01:00 19 September 2018
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    Hassdemo gegen den „Drachenlord“: „Man muss ihn vor sich selber schützen“

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    Valentin Raskatov
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    Im Rahmen einer „Hassdemo“ haben bis zu 800 Personen das 40-Seelen-Dorf Altschauerberg in Bayern besucht, um den kontroversen Youtuber „Drachenlord“ zu reizen. Damit so etwas sich nicht wiederholt, ist laut Cybermobbing-Experte Christian Scherg vor allem eins wichtig: den Feinden nicht neuen Zündstoff liefern und ihre Neugier einschlafen lassen.

    Seit einigen Jahren betreibt der Youtuber „Drachenlord“ einen Kanal, in dem er Videos aus seinem Alltag veröffentlicht. Der Traum dahinter: Mit Kamera und Mikrophon zum Youtube-Star werden. Das hat er mit vielen gemein. Was ihn aber von den meisten unterscheidet, ist ein negativer Hype, der sich um ihn herum mit der Zeit entwickelt hat. Es fing an mit negativen Kommentaren unter seinen Videos, Memes und Videomontagen, in denen sich andere Nutzer über ihn lustig machen, und ist irgendwann in die Realität übergeschwappt. Denn in einem Wutanfall auf seine Feinde gab der „Drachenlord“ seinen Wohnort preis – mit der Aufforderung, die Leute mögen kommen, und dann werde das Ganze unter vier Augen mit Fäusten geregelt.

    Die Leute nahmen ihn beim Wort und kamen, teils aus Neugier, teils um zu randalieren und zu provozieren. Ganz ohne Anlass war das Ganze nicht, denn der „Drachenlord“ ließ in der Vergangenheit immer wieder sexistische und menschenverachtende Äußerungen fallen, nannte etwa den Holocaust eine „nice Sache“. Dass der Mensch offenbar geistig minder begabt ist, interessierte seine Hater dabei wenig. Das Ganze kulminierte dann am Montag in der Veranstaltung „Dem Drachen das Fürchten lehren“.

    Bis zu 800 Personen am Altschauerberg

    Zu dieser Veranstaltung sollen am Montag 600 bis 800 Menschen aus dem Bundesgebiet und dem näheren Ausland erschienen sein, berichtet ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken gegenüber Sputnik. Und das im 40-Menschen-Dorf Altschauerberg. Zwar sei die Veranstaltung vom Landratsamt als Versammlung gewertet und wegen Vorfällen in der Vergangenheit bereits im Vorfeld verboten worden. Aber: „Die Leute konnte man trotzdem nicht abhalten, denn die sind von allen Seiten Richtung Altschauerberg gezogen.“ Das Ergebnis: 300 Platzverweise mit Bußgeldern für die Betroffenen, alkoholisierte Teilnehmer, eine Beleidigung eines Beamten, ein beschädigtes Fahrkartenhäuschen der Bahn und ein kleines Feuer infolge eines Böllers. Trotzdem gilt aus Sicht der Polizei: „Es war insgesamt eine sehr friedliche Veranstaltung.“ Es handelte sich um den mit Abstand zahlreichsten Besuch dieser Art, weitere Veranstaltungen sind nicht bekannt.

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    „Er ist der Situation nicht gewachsen“

    Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Für den Cybermobbing-Experten Christian Scherg ist der „Drachenlord“ daran nicht unschuldig: „Er hat sicherlich auch mit seiner Art und seiner Provokation wahnsinnig dazu beigetragen, dass die Menschen sich aufgeregt haben, dass sie ihm Kontra gegeben haben, dass diese Negativkommentare immer wieder unter seinen Videos gelandet sind. Von daher hat er auch maßgeblich zur Eskalation beigetragen“, so Scherg. „Er macht im Grunde genommen alles das, was man falsch machen kann und sorgt wiederum dafür, dass das Ganze noch weiter eskaliert.“

    Interviewpartner Christian Scherg
    © Foto : REVOLVERMÄNNER GmbH
    Interviewpartner Christian Scherg

    Mit seinen Reaktionen und Drohungen habe der „Drachenlord“ sich als Hassobjekt und Gespött mit in die Situation gebracht. „Im Grunde kann der Mann einem leidtun. Man hat ein bisschen das Gefühl, dass er der Situation nicht wirklich gewachsen ist und nicht wirklich weiß, was er da macht“, bemerkt der Cybermobbing-Experte. Der Youtuber befeuere die anonymen Mobber noch weiter und mache die Hater noch zu „Berühmtheiten“. Hinzu kämen noch die Medien. „Plötzlich wird das alles zu einem Medienereignis und hat fast schon Eventcharakter.“ Das sei gefährlich, weil nicht bekannt ist, wie der junge Mann psychisch darauf reagieren kann. Außerdem werde ein ganzes Dorf mit in diese Eskalation hineingezogen.

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    „Don’t feed the troll!“ – Was jetzt zu tun wäre

    Die Dorfgemeinschaft kann hier nicht viel tun, ist sich Scherg sicher. Einfluss auf die Hater kann auch keiner geübt werden: Sie sind einfach zu viele, es kommen immer neue hinzu. Es hilft nur die alte Internet-Weisheit: „Don’t feed the troll.“ (dt. „Füttere nicht den Troll/Provokateur.“)

    „Ich würde dem ‚Drachenlord‘ anraten, nicht auf alles zu reagieren, nicht noch eigene Videos ins Internet zu stellen, nicht permanent diejenigen berühmt zu machen, die da zu ihm fahren, nicht permanent auf alles einzugehen, sondern sich zurückzuziehen“, sagt Scherg und fügt hinzu: „Im Grunde muss man ihn ganz klar vor sich selber schützen.“

    Ob er das machen wird, steht in den Sternen, denn schließlich will er ein Youtube-Star sein, und irgendwie ist er es auch: „Wenn man das nüchtern betrachtet, hat er natürlich durch all diese Ereignisse eine wahnsinnige Bekanntheit erreicht. Ich glaube nicht, dass er das wirklich so wollte. Dafür halte ich ihn nicht für abgebrüht genug, oder ich glaube nicht, dass das in seinem Interesse lag.“ Der einzige Weg, um aus solchen Situationen wie der am Montag rauszukommen, scheint jedenfalls der zu sein: weniger Aufmerksamkeit geben.

    Das komplette Interview mit Christian Scherg zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Polizeisprecher Rainer Seebauer zum Nachhören:

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    Tags:
    Hassrede, Memes, Mobbing, Demo, Gewalt, Youtube, Deutschland