17:06 11 Dezember 2018
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    Modell des Flugzeuges auf dem Memorial für Opfer des Absturzes von Flug MH-17 in Amsterdam (Archiv)

    „Ungelöstes Rätsel MH 17“: Wer verschweigt was und wer lügt aus welchem Grund?

    © AP Photo / Peter Dejong
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    Tilo Gräser
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    Ein neues Buch beschäftigt sich mit der MH 17-Katastrophe am 17. Juli 2014. Autor Kees van der Pijl ordnet den mutmaßlichen Abschuss der malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine in den gesamten Konflikt in der Ukraine ein. Die Tageszeitung „junge Welt“ hat das Kapitel mit Erklärungsversuchen zu MH 17 vorab veröffentlicht.

    Der Absturz von Flug MH 17, einer Boeing 777 der Malaysia Airlines, am 17. Juli 2014 über der Ostukraine bleibt ein „ungelöstes Rätsel“. Das zeigt ein Vorabdruck aus dem Buch „Der Abschuss. Flug MH 17, die Ukraine und der neue Kalte Krieg“ des niederländischen Politikwissenschaftlers Kees van der Pijl.

    In dem von der Tageszeitung „junge Welt“ (jW) in ihrer Mittwochausgabe veröffentlichten Text gibt van der Pijl verschiedene Erklärungsversuche zum Absturz von MH 17 wieder. Das reicht vom Abschuss durch eine Luftabwehrrakete eines „Buk“-Systems bis zum Abschuss durch einen Kampfjet. Das Buch, das die MH 17-Katastrophe und den Bürgerkrieg in der Ukraine in den geopolitischen und ökonomischen Kontext eines neuen Kalten Krieges einordnet, erscheint Anfang September im PapyRossa-Verlag.

    In dem als jW-Vorabdruck veröffentlichten Buchkapitel zeichnet der Autor das Geschehen am 17. Juli 2014 nach. Dazu gehören die Hinweise darauf, dass unter anderem Nato-Überwachungsflugzeuge vom Typ E-3 Awacs Flug MH 17 auf dem Schirm hatten.

    Blinde Awacs-Überwachungsjets?

    „Nach Auskunft der deutschen Regierung auf eine Anfrage der Partei Die Linke im deutschen Bundestag vom 9. September 2014 waren zwei der Maschinen am 17. Juli aufgestiegen, um den ukrainischen Luftraum zu überwachen“, schreibt der Autor. Doch die Beobachtung der Malaysia Airlines-Maschine sei abgebrochen worden, als sie das Awacs-überwachte Gebiet verließ, heißt es. Immerhin hatten die Nato-Überwacher Signale von Luftabwehrsystemen und ein nichtidentifiziertes Signal, „welches normalerweise ein Zeichen für ein Militärflugzeug ist, im Umfeld registriert“, habe die Bundesregierung erklärt.

    Warum die volle Leistungsfähigkeit der Awacs-Maschinen nicht ausgenutzt wurde – „Wir wissen es nicht“, stellt van der Pijl fest und ergänzt, „eine gründliche Untersuchung hätte die Sachlage zweifellos erhellen können“. Er weist zudem daraufhin, das laut Hersteller Northrop-Grumman die Überwachungsanlagen der E-3 mit einem Pulsradar in einem „horizontübergreifenden“ Modus weiter als die „mehr als 500.000 Quadratkilometer um das Flugzeug herum oder mehr als 400 Kilometer in alle Richtungen“ sehen. Doch am 17. Juli 2014 schien das nicht genutzt worden zu sein.

    Der Autor zitiert die ukrainischen Angaben, nach denen die zivilen Bodenradar-Anlagen, die Flug MH 17 hätten verfolgen können, entweder zerstört oder abgeschaltet waren. Kiew habe später trotz vorliegender Beweise geleugnet, dass es die reguläre Luftabwehr samt militärischem Radar am 12. Juli in Alarmstufe 1 versetzt hatte.

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    Blinde US-Spionagesatelliten?

    Nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums auf einer Pressekonferenz am 1. August des Jahres hatten die USA zum Zeitpunkt der Katastrophe einen Spionagesatelliten vom Typ „Keyhole“ über dem Absturzgebiet. Doch die USA hätten „weder auf die Fragen, die das russische Militärkommando auf der Pressekonferenz gestellt hatte“, geantwortet, „noch stellten sie Satellitenaufnahmen zur Verfügung“, schreibt van der Pijl.

