19:07 14 Dezember 2018
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    Israels Zuschauer während der Olympischen Spiele 1972 in München

    Münchner Olympia-Attentat: Der Tag, an dem Israels Hoffnung begraben wurde – EXKLUSIV

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    Israelische Athleten, die Augenzeugen des Terroranschlags während der Olympischen Spiele 1972 in München waren, haben exakt 46 Jahre danach mit Sputnik über ihre Erinnerungen an die schrecklichsten Tage ihres Lebens gesprochen. Der Schmerz sitzt bei vielen bis heute tief.

    Es war der 5. September 1972. Die Sportler des israelischen Olympiateams schliefen noch vor einem weiteren Wettkampftag in München, als palästinensische Terroristen der Organisation „Schwarzer September“ in ihr Quartier eindrangen und mehrere Mitglieder der Nationalmannschaft als Geiseln nahmen.

    Sputnik sprach mit zwei ehemaligen Mitgliedern der israelischen Olympia-Mannschaft, die Augenzeugen dieser tragischen Ereignisse waren, die einen nachhaltigen Schatten auf die Olympischen Spiele, das Symbol für die Verbundenheit der Völker, warfen. Die ehemaligen Olympioniken schildern, wie sie ihre Freunde verloren und wie dieser Tag ihr Leben veränderte.

    Überlebenskampf seit der Kindheit

    Shaul Ladany wurde 1936 in Jugoslawien geboren. Als die Nazis das Land 1941 angriffen, war er fünf Jahre alt. Die Luftwaffe bombardierte strategische Objekte des Landes. Auch sein Haus wurde dabei von einer Bombe getroffen.

    „Ich erinnere mich daran, wie wir uns im Badezimmer vor den Bomben versteckten. Wir hörten sehr lauten Lärm, meine Oma warf sich auf mich, um mich zu schützen. Wir wurden nicht verwundet. Das Geschoss schrammte an uns vorbei und traf den Keller, wo sich die meisten unseren Nachbarn versteckten. Es gab Opfer. So begann der Krieg.“

    Shaul Ladany
    © AFP 2018 / JACK GUEZ
    Shaul Ladany

    Shaul Ladany und seine Familie wollten sich mit seinem Vater in der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad treffen. Damals schickten die Nazis alle Juden an einen ihnen vorgegeben Ort. Jenen, die sich weigerten, wurde mit dem Tode gedroht. Doch jene, die gingen, landeten in der Gaskammer, erinnert sich Shaul Ladany.

    Die Familie flüchtete mit gefälschten Ausweisen ins besetzte Ungarn und erreichte Budapest. Doch 1944 griffen die Nazis Ungarn an, sie suchten nach allen Juden.

    „Meine Eltern versuchten, mich zu verstecken. Doch kurze Zeit später fand sich unsere Familie im Ghetto wieder. Später wurden wir ins KZ-Lager Bergen-Belsen im Norden Deutschlands gebracht.“

    Dort hatten sie das Glück, unter den wenigen zu sein, die dank einer geheimen Operation gerettet wurden. Die Aktion war von von amerikanischen Juden organisiert worden, die mit den Nazis die Freilassung einiger Gefangenen gegen Geld ausgehandelt hatten. Shaul Ladanys Familie zog in die Schweiz und überlebte somit die Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

    KZ-Lager Bergen-Belsen
    © AFP 2018 /
    KZ-Lager Bergen-Belsen

    Während des Studiums an der Columbia University in den USA und nach dem Abschluss hatte Ladany ein Hobby – Marathonläufe. Er begann seine Sportlerkarriere als Geher. Er brach einige Weltrekorde und nahm an den Olympischen Spielen in Mexiko teil.

    Im April 1972 stellte er einen Weltrekord auf, als er die nichtolympische Strecke von 50 Meilen in 7 Stunden, 23 Minuten und 50 Sekunden ging. Dieser Rekord besteht bis heute.

    Die schrecklichsten zwei Tage

    Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Belgrad zurück und beschloss einige Jahre später, nach Israel umzuziehen. In Israel wurde Shaul Ladany ins Olympiateam berufen. 1972 wurde die Mannschaft Opfer des Terroranschlags bei den Olympischen Spielen in München.

