verantwortung der Presse. Der Titel des Essays „Deadline“ hat auch biografischen Bezug, denn der 73-Jährige ist an Krebs erkrankt. Sein Text gleicht einem Vermächtnis. Er soll die Branche aufrütteln und zum Nachdenken anregen.

    Ein Journalist ist kein Oberlehrer

    Ein besonderes Augenmerk legt Jürgs auf die Verantwortung der freien Presse. Erfahrene Profis, die unbeugsam daran glauben, dass die Welt durch das Wort zu verändern ist, seien in diesen Zeiten wichtiger denn je:

    „Die vierte Säule der Demokratie, was friedlicher anmutet als die Metapher von der vierten Gewalt, ist überlebensnotwenig zur Verteidigung derselben gegen ihre Feinde.”

    Dabei dürften sich Kommentatoren und Leitmedien aber nicht als Oberlehrer aufspielen, so Jürgs weiter. Vielmehr sollten Journalisten beobachtend aufklären.

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    Ein Ende des Schwarz-Weiß-Denkens!

    Die Skepsis sei eine journalistische Tugend. So ist Jürgs davon überzeugt, dass die zum Journalismus passende Farbe nicht schwarz oder weiß sei, sondern grau. Auch müsse man stets eine Distanz wahren:

    „Die Nähe zu Politikern meiden, weil die Mächtigen nur dann zu kontrollieren sind, wenn man sie im Blick behält, statt sich mit ihnen, vor allem in der Arena Berlin, bei gegebenen Anlässen vertraut blicken zu lassen.“

    Deshalb solle ein guter Journalist stets unberechenbar bleiben, schreibt Jürgs. Gegen moralfreie Populisten brauche es in Zeitungen, Rundfunkanstalten und Fernsehsendern, analog wie digital, eine moralische Haltung ebenso wie den Widerstand der Zivilgesellschaft gegen ihre Feinde von rechts und links.

    Recherche ist alles…

    Großen Wert legt der studierte Politikwissenschaftler, Historiker und Germanist Michael Jürgs auf eine gute Recherche. Ohne eine moralische Haltung sei zwar alles nichts, sie allein genüge aber nicht:

    „Es gilt, erst recht in Zeiten, da die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, das eherne Gebot: Bevor auch nur ein Wort geschrieben wird, ist erst zu recherchieren, ob das, was verlockend nach einem Scoop riecht, auch stimmt.“

    Denn zu viele Meinungsmacher in den Redaktionen hielten sich laut Jürgs zu Volkstribunen berufen, statt sich auf die Wurzeln ihres Berufes zu besinnen: Neugier auf das, was man nicht kenne. Meinungen seien frei, aber Fakten heilig.

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    Der „Schrott“ von Axel Springer…

    Kritik übt Jürgs nicht nur an der Verbreitung von „Fake News“ und Meinungsmache, sondern auch explizit am Verleger Axel Springer:

    „Sein bei Wilhelm Raabe entlehntes Motto ‘Blick auf zu den Sternen und gib Acht auf die Gassen’ darf zu den Essentials des Journalismus gerechnet werden. Dass zu viele seiner Plattmacher ‘Gosse’ statt ‘Gasse’ darunter verstanden, ist allerdings auch Fakt.”

    Schrott bleibe weiterhin Schrott, auch wenn Artikel nun nicht mehr nur in Papierform, sondern auch online verbreitet würden.

    Ein Appell als Vermächtnis

    Jürgs versöhnliche Prognose zum Schluss nimmt Bezug auf die historischen Erfolge der Presse- und Meinungsfreiheit:

    „Rückblickend bleibt der Trost, wie oft letztlich das freie, gedruckte Wort siegte. Gegen riesige Armeen von Millionen Wörtern, die überall auf der Welt lauerten, hatten Despoten und Völkerschlächter dann eben doch keine adäquaten Waffen.”

    Michael Jürgs Essay „Deadline“ ist in der aktuellen Ausgabe des Handelsblatts erschienen. Ganz nach dem Motto „Wer schreibt, der bleibt“ ist es der wohl letzte Versuch des krebskranken Vollblutjournalisten, seiner Branche ein mahnendes Vermächtnis zu hinterlassen.

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    Tags:
    Presse, Demokratie, Lüge, Meinungsfreiheit, Fake-News, Meinung, Fakten, Arbeit, Journalismus, Leitmedien, Axel Springer, Michael Jürgs, Deutschland