    Der niederländische Politologe und Antikriegsaktivist zeichnet ebenso nach, wie es zu den Vorwürfen eines angeblichen Abschusses der malaysischen Maschine durch eine „Buk“-Luftabwehrrakete kam. „Unabhängig davon, ob der Abschuss auf einen irrtümlichen oder absichtlichen ‚Buk‘-Start zurückging, ein vorsätzlicher Akt eines Jets war, um im Wirtschaftskrieg gegen Russland einen Gang hochzuschalten und das Land in den Bürgerkrieg hineinzuziehen, oder auch eine Kombination von beidem: Auf jeden Fall hatte, wer zuerst Vorwürfe erhob, einen eindeutigen Propagandavorteil.“

    Die kamen zuerst aus Kiew, erinnert der Buchautor, einschließlich eindeutig falscher Foto-„Beweise“. Und: „Im NATO-Hauptquartier antwortete General Philip M. Breedlove auf eine E-Mail von Natalie Crawford, Mitarbeiterin der Rand-Stiftung, die darin von einer ‚Tragödie‘ gesprochen hatte: ‚Keine Tragödie meiner Meinung nach, sondern ein Verbrechen. Russlands Fingerabdrücke sind überall!‘“ Selbst eine entsprechende am 22. Juli 2014 vorgelegte „Einschätzung der US-Regierung“ zum Unglück habe nur ein einziges „Beweisstück“ enthalten: „ein 2010 aufgenommenes kommerzielles Satellitenbild, auf dem die mutmaßliche Flugbahn einer Rakete eingezeichnet war“.

    Ukrainische Spuren?

    Der Autor stellt klar: „Obwohl die US-Überwachung in der Lage ist, alles zu überblicken und zu wissen, was in den entferntesten Ecken und Winkeln der Welt passiert, schweigt Washington beharrlich und weigert sich, eigene Informationen herauszugeben. Dies belastet Kiew und wirft die Frage nach einer direkten oder indirekten Komplizenschaft der NATO auf.“

    Im Buch wird auf „eine plausiblere Erklärung für einen ‚Buk‘-Angriff“ hingewiesen. Die habe Ralf Rudolph, ehemaliger Oberst der DDR-Armee NVA und Raketenspezialist, geliefert. Der schrieb Anfang August 2014 in einem Online-Beitrag zu dem Thema unter anderem:

    „Eine unvorhergesehene Entwicklung bei einer Übung des 156. Fla-Raketenregimentes der ukrainischen Streitkräfte kann die Ursache für die Katastrophe gewesen sein. Diese Informationen werden auch von Mitarbeitern des ukrainischen Verteidigungsministeriums, die nicht erkannt werden wollen, bestätigt.

    Am 17. Juli soll das 156. ukrainische Regiment der Truppenluftabwehr den Auftrag erhalten haben, mit einer Buk-Feuerabteilung eine Übung zum Schutz des Vorgehens von Truppen der Nationalgarde und der ukrainischen Armee im Raum Donezk durchzuführen.“

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    Als Übungsziele sollten dem Bericht nach zwei ukrainische Flugzeuge vom Typ Su-25 gedient haben. Solche Kampfjets werden auch in anderen Berichten immer wieder erwähnt. Bei Rudolph ist zu lesen: „Mit Einfliegen einer der Su-25 in den Erfassungsbereich des Radarsystems Kupol wurde sie unter Kontrolle genommen und begleitet. Ihre Koordinaten wurden an ein Raketenstartfahrzeug übermittelt. Zufällig kreuzten sich die Flugrouten der Boeing 777 und der Su-25 in unterschiedlichen Höhen. Das Radargerät des Raketenstartfahrzeuges ist jedoch so ausgelegt, dass immer der intensiver reflektierte Radarstrahl (im Betrieb des Regimes ‚enger Strahl‘) genutzt wird und das Radarsystem sich automatisch auf das größere Ziel umstellt.“

    Verschwundene Beteiligte?

