19:18 18 September 2018
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    Demonstration der AfD-Gegner in Chemnitz

    Psychoanalytiker Dr. Maaz zu Chemnitz: Diktatur der politischen Korrektheit

    © REUTERS / Hannibal Hanschke
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    Armin Siebert
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    Um die Ereignisse von Chemnitz ist ein Deutungsstreit entbrannt. Viele Politiker und Medien warnen vor einem Erstarken der Rechtsextremen. Der bekannte Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz sieht in solchen Schuldzuweisungen Zeichen einer Gesellschaftskrise. Die AfD erstarkt, weil die große Politik und Medien die Menschen nicht mehr ernst nehmen.

    Herr Maaz, die Menschen, die vergangene Woche in Chemnitz auf die Straße gegangen sind, waren das alles Nazis?

    Das ist natürlich Unsinn. Im Moment ist das eine Generalsünde der Politik und eines Großteils der Medien. Der eigentliche Anlass, nämlich der Protest gegen den Mord oder ein Tötungsdelikt in Verbindung mit Migranten wurde sehr schnell in eine rechte und rechtsextreme Ecke gedrängt. Nach meiner Einschätzung hat die Bundesregierung selbst diese Verschiebung begonnen, indem Regierungssprecher Seibert davon gesprochen hat, dass es dort Hetzjagden gegen Ausländer gegeben hat. Davon, dass der eigentliche Vorfall, dieses Verbrechen, tragisch war, hat er nicht gesprochen. Mit diesem Statement, das ja damit auch für die Bundeskanzlerin spricht, wurde von Anfang an das eigentliche Problem verdrängt.

    Wenn also da vergangene Woche auch  ganz normale Chemnitzer mitmarschiert sind und danach von der Presse geschrieben wird, das waren alles Rechtsextreme – was macht das mit diesen Menschen?

    Damit wird Öl ins Feuer des Protestes gegossen der Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, weil sie nicht gehört und nicht ernst genommen werden. Es haben ja offensichtlich auch viele normale Bürger von Chemnitz protestiert, weil sie sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen. Das wurde dann von Extremisten von rechter und von linker Seite genutzt. Aber ursprünglich ist das ein berechtigter Protest von Bürgern, die damit im Wesentlichen auch gegen die Migrationspolitik protestieren. Und wenn diese Bürger in die rechte Ecke gestellt werden, vermehrt das nur ihre Wut. Ich würde wetten, dass die AfD dadurch in Sachsen nochmal ein-zwei Prozentpunkte dazugewonnen hat.

    Wir haben ja Meinungsfreiheit in Deutschland. Wenn ich nun sage, ich bin gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland – ich fühle mich bedroht, die nehmen meinen Arbeitsplatz weg, etc. – bin ich dann rechts?

    So ein Quatsch. Nach dem Grundgesetz haben wir Meinungsfreiheit, aber sie wird offensichtlich immer mehr eingeschränkt. Es ist ja schon länger zu beobachten, dass Stimmen, die sich kritisch zur Regierungspolitik äußern, in erster Linie natürlich zum Thema Migration, aber auch zur Europapolitik oder der Politik gegenüber Russland, dass diese Kritiker sofort diffamiert werden und in eine rechte oder populistische Ecke gedrängt werden. Für eine Gesellschaft ist das ein ernstes Zeichen, dass die Meinungsfreiheit immer mehr eingeengt wird. Ich würde sogar von einer Diktatur der politischen Korrektheit sprechen.

    Haben Sie schon den neuen SPIEGEL gelesen und das Titelbild gesehen? Es scheint so, dass man einfach nur eine Mauer um Sachsen herum bauen muss und das Problem ist gelöst.

    Das ist zum Fürchten. Wenn jetzt selbst von namhaften Medien wie dem SPIEGEL Hetze betrieben wird, kann man das nur verurteilen.

    Immer mehr Menschen scheinen äußerst skeptisch zu sein – gegen die Politiker, gegenüber der Presse. Diese Menschen leben immer mehr in ihren eigenen Filterblasen. Wie kann man diese Menschen denn überhaupt noch erreichen und Ihr Vertrauen zurückgewinnen?

    Ich finde es eine Gefährdung der Demokratie zu sagen: mit denen reden wir nicht, das sind die Bösen. Damit ist Pegida gemeint, die AfD und eben auch alle Kritiker. Und wenn doch mal jemand sagt, wir müssen mit denen reden, dass ist immer gemeint, wir müssen die überzeugen, dass sie falsch liegen, dass sie unsere Meinung übernehmen. Das ist kein demokratischer Disput. Dazu würde gehören, dass beide Seiten es nicht ausschließen, dass möglicherweise auch der Andere Recht hat und die eigene Meinung falsch ist. Davon sind wir weit entfernt. So gibt es jetzt zunehmend eine Spaltung: wir sind die Guten und die anderen sind die Bösen. So eine Spaltung in der Gesellschaft ist für mich wiederum ein Zeichen dafür, dass dem eine tiefere Problematik, eine Gesellschaftskrise zugrunde liegt, weil die Schere immer größer wird.

    Es scheint bei bestimmten Themen eine totale Lagerbildung zu geben. Prominente Beispiele sind Russland/Ukraine und eben jetzt AfD/Rechts/Links. Da geht es sehr emotional und radikal zur Sache bis hin zu Freundschaften und Beziehungen, die zerbrechen. Täuscht mich der Eindruck, dass Politik heute eine viel größere Rolle spielt, auch im privaten Leben der Leute? Das klingt ja erst einmal gut, dass die Menschen nachdenken und mitgestalten worden. Aber wieso so radikal?

    Jede Radikalität — und da ist es aus psychoanalytischer Sicht egal, ob die von links oder von rechts kommt, ob die islamistisch oder christlich-fundamentalistisch ist — ist ein Zeichen für eine sehr persönliche Problematik und eine innere Spannung, die ein Feindbild braucht. Wenn Radikalität zunimmt, ist das wiederum ein Zeichen dafür, dass sich die soziale Situation in einer Gesellschaft verschlechtert. Man müsste also rational analysieren, was sich genau in der Gesellschaft verschlechtert und daran arbeiten, dies zu verbessern. Der primitivere Weg ist, zu sagen, du bist Schuld.  So ist das ja auch in der normalen Psychologie: wenn ein Ehepaar nicht mehr klar kommt, heißt es schnell: du bist Schuld, du machst mich unglücklich. Wenn also dieser Prozess der Projektion eines Feindbildes, wie eben mit dieser Lagerbildung, wie Sie es beschrieben haben, zunimmt, dann ist das für mich ein Zeichen einer Gesellschaftskrise. Damit müssten sich Politik und Medien befassen und Ideen entwickeln, wie es besser werden kann.

    Das komplette Interview mit Dr. Maaz zum Nachhören:

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    Themen:
    Tödliche Messerattacke in Chemnitz (18)
    Tags:
    Flüchtlinge, Hass, Protest, Psychologie, Kriminalität, Migranten, Der Spiegel, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Daniel Hillig, Hans-Joachim Maaz, Chemnitz, Sachsen, Syrien, Irak, Deutschland