15:07 11 Dezember 2018
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    Muslime beim Gebet (Symbolbild)

    Intakte Familie, Selbstbestimmung, Sinn: Warum Menschen zum Islam konvertieren

    © AP Photo / Amel Emric
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Sie kommen fast alle aus schwierigen Familienverhältnissen und suchen nach einem geregelten Leben, in dem andere Dinge als der Konsum ganz oben stehen. Das Buch „Die neuen Muslime“ erzählt Geschichten von Menschen, die in Deutschland geboren sind und sich freiwillig für eine Konversion zum Islam entschieden haben.

    Es war ein weiter Weg, bis Ele sich für das Kopftuch und die Konversion zum Islam entschied. Als Jugendliche war sie drogensüchtig und konsumorientiert. Gleichzeitig war sie eines von fünf Kindern einer alleinerziehenden Mutter und immer arm. Als Erwachsene wurde sie dann Managerin in einem Pizza-Franchiseunternehmen. Aber das erfüllte sie nicht.

    Selbstbestimmt statt konsumorientiert

    Eines Tages war die Entscheidung dann plötzlich da, ihr gesamtes Leben zu ändern für etwas. Sie wurde Muslimin, verlor ihren Job und kümmerte sich vor allem um ihre eigenen Kinder und nähte ehrenamtlich Kleidung für Flüchtlingskinder. Sie hatte das Gefühl, nach ihrer Konversion ihre Entscheidungen selbst zu treffen, sie sich nicht von der konsumorientierten Gesellschaft diktieren zu lassen.

    Sie verlor nicht nur ihren Job, weil das Kopftuch nicht recht zu ihrer Position passen wollte: Auch in ihrem näheren Umfeld stieß sie wegen ihrer Entscheidung auf viel Unverständnis, musste ständig Fragen beantworten, ihre Entscheidung rechtfertigen, spürte die Blicke der Menschen, fühlte sich zunehmend ausgegrenzt – wankte aber kein bisschen in ihrem Entschluss. Ele ist eine der Geschichten der „Neuen Muslimen“, die Susanne Kaiser in ihrem neu im Promedia Verlag erschienenen Buch erzählt.

    „Der Titel ‚Die neuen Muslime‘ ist doppeldeutig“, erklärt die Autorin gegenüber Sputnik. „Einerseits meint er diejenigen, die zum Islam konvertieren, man nennt sie ‚neue Muslime‘. Andererseits handelt es sich bei den heutigen Konvertiten aber tatsächlich auch um eine ganz neue Generation von Muslimen. Wenn junge Leute in Deutschland heute zum Islam konvertieren, dann hat das oft auch etwas damit zu tun, dass sie mit bestimmten Werten nicht einverstanden sind. Im Islam finden sie einen Weg, sich ein anderes, ein alternatives Weltbild zu erschaffen.“

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    Auf der Suche nach einer intakten Familie

    In Kaisers Buch kommen die Konvertiten fast alle aus schwierigen Familienverhältnissen, gleichzeitig ist ihnen eine intakte Familie aber sehr wichtig. Im Islam habe Verantwortung für Partner und Kinder einen zentralen religiösen Wert, erklärt die Autorin. Das wirkt auf die Menschen anziehend, die das als Kinder von ihren Eltern nicht vermittelt bekommen haben. „Sie haben ihre Eltern wenig gesehen oder hatten sogar gar keinen Kontakt. Als Scheidungskinder sind sie mit nur einem Elternteil aufgewachsen oder mit ständig wechselnden Partnern der Eltern. Für die Konvertierten, mit denen ich gesprochen habe, liegt das an unserer säkularen Gesellschaft.“

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    Islam-Debatte ist medial verzerrt

    Das Buch hat noch eine andere Sicht, in der es um Kritik an der westlichen Islam-Debatte geht. Hier läuft vieles schief, ist sich Kaiser sicher: „Wir sprechen unverhältnismäßig viel über Defizite. Mangelnde Integration, Extremismus, Terrorismus. Um ganz normale Muslime geht es selten. Dadurch entsteht ein Zerrbild.“ Dabei sei die Mehrheit der Muslime nicht radikalisiert und habe auch kein Problem mit der Verfassung. „Ganz im Gegenteil: Viele sagen, dass man in Deutschland wegen der Religionsfreiheit verhältnismäßig frei den eigenen Glauben leben kann. Nur zeigt die Debatte diese Muslime nicht, sondern entwirft ein Islambild, das Angst macht“, so die Autorin.

    Kaiser findet auch nicht, dass die Gesellschaft hier zu wenige Angebote für Menschen in Sinnkrisen bereithält. „Ich finde nicht, dass die Gesellschaft als Ganze einen Auftrag hat oder haben sollte, ‚Individuen in Not‘ zu retten. Ich würde die Konversion auch nicht als Lösung für einen irgendwie pathologischen Zustand verstehen wollen. Menschen finden zu allen Zeiten und an allen Orten Halt und Sinn in Religion. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Das ist doch etwas Gutes“, so die Autorin der „Neuen Muslime“.

    Interviewpartnerin Susanne Kaiser
    © Foto : Freistil Berlin
    Interviewpartnerin Susanne Kaiser
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    Generation, Debatte, Werte, Muslime, Islam, Deutschland