17:22 11 Dezember 2018
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    Ensemble von Russlanddeutschen beim Brotfest in Marx am 18. August 2018

    „Mehr Kooperation dringend erforderlich“ – Russlanddeutsches Sozialforum

    © Foto : Alfred Spieler
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    „Ein wichtiges Stück Friedensarbeit“ sind für den Sozialexperten Alfred Spieler gemeinsame soziale deutsch-russische Projekte. Er hat Mitte August am Sozialforum der Russlanddeutschen teilgenommen. Im Gespräch mit Sputnik berichtet er darüber und nennt Beispiele für diese Zusammenarbeit. Sie hilft aus seiner Sicht, Konfrontation zu verringern.

    Ein Sozialforum der Russlanddeutschen widmete sich vom 14. bis 18. August sozialen Themen wie Hilfe für Behinderte, Pflege und Rente. Dazu hatte der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) in die Städte Saratow und Marx eingeladen. Der IVDK existiert seit 1991 und ist nach eigener Auskunft die älteste gesellschaftliche Organisation der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation.

    Einer der Teilnehmenden und Referenten war der Sozial- und Rentenexperte Alfred Spieler aus Berlin. Er arbeitete früher unter anderem als sozialpolitischer Referent beim ostdeutschen Sozialverband Volkssolidarität. „Das Sozialforum diente hauptsächlich dem Austausch sowohl unter den Russlanddeutschen als auch zwischen ihnen und Vertretern aus der Bundesrepublik“, sagte er.

    Manifestation in der Stadt Pokrowsk (heute: Engels) 1917
    © Foto : Historisches Staatsarchiv der Wolgadeutschen (GIANP)
    Manifestation in der Stadt Pokrowsk (heute: Engels) 1917

    In der Veranstaltung stellte Svetlana Alexejewa die Arbeit des Heilpädagogischen Zentrums in Pskow vor. Dieses deutsch-russische Projekt sei 1991 von der Evangelischen Landeskirche Rheinland ins Leben gerufen worden. Kirchenvertreter Bernd Schleberger, der das Projekt 1991 mit initiierte, habe daran erinnert, dass es damals anlässlich des 50. Jahrestages des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion um ein Vorhaben der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen gegangen sei. Das Projekt der Friedensarbeit werde bis heute von vielen Menschen in Nordrhein-Westfalen unterstützt.

    Gemeinsame Themen

    Ein anderes Thema des Sozialforums sei der deutsch-russische Austausch über Erfahrungen bei der Inklusion von Kindern und Jugendlichen in Kindertagesstätten und Schulen gewesen. Die Arbeit einer Pflegeeinrichtung im Gebiet Kaliningrad, die mit deutschen Einrichtungen zusammenarbeitet, sei ebenso vorgestellt worden.

    Menschen mit Behinderungen und die Arbeit mit ihnen haben im Mittelpunkt des russlanddeutschen Sozialforums gestanden, berichtete Spieler gegenüber Sputnik. Außerdem sei die Frage der demografischen Entwicklung, die beide Länder betrifft und beschäftigt, diskutiert worden. Es sei darum gegangen, wie unter den unterschiedlichen Bedingungen Russlands und der Bundesrepublik ein „Altern in Würde“ gesichert werden kann.

    • Olga Martens, Stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK) eröffnet das Sozialforum
      Olga Martens, Stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK) eröffnet das Sozialforum
      © Foto : Alfred Spieler
    • Sozialforum der Russlanddeutschen 14.-19. August 2018
      Sozialforum der Russlanddeutschen 14.-19. August 2018
      © Foto : Alfred Spieler
    • Zu Besuch im Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in Marx
      Zu Besuch im Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in Marx
      © Foto : Alfred Spiele
    • Denkmal für Fridtjof Nansen an der Wolga in Marx
      Denkmal für Fridtjof Nansen an der Wolga in Marx
      © Foto : Alfred Spieler
    • „Spieler in Marx“: Alfred Spieler mit Russlanddeutschen beim Brotfest in Marx
      „Spieler in Marx“: Alfred Spieler mit Russlanddeutschen beim Brotfest in Marx
      © Foto : Privat
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    © Foto : Alfred Spieler
    Olga Martens, Stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK) eröffnet das Sozialforum

    Der Experte mit seinen langjährigen Erfahrungen der deutschen Rentenpolitik berichtete auf dem Sozialforum darüber, wie diese sich in den letzten Jahren hin zur „Rente mit 67“ entwickelte. Die mit der angekündigten Rentenreform in Russland vorgesehenen höheren Altersgrenzen seien im Vergleich dazu „größere Sprünge“ – für Frauen von 55 auf 63 Jahre und für Männer von 60 auf 65 Jahre. Das solle aber auch stufenweise erfolgen, hob Spieler hervor.

    Das Vorhaben stoße in der russischen Gesellschaft auf Ablehnung, stellte er mit Verweis auf entsprechende Umfragen fest. Russlands Präsident Wladimir Putin habe in seiner TV-Ansprache am 29. August einige der Vorschläge entschärft. So sollen Frauen mit 60 in Rente gehen. Der deutsche Experte bezeichnete Putins Ansprache als „beeindruckend“, weil dieser sich „ernsthaft und seriös“ mit dem Für und Wider der Rentenreform auseinandergesetzt habe. Der Präsident habe auch selbstkritisch seine frühere Äußerung von 2005, in seiner Amtszeit werde das Rentenalter nicht erhöht, kommentiert.

    Reserven in der Kooperation

    „Die Teilnahme am Sozialforum in Saratow und Marx hat vor allem ein besseres Verständnis der sozialen Entwicklung in der Russischen Föderation ermöglicht“, beschrieb Spieler als eines der Ergebnisse für ihn selbst. Für die russischen Teilnehmenden sei vor allem die Zusammenarbeit mit deutschen Partnern wie auch die soziale Entwicklung in der Bundesrepublik interessant gewesen.

    „Wünschenswert wäre es eigentlich, dass auch deutsche Verbände aus dem sozialen Bereich sich stärker in gemeinsamen Projekten mit russischen Partnerorganisationen engagieren. Im Moment sind Verbände aus dem Bereich der Kirchen wie Caritas oder Diakonie sowie das Deutsche Rote Kreuz sehr stark vertreten.“ Da gebe es bei anderen noch Reserven, so der Experte.

    Er zeigte sich sicher, eine stärkere Zusammenarbeit im Sozialbereich würde gerade in konfliktbeladenen offiziellen Beziehungen zwischen beiden Ländern einen Beitrag zur gegenseitigen Vertrauensbildung leisten können. Das sei zudem „ein wichtiges Stück Friedensarbeit“, verwies Spieler auf das Beispiel der Evangelischen Landeskirche Rheinland. Eine solche Friedensarbeit sei angesichts der aktuellen Konfrontation gegenüber Russland „dringend erforderlich“.

    Das Interview mit Alfred Spieler zum Nachhören:

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    Tags:
    Wolgadeutsche, Russlanddeutsche, Rechte, Rente, Karl Marx, Wladimir Putin, Saratow, Russland