11:32 17 November 2018
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    Russische goldene Kuppeln in der Lüneburger Heide

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    Armin Siebert
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    Michail Gorbatschow ist Schirmherr. Kohl, Genscher und Putin waren da. Doch kaum jemand kennt den „Glockenpalast“ in Niedersachsen. 16 Jahre hat Horst Wrobel an seinem Lebenswerk – einer Mischung aus russischem Holzkloster und Disneyland – gebaut. Aus eigener Tasche. Stadt und Land ließen ihn im Stich. Nun war Ministerpräsident Weil zu Besuch.

    Schon von weitem sieht man Windmühlen und russische goldene Kuppeln. Mitten in der Lüneburger Heide. Die Stadt Gifhorn bei Wolfsburg verfügt nicht nur über ein einzigartiges Freiluft-Mühlenmuseum, sondern auch über eine russisch-orthodoxe Kirche und einen Palast, der ein Ort gelebter deutsch-russischer Freundschaft ist – oder zumindest sein will. Denn so richtig warm ist die Stadt mit ihrem neuen Image als Brückenbauer nach Russland bisher nicht geworden. Das hängt sicher auch mit dem etwas eigenwilligen Charakter des Schöpfers des „Glockenpalastes“ zusammen: Horst Wrobel.

    Erste Kontakte hinter den Eisernen Vorhang

    Bürokratische Schritte einzuhalten ist nicht die Sache von Horst Wrobel. Der Schöngeist verfolgt besessen seine Visionen. So hat er 1980 das Mühlenmuseum in Gifhorn quasi auf die Wiese gestampft. Inzwischen ist der 16 Hektar große Park mit 16 originalen oder originalgetreu nachgebauten Mühlen aus zwölf verschiedenen Ländern die größte Attraktion der Kleinstadt.

    Die Stadt Gifhorn bei Wolfsburg verfügt nicht nur über ein einzigartiges Freiluft-Mühlenmuseum, sondern auch über eine russisch-orthodoxe Kirche und einen Palast, der ein Ort gelebter deutsch-russischer Freundschaft ist
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    Die Stadt Gifhorn bei Wolfsburg verfügt nicht nur über ein einzigartiges Freiluft-Mühlenmuseum, sondern auch über eine russisch-orthodoxe Kirche und einen Palast, der ein Ort gelebter deutsch-russischer Freundschaft ist

    Seine Leidenschaft für alte Holzmühlen brachte den Chef des Mühlenmuseums schon vor der Wende in Kontakt mit der Sowjetunion. Wrobel erzählt im Sputnik-Interview: „Ich wollte damals, vor über vierzig Jahren, wissen, wie die Mühlen in Russland sind. Damals waren die politischen Verhältnisse äußerst schlecht. Wir wussten noch nicht einmal, wie eine Briefmarke in Moskau aussieht. Und dann bin ich tatsächlich in die russische Botschaft in Bad Godesberg eingeladen worden.“

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    Russische goldene Kuppeln in der Lüneburger Heide

    So kam eins zum anderen. In der Sowjetunion hatte inzwischen ein Tauwetter eingesetzt. Und 1988 wurde der Nachbau einer ukrainischen Mühle im Beisein des Generalkonsuls der UdSSR eingeweiht und sorgte für erste positive Kontakte Wrobels hinter den Eisernen Vorhang.

    Russisch-orthodoxe Holzkirche im Mühlenmuseum

    Nach der Wende konnte Wrobel das unbekannte Reich der Sowjetunion besuchen. Er entdeckte für sich nicht nur die Einzigartigkeit russischer Holzkunst, sondern auch die Herzlichkeit der slawischen Gastgeber: „Ich habe auch meinen Vater in Russland verloren. Trotzdem waren die Menschen in Russland immer sehr freundlich zu mir. Nach so einem Krieg erwartet man eigentlich etwas Anderes. Wahrscheinlich haben die Menschen selbst viel Leid ertragen müssen, dass sie jetzt so sind“, erzählt Wrobel. In ihm entstand die Vision eines deutsch-russischen Versöhnungsortes. Als erster Schritt wurde 1996 auf dem Gelände des Mühlenmuseums eine russisch-orthodoxe Holzkirche eingeweiht, die heute von etwa 4000 Gläubigen aus der Region genutzt wird.

