02:21 13 November 2018
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    Jesidenfrauen in dem Irak (Symbolbild)

    „Ein erheblicher Schock“: Als Aschwak auf ihren IS-Peiniger traf – Psychologe

    © AFP 2018 / SAFIN HAMED
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Aschwak muss Schreckliches erlebt haben, als sie ihrem Peiniger begegnet ist. Der Mann, der ihre Reise nach Deutschland ermöglicht hat, findet ihre Flucht zurück in den Irak trotzdem falsch: Dort soll es wesentlich gefährlicher sein als in Deutschland. Dass die Polizei Aschwak zu wenig geholfen habe, findet er nicht.

    Sie traf in Deutschland auf den Täter, der sie im Irak gefangen gehalten, vergewaltigt und in die Sklaverei weiterverkauft hatte. Die Polizei ging aus ihrer Sicht nicht entschieden genug gegen den Mann vor. Deswegen floh Aschwak H. wieder zurück in den Irak, aus dem sie vor dem IS geflohen war.

    2016 kam Aschwak als eine von 1100 Mädchen und Frauen im Rahmen eines Sonderkontingents nach Deutschland. Es handelt sich überwiegend um Frauen, die in IS-Gefangenschaft lebten – manche nur wenige Wochen, andere über Jahre. In der Gefangenschaft haben die Frauen Schweres erlebt:

    „Sie wurden vergewaltigt, fast alle, sind geschlagen, gefoltert worden, haben Exekutionen beobachtet, wie ihre Familienmitglieder ermordet wurden, wie ihre Kinder ihnen weggenommen wurden, zu Kindersoldaten ausgebildet wurden. Und sie hatten 2015 in Flüchtlingscamps gelebt und keine Möglichkeit einer therapeutischen Behandlung gehabt“, sagt Jan Kizilhan gegenüber Sputnik. Er ist Diplom-Psychologe an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen und war hauptverantwortlich für die Auswahl der 1100 Frauen, die nach Deutschland kamen.

    Die Taten des IS blieben nicht folgenlos für die Frauen: „Wir wissen, dass die meisten eine posttraumatische Belastungsstörung haben, einen klinischen Befund, der behandlungsbedürftig ist.“ Dies äußere sich in Alpträumen, Flashbacks, Intrusionen, Ängsten. Gehirn und Gedächtnis der Opfer beginnen sich zu desorganisieren. Die Angst, sie könnten jederzeit wieder dasselbe erleben, beherrscht ihren Alltag und führt zuweilen zu Ohnmachts- und Krampfanfällen. Deswegen wurden an den Orten, die den Frauen helfen sollten, schon im Vorfeld Ärzte, Therapeuten, Polizisten, Verwaltungsbeamte ausgebildet, erklärt Kizilhan und fügt hinzu: „Wir waren sehr darauf bedacht, dass die Orte geheim bleiben, weil wir wussten, dass sie Ziele des IS sein können.“

    „Das muss ein erheblicher Schock gewesen sein“

    Wenn es stimmt, was Aschwak erzählt, „dann muss das ein erheblicher Schock gewesen sein“, bemerkt Kizilhan, der dem Mädchen in Deutschland begegnet ist. „Es ist möglich, dass sie die Bilder ihrer Vergewaltigung und ihrer Tortur wieder erlebt hat, dass das wie ein Film abgelaufen ist. Manchmal sind die Leute so schockiert, dass sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen, sind fast erstarrt, können sich manchmal nicht bewegen und weglaufen.“

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    Die Mitteilung Aschwaks, die Polizei habe nichts oder zu wenig getan, teilt Kizilhan allerdings nicht. „Ich habe immer wieder Frauen, die Bilder in sozialen Netzwerken zeigen und sagen, das sind ihre Peiniger. Auch in diesem Augenblick laufen einige Ermittlungen, die natürlich aus verschiedenen Gründen der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt werden, weil die Täter auch nicht weglaufen sollen, wenn sie plötzlich hier mit Namen und Bildern in den Medien auftauchen.“

    Kizilhan betont: „Ich weiß, dass Aschwaks Geschichte sehr wohl angehört worden ist, diese Person aber namentlich nicht registriert worden ist.“ Die Polizei habe demnach einen Abu H. schlichtweg bislang nicht ausfindig machen können.

    Der Psychologe gibt auch zu bedenken: „Es könnte auch sein, dass sie eine Person erlebt hat, die so aussah wie dieser Abu H., aber sie in diesem Augenblick eine illusionäre Verkennung erlebt hat.“

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    „Ich finde ihre Entscheidung nicht richtig“

    Auch wenn die Begegnung furchterregend gewesen sein muss, lautet die Überzeugung Kizilhans: „Ich finde es nicht richtig, was sie gemacht hat, und ich wünschte, sie hätte sich uns zugewandt und wir hätten sie überzeugen können, nicht zu fahren. Man kann sicherlich Irak und Deutschland nicht miteinander vergleichen, wenn es um Sicherheit geht.“ Im Irak gebe es derzeit etwa 300 Dörfer, die sich noch in den Händen des IS befänden, und darüber hinaus zwischen 10.000 und 20.000 Kämpfer in der Wüste, die immer wieder Anschläge versuchen würden. Angesichts dessen sei Aschwaks Flucht aus Deutschland in den Irak „keine gute Entscheidung“, meint der Psychologe.

    Das komplette Interview mit Jan Kizilhan zum Nachhören:

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    Tags:
    Schock, Gefangenschaft, Sklaverei, Psychologie, Vergewaltigung, Frauen, IS, Irak, Deutschland