02:26 16 August 2018
SNA Radio
    Unterricht an einer deutschen Schule (Archivbild)

    Lehrermangel: „Kann mich an keine vergleichbare dramatische Situation erinnern“

    © AFP 2018 / John Macdougall
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Matthias Witte
    15505

    Mehr als 50 Milliarden Euro – so viel Geld fehlt dem Schulsystem in einem der reichsten Länder der Welt. Vor allem: Es gibt zu wenige Lehrer. Die Auswirkungen sind nach Angaben des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, verheerend.

    Meidinger weiß, wovon er spricht. Im Hauptberuf ist der Lehrerpräsident Schulleiter eines Gymnasiums in Bayern. „Ich muss wirklich sagen: In den fast 30 Jahren, in denen ich Verbandspolitik mache, kann ich mich an keine vergleichbare dramatische Situation erinnern.“ Besonders dramatisch ist die Situation an Grund-, Förder- und Berufsschulen. Es fehlen Lehrer – und zwar nicht nur für ein paar Stunden. In einzelnen Schulen würden die Stundentafeln gekürzt:

    „Das heißt: Beim Fach ‚Deutsch‘, das normalerweise an vier Stunden unterrichtet wird, gibt es dann nur noch zwei Stunden in der Woche. So etwas passiert.“

    Um dem Lehrermangel entgegen zu wirken, setzen viele Bundesländer auf sogenannte Quereinsteiger, was Meidinger nur bedingt begrüßt. „Das sind Personen, die zwar ein Studium abgeschlossen haben, aber eben kein Lehramtsstudium. Die eigentlich keine Ahnung haben, wie man unterrichtet und Inhalte vermittelt. Ein Informatiker hat zwar Ahnung von Mathematik, aber keine Ahnung, wie er Fünftklässlern einen mathematischen Stoff erklärt. Das ist unser Hauptproblem derzeit.“ An einigen Schulen gebe es so viele Quereinsteiger, dass es kaum möglich sei, diese nachzuqualifizieren oder zu coachen.

    Politik hat Geburtenanstieg verschlafen und Lehramtsstudienplätze abgebaut

    Eine Mitverantwortung für die Misere sieht der Lehrerpräsident bei der Politik. Alle Bundesländer hätten den Geburtenanstieg verschlafen. Außerdem hätten Bundesländer wie Sachsen und Berlin Lehramtsstudienplätze massiv abgebaut. Das räche sich jetzt. Dazu käme laut Meidinger der Flüchtlingszustrom. Diesen habe man zwar nicht voraussehen können, aber eher und massiver auf ihn reagieren können.

    Ein weiterer Grund sei der Wirtschaftsaufschwung. Viele junge Menschen entscheiden sich gegen den Lehrerberuf  und gehen in die freie Wirtschaft. In erster Linie werden laut Meidinger die miserablen Zustände an vielen Schulen vom Lehrerberuf abschrecken. Außerdem gebe es in großen Städten „Schülerschaften mit sozialungünstigen Zusammensetzungen“. Auch die geringen Aufstiegschancen im Beruf schreckten viele potentielle Lehrer ab.

    Meidinger kommt auf den Zustand der Schulgebäude und der Unterrichtsmaterialien zurück:

    „Wir haben einfach einen massiven Sanierungsstau in Deutschland. Mittlerweile summiert sich der auf über 50 Milliarden Euro – und das ist eine seriöse Schätzung der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die man bräuchte, um die deutschen Schulen baulich in den Stand zu versetzen, den ein Industrieland, wie wir es sind, seiner Jugend bieten müsste.“ 

    Es sei ein Trauerspiel. Nach Angaben des Lehrerpräsidenten habe der Digitalpakt bis jetzt nicht gegriffen. Noch kein einziger Euro sei an den Schulen angekommen. Es herrsche eben „ein Spannungsbogen zwischen dem, was in Sonntagsreden gesagt wird, und dem, was dann tatsächlich bei Haushaltsverhandlungen herausspringt.“

    Das komplette Interview mit Heinz-Peter Meidinger hören Sie hier:

    Tags:
    Krise, Problem, Ausbildung, Mangel, Lehrer, Schulen, Deutscher Lehrerverband, Bayern, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren