00:06 20 September 2018
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    Kind spielt im Kindergarten (Symbolbild)

    „Königtum der Absurdität“: Riga will russische Kindergärten loswerden

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    Trotz lauten Versicherungen lettischer Behörden, russischsprachige Kindergärten würden ohne Änderungen in Riga bleiben, können sie in Wirklichkeit in einem Jahr gänzlich verschwinden. Das berichtet Sputnik Lettland unter Berufung auf Erzieher in mehreren russischsprachigen Kindergärten.

    Lettland begrenzt strikt die Verwendung der Muttersprache für nationale Minderheiten in der Ausbildung. Die Maßnahmen betreffen vor allem die russischsprachige Bevölkerung. 40 Prozent der Einwohner in Lettland sprechen diese Sprache.

    Ratschläge für „Lettisierung“ russischer Kinder

    Mehrere Erzieher erzählten Sputnik Lettland über die Diskriminierung russischsprachiger Kinder, die aus Furcht vor einer Kündigung anonym bleiben wollten. Sie arbeiten in verschiedenen Teilen der Stadt und kennen einander nicht. Ihnen zufolge kamen in diesem Jahr verschiedene Prüfer und Vertreter des Rigaer Parlaments. Mehrere von ihnen hätten Ratschläge gegeben, wie die Kindergärten alle Kontrollen erfolgreich passieren und weiter arbeiten könnten.

    Unter anderem sollen in russischen Kindergärten zweisprachige oder lieber lettische Gruppen funktionieren. Lettische Arbeitnehmer sollten bei der Einstellung bevorzugt werden. Erzieher seien auch gebeten, mit den russischen Kindern Lettisch zu sprechen und sie aufzufordern, mindestens die Hälfte der Wörter auf Lettisch zu verbalisieren.

    Kinder, die zu wenig Lettisch sprechen, sollen laut Erziehern korrigiert werden. Das führe oft zu Stress und Problemen im Benehmen der Kinder, teilte Sputnik Lettland die in mehreren russischsprachigen Kindergärten tätige Logopädin Anastassija Jefremowa mit.

    „Kinder haben sogar davor Angst, um Hilfe beim Klobesuch zu bitten“

    Jefremowa zufolge haben Kinder oft sogar davor Angst, eine Erzieherin um Hilfe beim Klobesuch zu bitten, weil sie dann ihre Sprache korrigieren würde. Kinder schlafen schlecht und essen nicht richtig, so die Logopädin.

    „Es gibt viele solche Fälle, wo sich ‚richtige‘ lettische Erzieher mit russischen Kindern beschäftigen. Das Kind denkt dann: Ich verstehe das nicht – das ist schlecht, ich bin auch schlecht, alle Menschen sind böse. Wenn aber dann ein russischer Erzieher mit ihnen arbeitet, werden die Kinder schnell motiviert, sie kommunizieren und werden lebenslustig“.  

    „Er spricht ja kein Lettisch“

    Laut Jefremowa leiden die Kinder, wenn es zu einem Konflikt zwischen Erziehern und Eltern wegen der Sprache komme: Der Erzieher revanchiere sich dann über das Kind.

    „Ich frage meinen Enkel, welche Buchstaben er heute gelernt hat. Er antwortet, die Erzieherin gebe ihm die Würfel mit Buchstaben nicht“. Am nächsten Tag habe sie die Frau um eine Erklärung gebeten.

    „Dann sagt sie mir: ‚Er spricht ja kein Lettisch, er muss einfach dasitzen und zuhören, vielleicht lernt er dann was‘. Das hat mir eine lettische Erzieherin in einem russischen Kindergarten gesagt“, erklärte die Logopädin empört. 

    Sputnik Lettland vermutet, dass Ähnliches nicht nur in Riga, sondern auch im ganzen Land passiere. Die Beamten sprechen aber selbst mit ihren Kollegen nur andeutungsweise darüber, aus Angst, angegeben zu werden.

    „Experten“ für Sprachfragen beherrschen die Sprache selbst nicht

    Eine der Gesprächspartnerinnen von Sputnik Lettland war eine lettische Erzieherin, die in einem russischsprachigen Kindergarten arbeitet. Sie berichtete von einem Treffen mit Abgeordneten des Parlaments von Riga, die den Erziehern die Regeln des Umgangs mit russischen Kindern, Eltern und Kollegen erklärt hätten. Das habe bei der Frau ein Lachen ausgelöst, das „eher einer nicht lustigen Hysterie geähnelt“ habe.

    „Besonders lustig war, dass unter den Gästen ein russisches Mitglied der Partei ‚Zusage‘ war, das vielleicht mehr als die anderen von verschieden Regeln sprach. Dabei hat er meine Muttersprache ziemlich schlecht gesprochen. Solch ein Königtum der Absurdität!“ meinte die Erzieherin.

    Sputnik Lettland zufolge fanden diese Treffen mindestens in neun Kindergärten statt.

    Kaum noch Ausbildung auf Russisch

    Im April unterzeichnete der lettische Präsident, Raimonds Vejonis, ein Gesetz, laut dem die Vorschulausbildung für nationale Minderheiten bilingual werden muss. Vom ersten bis zum sechsten Schuljahr bleibt die Möglichkeit einer zweisprachigen Ausbildung. Bis zur neunten Klasse müssen 80 Prozent der Fächer und vom zehnten bis zwölften Schuljahr bereits alle auf Lettisch unterrichtet werden.

    Das Gesetz widerspricht der Resolution zum Schutz der Sprachen nationaler Minderheiten in Europa, die die Parlamentsversammlung des Europa-Rats im Januar verabschiedet hat. Laut Pace sollen die Minderheiten die Möglichkeit haben, während der gesamten Lern- und Ausbildungsperiode – vom Kindergarten bis zur Hochschule – in ihrer Muttersprache zu lernen.

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    Tags:
    Lehrer, Erzieher, Muttersprache, Politik, nationale Minderheiten, Sprachunterricht, Sprachpolitik, Sprache, Ausbildung, Schule, Kindergarten, Kindererziehung, Kinder, Kind, Russische Föderation, Russland, Riga, Lettland