12:56 14 Dezember 2018
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    ein Migrant in EU (Symbolbild)

    Zu schwul, um wahr zu sein: Asylant in Österreich wegen „Mädchenhaftigkeit“ abgelehnt

    © AP Photo / Thanassis Stavrakis
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Das dürfte für Verunsicherung sorgen: Letzte Woche wurde das Asylgesuch eines Afghanen abgelehnt, weil dieser nicht schwul genug wirkte. Diesmal wird ein Iraker abgelehnt, weil er überzogen schwul auftreten soll. Lassen sich die Vorstellungen des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl überhaupt erfüllen? Sputnik hat nachgefragt.

    Erst letzte Woche hatte ein afghanischer Asylbewerber einen negativen Bescheid erhalten, weil er aus Sicht des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA) nicht schwul genug gewirkt hatte. Jetzt hat ein Iraker ebenfalls einen negativen Bescheid erhalten – allerdings aus entgegengesetztem Grunde: Er wirkte aufgesetzt schwul.

    In der Heimat verfolgt – in Österreich aktiv

    Der junge Mann ist dem Kurier zufolge im Jahre 2015 aus dem Irak nach Österreich geflohen und hat dort Asyl beantragt. Am 8. Mai 2018 wurde er zu seinen Fluchtgründen befragt und gab an, seit seinem 16. Lebensjahr homosexuell zu sein. Das habe er auch vor seiner eigenen Familie verbergen müssen. Homosexuelle, so Herr Firas, werden im Irak von der Miliz Jeisch Al-Mahdi getötet, weil ihre Sexualität der Religion und Vorstellungen der Gesellschaft entgegensteht.

    Neben diesem Fluchtgrund beschrieb er auch seine Tätigkeit für den Verein „RosaLila Pantherinnen“, der sich für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender einsetzt. Dort übersetzte er eine Broschüre zum Thema „Coming Out“ ins Arabische. Er wusste auch Szenelokale zu nennen und berichtete von Veranstaltungen, die er in Wien besucht hatte, wie etwa den Tuntenball oder die Gayparade.

    „Zu mädchenhaftes Verhalten“

    Den BFA-Beamten überzeugte das alles keineswegs. Im Bescheid heißt es: „Besonders auffallend … war auch der Umstand, dass Sie sich erst ab den konkreten Fragen zu Ihrer Homosexualität fortwährend steigernd, eines stereotypischen, jedenfalls überzogenen ‚mädchenhaften’ Verhaltens (Mimik, Gestik) eines ‚sexuell anders Orientierten’ bedient haben, dies in Ihrem Fall aber lediglich gespielt, aufgesetzt und nicht authentisch auf die Behörde wirkte.“ Der Antragsteller habe nicht glaubhaft machen können, dass er sexuell anders orientiert sei, lautete das Resümee.

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    Wie wird man amtlich anerkannter Schwuler?

    Wie ist man denn auf den Punkt genau schwul, also weder zu normal noch zu mädchenhaft – schwul, dass es amtlich sein kann? Und gibt es auf dem Amt irgendwelche Vorstellungen, Anweisungen, Anleitungen fürs Schwulsein? Sputnik fragte bei Christoph Pölzl, dem Ressortsprecher des Innenministeriums Österreich, nach. Der sagte sofort, dass er sich „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht zu Einzelfällen äußern darf. Der Kettenpanzer war fest, die Paragrafenringe saßen dicht.

    Also ab ins Allgemeine mit dem Ressortsprecher. Erste Bedingung: Der Asylsuchende muss seinen Asylgrund glaubhaft machen. Gut zu wissen: „Dabei gibt es keine konkreten Beweisregeln, sondern die Beweiswürdigung der Behörde hat nachvollziehbar darzulegen, ob und warum ein Vorbringen als glaubhaft erachtet wird oder nicht“, so Pölzl. Hierbei ist „der persönliche Eindruck“ des prüfenden Beamten von Bedeutung. Allgemeine Anweisungen gibt es nicht. „Jeder Bescheid ist individuell, jede Person ist individuell“, humanisiert Pölzl, ohne allerdings hinzuzufügen, dass auch jeder prüfende Beamte individuell ist und offenbar seine ganz eigenen Vorstellungen, Vorlieben und vielleicht auch Vorurteile hat.

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    Sorgfältigste Einzelfallprüfung

    Um solche Bedenken auszuräumen, betont Pölzl, dass jeder Beamte eine umfassende Ausbildung erhält, psychologische Eignungstest durchlaufen muss, fortwährend in Schulungen verstrickt ist und sich in Bälde sogar in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Bereich LGBTIQ weiterbilden wird. Außerdem hebt er hervor, dass in Österreich in den letzten zwei Jahren 120.000 Asylentscheidungen bearbeitet wurden. Die negativen Bescheide bewegen sich zwischen 50 und 70 Seiten je Bescheid. Ergibt 50 Millionen Seiten. „Aus dieser enormen Menge jetzt ein paar wenige Sätze herauszunehmen, bildet keinesfalls die Realität ab.“ Hut ab!

    Allerdings könnten diese wenigen Sätze immer noch die entscheidenden Sätze in einem Meer aus langweiligen Beobachtungen und einschläfernden Eindrucksdarlegungen sein. Und da der Einzelfall nicht besprochen werden kann, kann das angeblich so Individuelle des Antragstellers wie des Prüfers – so weit oben das Individuum auch stehen mag – leider auch nicht besprochen werden.

    Den negativen Bescheid will der betroffene Asylbewerber jedenfalls so nicht hinnehmen. Er wird mit Unterstützung des Vereins „RosaLila PantherInnen“ Einspruch erheben.

    Das komplette Interview mit Christoph Pölzl zum Nachhören:

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    Tags:
    Ablehnung, Migranten, Schwule, Asylbewerber, Irak, Österreich