    Gorbatschow wird Schirmherr

    Doch Wrobels Vision ging noch weiter. Ihm schwebte ein internationales Refugium für Künstler vor, ein Palast, der die Tiefe Russlands mit den Idealen Albert Schweitzers verband. Wrobel schickte ein Fax an Michail Gorbatschow, den Paten der deutschen Einheit. Als sein Faxgerät die Antwort zurückratterte, konnte der Hobby-Architekt seinen Augen nicht trauen. Gorbi lud ihn nach Moskau ein. Dort stellte Wrobel dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion ein Modell seines Glockenpalastes auf den Schreibtisch. Es gelang Wrobel, Gorbatschow für seine Idee zu begeistern:

    • Michail Gorbatschow bei der Grundsteinlegung des Europäischen Kunsthandwerker-Institutes am 19. September 1996
      Michail Gorbatschow bei der Grundsteinlegung des Europäischen Kunsthandwerker-Institutes am 19. September 1996
    • Michail Gorbatschow bei der Grundsteinlegung des Europäischen Kunsthandwerker-Institutes am 19. September 1996
      Michail Gorbatschow bei der Grundsteinlegung des Europäischen Kunsthandwerker-Institutes am 19. September 1996
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    Michail Gorbatschow bei der Grundsteinlegung des Europäischen Kunsthandwerker-Institutes am 19. September 1996

    „Als ich damals in Moskau war und Herr Gorbatschow mich fragte: Sagen Sie mal, Wrobel, warum machen Sie das? Da hab ich geantwortet: Ich weiß nur, dass es zwischen Deutschland und Russland eine 1000-jährige, meist positive Geschichte gibt – von Katharina der Großen bis zur Frau des letzten Zaren, die ebenfalls eine Deutsche war. Und ich komme aus einem Landkreis, durch den der Eiserne Vorhang lief. Der ist jetzt weg. Wem haben wir das zu verdanken? Den Russen und Ihnen! Darum will ich diesen Ort der Begegnung. Da ist Gorbatschow aufgestanden und hat gesagt: Wenn Sie wollen, halte ich da nicht nur eine Hand drüber, sondern werde Schirmherr.“

    Vom Grundstein bis zur Zarenglocke

    Am 19. September 1996 legte Michail Gorbatschow zusammen mit seiner Frau Raissa in unmittelbarer Nachbarschaft zum Internationalen Mühlenmuseum und der russisch-orthodoxen Holzkirche des Heiligen Nikolaus den Grundstein für den Glockenpalast als „Europäisches Kunsthandwerkerinstitut“.

    „Jahrelang habe ich für dieses Projekt gekämpft und wurde von den Politikern ausgelacht. Aber dann kam Gorbatschow und hat den Grundstein gelegt. Und dann ging es los“, erzählt Wrobel.

    Der Glockenpalast ist im russischen Klosterstil errichtet und mit seinen zahlreichen goldenen Kuppeln und Dachreitern eine besondere Attraktion und einmalig in Deutschland. Neben Räumen für Ateliers, Werkstätten und Ausstellungen ist die Glockengießerei der zentrale Punkt des Gebäudekomplexes. Gekrönt wird das Gebäude von einer stilisierten Nachbildung der russischen Zarenglocke aus dem Moskauer Kreml, der größten Glocke der Welt. Über allem thront in Holz geschnitzt die Figur des Heiligen Joseph, Schutzpatron der Handwerker und Künstler. So entstand in Gifhorn ein einzigartiges Ensemble traditioneller russischer Architektur und Holzbauweise.

    Albert Schweizer, Arche Noah und Einheitsglocke

    Ein Teil des Gebäudes ist Albert Schweitzer gewidmet, den Wrobel auch persönlich kennengelernt hat und sehr verehrt. Im Obergeschoss gibt es außerdem einen Nachbau der Arche Noah, den der Holzliebhaber selbst in zwei Jahren Handarbeit zusammengebaut hat.

    Auf der Freifläche vor dem Glockenpalast wurde 2007 das Einheitsdenkmal „Europäische Freiheitsglocke“ errichtet. Es erinnert an den Fall des „Eisernen Vorhangs“ und an die in Frieden und Freiheit wiedererlangte Einheit Deutschlands und Europas. Zentraler Bestandteil des Denkmals ist die „Europäische Freiheitsglocke“, mit einem Gewicht von über 10 Tonnen die größte Glocke Niedersachsens und die drittgrößte Glocke Deutschlands.

    Zig Millionen aus eigener Tasche

    Bis zur Eröffnung des Glockenpalastes vergingen allerdings 16 Jahre. Alle Einnahmen aus dem inzwischen gut laufenden Mühlenmuseum steckte Wrobel in sein Opus Magnum. Das reichte allerdings nicht aus. Vergeblich bemühte der Idealist sich um öffentliche Förderung: „Dieses Gebäude wie auch die Kirche, das wurde alles von mir selbst finanziert. Dafür musste ich Kredite aufnehmen. Das ist nicht immer einfach. Hier ist nicht ein Cent öffentlicher Gelder geflossen. Dabei hat die Stadt Gifhorn daran nur verdient“, klagt Wrobel. Über genaue Zahlen schweigt der Bauherr, aber es seien „zig Millionen“ gewesen. Was er konnte, hat er selbst gemacht, von allen Bauzeichnungen bis hin zur Holzbeschaffung.

    Künstler und Glockengießer gesucht

    Als der Palast 2013 eröffnet wurde, blieben allerdings die Künstler aus. Mit dem Bau eines Millionenobjektes kannte sich der Kulturliebhaber inzwischen aus, mit der Organisation regelmäßiger Künstlerstipendien nicht. „Dieses Gebäude ist für Künstler gebaut. Ich hätte mir gewünscht, dass es hier in Gifhorn Politiker oder Verantwortliche in der Verwaltung gibt, die mir helfen. Damit hatte ich fest gerechnet. Aber es passierte gar nichts – bis heute“, so Wrobel.

    Innenräume des „Glockenpalastes“ in Niedersachsen
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    Innenräume des „Glockenpalastes“ in Niedersachsen

    Dabei gibt es im Palast Ateliers und Ausstellungsräume, die Künstler aus Ost und West kostenlos nutzen können. Aktuell sind Bilder der russischen Malerin Wassa Rosin im Glockenpalast zu sehen. Seit dem 5. August läuft auch eine große Ikonenausstellung. Für eine kontinuierliche Nutzung aller Räume fehlt es allerdings an einem Konzept und entsprechender Organisation und Finanzierung. Auch für die eigene Glockengießerei, die voll funktionstüchtig ist, sucht der Bauherr Glockengießer, die sich hier austoben könnten.

    Einer der größten Politiker der Weltgeschichte

    Viele Ausstellungsstücke im Glockenpalast sind Geschenke aus Russland. Erheblichen Anteil daran hatte Michail Gorbatschow, der Gifhorn immer wieder besuchte und mit dem Wrobel eine private Freundschaft entwickelte. Wrobel schwärmt von dem russischen Politiker in den höchsten Tönen: „Herr Gorbatschow ist für mich einer der größten Politiker in der Weltgeschichte. Das ist für mich ein unvergessliches Glück, so einen Menschen kennengelernt zu haben. Davon lernt man.“

    Im Glockenpalast hängen Wandzeitungen, die Wrobel oft und in herzlicher Umarmung mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten zeigen. Wrobel brennt für sein Projekt und ist seinerzeit damit sogar beim damaligen Papst Johannes Paul II. vorstellig gewesen. Die Fürsprache Gorbatschows hat Spitzenpolitiker wie Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher nach Gifhorn gelockt.

    Selbst Wladimir Putin war Anfang der 1990er Jahre mit einer russischer Delegation bei Herrn Wrobel zu Gast. Nur die Lokalpolitik ließ sich nicht blicken. Der 83-jährige Wrobel fühlt sich inzwischen desillusioniert. Im März 2018 war er so verzweifelt, dass er an den Gifhorner Bürgermeister schrieb und anbot, den Glockenpalast abzureißen, wenn nicht endlich eine umfassende Nutzung in Gang käme. Inzwischen hat Wrobel das Objekt und das Gelände zum Verkauf ausgeschrieben.

    Ein Friedensgebäude zwischen Ost und West

    Neue Hoffnung bekam Wrobel am 11. August diesen Jahres. Endlich fand eine deutsch-russische Spitzenveranstaltung in seinem Glockenpalast statt. Der Generalkonsul der Russischen Föderation in Niedersachsen, Heino Wiese, hatte Ministerpräsident Stephan Weil und Doris Schröder-Köpf, die Ex-Gattin des Altkanzlers Gerhard Schröders geladen. Plötzlich war auch der Bürgermeister Gifhorns da und hielt eine Rede. Die Top-Politiker aus der Landeshauptstadt mussten allerdings eingestehen, noch nie im Glockenpalast gewesen zu sein und zeigten sich beeindruckt. Weil meinte: „Hier in Gifhorn ein solches Ensemble vorzufinden, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.“

    Aus der Veranstaltung mit dem Ministerpräsidenten zieht der Hausherr neue Hoffnung, seine Vision eines Ortes der internationalen humanistischen Begegnung, des Friedens und des Austauschs im Geiste von Albert Schweitzer und Michail Gorbatschow doch noch zu verwirklichen:

    „So etwas habe ich mir immer gewünscht. Für mich ist das heute wie Geburtstag. Ich freue mich riesig, dass der Herr Ministerpräsident heute zum ersten Mal hier ist. Und so hoffe ich, dass es wieder solche Veranstaltungen gibt. Ich habe das nicht gebaut, um Geld zu verdienen. Ich könnte das Gebäude morgen verschenken. Aber mir geht es darum, dass das, was Gorbatschow wollte, mit Leben erfüllt wird und dass wir hier zwischen Ost und West ein Friedensgebäude haben.“

    Der Glockenpalast im Internet: www.glockenpalast.de

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    Tags:
    Mühlenmuseum, Kirche, Horst Wrobel, Doris Schröder-Köpf, Heino Wiese, Stephan Weil, Michail Gorbatschow, Gifhorn, Niedersachsen, Deutschland, Russland