    Zwar sei bei der Übung ein Raketenstart nicht vorgesehen gewesen, wohl aber doch erfolgt. Warum das geschah, hätten laut dem Ex-Offizier Mitarbeiter des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU aufklären sollen, „die noch am Abend des Unglückstages gegen 9.30 Uhr den Chef und die Besatzung des ukrainischen Buk-Startfahrzeuges in Gewahrsam nahmen. Außerdem wurde mittlerweile bekannt, dass der Jägerleitoffizier, der am 17. Juli auf dem Tower des Militärflugplatzes Nikolajew Dienst tat, spurlos verschwunden ist.“

    In dem Buch erinnert van der Pijl auch an Aussagen des Ex-SBU-Offiziers Sergej Balabanow, der ebenfalls vom in den Fall verwickelten 156. ukrainische Regiment der Truppenluftabwehr sprach und dessen Kommandeur gesagt haben soll: „Also, ihr habt das malaysische Flugzeug abgeschossen, nicht wahr?“

    Hinweise auf Kampfjets?

    Gegen die These von einem Abschuss durch eine „Buk“-Rakete sprechen zugleich Erkenntnisse und physikalische Beweise, dass die festgestellten Einschüsse an den MH 17-Trümmern eher auf den Sprengkopf einer flugzeuggestützten Luft-Luft-Rakete oder eine Bordkanone eines Kampflugzeuges hinweisen. Der ehemalige NVA-Raketenexperte Bernd Biedermann hat unter anderem in mehreren Beiträgen, so im Interview mit dem Sender „RT deutsch“, erklärt, dass bei einem „Buk“-Treffer die malaysische Boeing 777 in der Luft explodiert wäre. Auch der ehemalige Bundeswehr-General Hermann Hagena hat mehrmals der „Buk“-Theorie widersprochen.

    Van der Pijl erwähnt einen weiteren Hinweis auf einen Angriff auf MH 17 durch ein Kampfflugzeug: „Dem privaten Ermittler Josef Resch wurden von einem russischen Informanten wichtige Details aus offensichtlich authentischen Dokumenten zugespielt. Aus diesen Materialien geht hervor, dass am 15. Juli ein Flugzeug (eine Suchoi, Typennummer nicht spezifiziert und Registrierungsnummer geschwärzt), aus Kirowograd kommend, in Tschugujiw (Oblast Charkiw) landete, beides keine regulären Militärflughäfen.“

    Der Autor schreibt: „Genau dort, in Tschugujiw, waren die zivilen Radaranlagen wegen ‚Wartungsarbeiten‘ ausgeschaltet worden. Die Suchoi ersetzte eines der Flugzeuge, die für Operationen am 17. Juli eingeplant waren, und hatte den Befehl, ein Luftziel im Dreieck Snischne–¬Tores–Grabowe abzuschießen. Eine ‚Buk‘-Einheit sollte die Operation decken, feuerte aber nicht.“

    Nur eine bizarre Theorie?

    Alle involvierten Piloten seien danach zu einer anderen Basis versetzt worden, „ein beteiligter Geheimdienstoffizier wurde später außerhalb der Kampfzone erschossen“. Ermittler Resch und sein Team hätten dies für einen höchst glaubwürdigen Hinweis gehalten. Aber der anonyme Auftraggeber, der eine Belohnung von 30 Millionen Dollar ausgesetzt hatte, habe keine Veröffentlichung gewollt – „vielleicht wegen des möglichen Motivs: Abschuss von Putins Präsidentenmaschine, einer ‚Il-96‘“.

    Die russische „Air Force One“ war am 17. Juli 2014 ebenfalls in der Luft gewesen, mit Russlands Präsident an Bord auf dem Rückflug von einem Auslandsaufenthalt. Seine Maschine soll die Flugbahn von MH 17 gekreuzt haben, ist bei dem niederländischen Buchautor zu lesen. Das war am Tag des Unglücks auch aus Moskau zu hören, was in westlichen Medien schnell als „bizarre Theorie“ abgetan wurde.

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    Doch laut dem investigativen US-Journalisten Robert Parry haben selbst US-Geheimdienstanalytiker die Möglichkeit erwogen, dass der Abschuss von MH 17 „ein verpfuschter Versuch von Extremisten in der ukrainischen Regierung war, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu ermorden“. Das schrieb Parry in seinem Onlinemagazin „Consortiumnews“ am 8. August 2014, sich auf eine anonyme Geheimdienstquelle berufend.

    Solange endgültige sichere Beweise fehlen, bleibt die MH 17-Katastrophe weiter ein „ungelöstes Rätsel“, wie Buchautor van der Pijl feststellt. Das liegt nicht an Moskau, wie er auch zeigt.

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