20:43 25 September 2018
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    Sklaverei (Symbolbild)

    „Befeuert von der Profitgier“ – Sklaverei und Menschenhandel in Deutschland

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    Gesellschaft
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    Paul Linke
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    Menschenhandel, Zwangsarbeit, Sklaverei – Schätzungen zufolge leben immer noch über 40 Millionen Menschen weltweit in sklavenähnlichen Verhältnissen. Darunter 167.000 auch in Deutschland. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und DIE LINKE machen die Bundesregierung für den Missstand verantwortlich.

    Sie hat viele Formen und es gibt sie auf der ganzen Welt: die Sklaverei. Ob Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft, Kinderarbeit, Zwangsehe oder Zwangsarbeit – ein gemeinsamer Nenner ist dabei immer die maximale Ausbeutung des Menschen. 2016 waren nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weltweit rund 40 Millionen Menschen Opfer „moderner Sklaverei“ – Tendenz steigend. 71 Prozent der Betroffenen waren Frauen, 25 Prozent Kinder. Gesetzgeber definieren es unterschiedlich. Eine hohe Dunkelziffer kommt hinzu. Entsprechend existieren keine zuverlässigen Zahlen.

    Sklaverei in der Vergangenheit und heute

    Zwar umschreibt die historische Sklaverei ein rechtliches Herrschaftsverhältnis, bei dem ein Mensch als Eigentum anderer betrachtet wird, jedoch unterscheidet sich die Sklaverei heute strukturell nicht wesentlich von der alten Form: Die Opfer werden gewaltsam festgehalten, ihres freien Willens beraubt und wirtschaftlich ausgebeutet. Einige Forscher weisen sogar darauf hin, dass potenzielle Sklaven heute in großer Zahl verfügbar und somit billig sind. Daher liegen die Gewinnspannen heute sogar höher als Mitte des 19. Jahrhunderts.

    Wie ist die Lage in Deutschland?

    Auch die Menschen in Europa sind vor dieser Ausbeutung nicht sicher. „Dass es in einem Land wie Deutschland rund 167.000 moderne Sklaven gibt, ist skandalös“, kritisiert die menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Zaklin Nastic, in einer Pressemitteilung anlässlich des „Internationalen Tags zur Erinnerung an den Sklavenhandel und dessen Abschaffung“. Nastic stützt sich dabei auf die Zahlen des Global Slavery Index 2018.

    Menschenhandel in Deutschland wird vor allem zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft betrieben. „Es wird oft darüber diskutiert, dass es Zwangsarbeitsverhältnisse in der Prostitution gibt. Es wird allerdings vergessen, dass das auch andere Branchen betrifft“, erklärt der Leiter der DGB-Fachstelle „Migration und Gute Arbeit“, Dr. Philipp Schwertmann.

    Laut Bundeskriminalamt (BKA) betraf das 2017 vor allem Migranten in der Baubranche und Gastronomie. Auch Fleischverarbeitung, Landwirtschaft, Hausarbeit oder Transportwesen sind Branchen, die von Zwangsarbeit stark betroffen sind. Den Behörden wurden im vergangenen Jahr 180 Opfer aus elf abgeschlossenen Ermittlungsverfahren bekannt, die meisten aus Osteuropa.

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    Schwertmann von der „Servicestelle gegen Arbeitsausbeutung, Zwangsarbeit und Menschenhandel“ erklärt im Sputnik-Interview, wie die Menschen in eine solche menschenverachtende Abhängigkeit gelangen. „Da gibt es eben auch oft Situationen, wo Personen hierher gelockt werden, wo ihnen eine gute Arbeit versprochen wird mit einem guten Lohn. Die Leute müssen etwas für die Vermittlung und den Transport zahlen. Dann werden sie hierher gebracht und werden in Arbeitsverhältnisse gesteckt, die überhaupt nicht dem entsprechen, was denen versprochen wird. Sie sind oft dann auch von den Personen untergebracht, die sie auch beschäftigen.“

    Die meistens seien auf Grund ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation unter Druck, Geld zu verdienen, erklärt Schwertmann: „Und wenn sie dann tatsächlich sagen, sie halten das nicht länger aus, dann kommt es durchaus vor, dass sie unter Druck gesetzt werden, dass sie bedroht werden.“

    Wie kommt es zu der Schieflage?

    In Deutschland gebe es zwar umfangreiche Opferrechte. Wenn man sich aber die Situation genauer ansehe, so würden die Strukturen fehlen, die diese Rechte auch umsetzen, bemängelt der Arbeits-Experte des DGB. „Das eigentlich Problematische ist, dass die Zwangsarbeitsverhältnisse nicht erkannt werden. Dann wird gesagt: Die Zahlen der Strafverfolgungsbehörden sind doch recht gering. Warum sollen wir überhaupt Strukturen der Unterstützung schaffen?“

    Die Politik sei hier sehr gefordert, unterstreicht Schwertmann: „In der Prostitution wurde Einiges in der Hinsicht erreicht. Bundesweit gibt es spezialisierte Beratungsstellen, spezialisierte Anwaltschaften, sehr gute Kooperationsstrukturen.“ Mit Einrichtung solcher Stellen müsse man auch in anderen Branchen den Opfern helfen und diejenigen, die Zwangsarbeiterverhältnisse organisieren, verfolgen und bestrafen, betont der DGB-Experte.

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    Auch die Linkspolitikerin Nastic nimmt bei diesem Missstand die Bundesregierung in die Pflicht: Ein erster Schritt sei dabei die Einrichtung einer unabhängigen Berichterstattungsstelle, „um sich überhaupt Klarheit über die Dimension verschaffen zu können“, fordert die Sprecherin. Zugleich müsse die Bundesregierung endlich die strukturellen Ursachen von Ausbeutung und moderner Sklaverei beseitigen: „Solange ihre Politik Profitgier befeuert und die Rechte von Arbeitnehmern und den Schwächsten dieser Gesellschaft weiter beschneidet, ist sie mitschuldig, dass Deutschland ein Land ist, in dem es immer noch Sklaven gibt“, warnt die Politikerin.

    Das komplette Interview mit Dr. Philipp Schwertmann zum Nachhören:

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    Prostitution, Profit, Ermittlung, Migranten, Sklaverei, Die LINKE-Partei, Osteuropa, Deutschland