    Polizei auf dem Dach des Hauses, wo Sportler der israelischen Mannschaft gewohnten haben
    © AFP 2018 /
    Polizei auf dem Dach des Hauses, wo Sportler der israelischen Mannschaft gewohnten haben

    Die israelischeт Sportler wohnten in nebeneinander gelegenen zweigeschossigen Wohnungen, insgesamt gab es fünf davon. Am frühen Morgen des 5. Septembers 1972 drangen Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ in die erste und dritte Wohnung ein. Ladany befand sich mit Teamkollegen in der zweiten Wohnung. Während des Angriffs weckte ein Mitbewohner ihn auf und sagte, dass etwas passiert sei.

    „Ich kam direkt im Nachthemd zur Tür. Der Kamerad, der mich aufweckte, sagte, dass ein Trainer getötet wurde. Ich habe das nicht gesehen, sah jedoch in Richtung der ersten Wohnung und bemerkte, dass etwa fünf Meter vor mir ein Mann mit dunkler Haut stand.“

    Der Terrorist bemerkte Shaul Ladany nicht, weil er mit einer Wächterin sprach, die ihn bat, Mitarbeiter des Roten Kreuzes hineinzulassen, um den Verletzten zu helfen.

    „Der Terrorist weigerte sich. Dann appellierte die Frau an dessen Menschlichkeit, worauf er erwiderte, dass Juden selbst nicht menschlich wären. Ich wusste in dem Moment, dass etwas Schreckliches passiert, und schloss die Tür.“

    Ladany ging ins zweite Geschoss, wo sich andere Mitglieder der Mannschaft befanden. Als er sie über das Geschehene befragte, zeigten sie auf einen dunklen Fleck auf dem Fenster und erklärten, dass es das Blut des getöteten Trainers ist.

    „Ein Sportler sagte, dass wir den Raum verlassen müssen, und wir gingen ins erste Geschoss. Ich begann damit, meinen Sportdress direkt über mein Nachthemd anzuziehen. Der Rest rannte aus dem Gebäude.“

    Als sich Shaul Ladany anzog, beschloss er, das Gebäude nicht zu verlassen, sondern in die fünfte Wohnung zu gehen, wo sich der Chef ihrer Mission befand. Er ging an der dritten Wohnung vorbei, wusste aber nicht, dass sich dort ebenfalls Geiseln befanden.

    „Während des Terroranschlags war es nicht schrecklich, obwohl ich nur wenige Meter vom Terrorist entfernt war. Ich rannte nicht weg, ging in die fünfte Wohnung, um sie zu warnen und sie zu retten.“

    Danach verließen sie alle das Gebäude.

    Wohnung, wo Mitglieder der Nationalmannschaft Israels als Geisel genommen wurden
    © AP Photo /
    Wohnung, wo Mitglieder der Nationalmannschaft Israels als Geisel genommen wurden

    Ausgang

    Ladany hatte seine eigene Version, warum die Terroristen die zweite Wohnung nicht angriffen. „An jedem Haus hing ein Schild mit den Namen jener, die dort wohnten. Ich bin mir sicher, dass die Terroristen im Voraus Informationen über die künftigen Opfer sammelten. Vielleicht erfuhren sie, dass in der zweiten Wohnung zwei Olympia-Schützen wohnten.“

    Ihm zufolge kannten die Terroristen anscheinend genau die Hausregeln im Olympia-Dorf und wussten, dass die Schützen Waffen in ihren Zimmern aufbewahren durften. Die Terroristen wollten also kein Risiko eingehen.

    Erst am nächsten Tag begriff Shaul Ladany überhaupt den Ernst der Lage, als Informationen eingingen, dass die Versuche der deutschen Polizei, die Gefangenen freizubekommen, gescheitert waren. Alle Geiseln wurden am Flughafen München bei einer gescheiterten Rettungsoperation getötet, als die Terroristen nach Kairo fliegen wollten.

    „Am 5. September wurde mein Name nicht in die Liste jener aufgenommen, die nicht als Geiseln genommen wurden. Am nächsten Tag schrieben viele Zeitungen, dass ich getötet worden wäre. Auch meine Frau wusste nicht, dass ich noch lebte, weil mein Name nicht auf der Liste war. Sie erfuhr es erst am 6. September.“

    Der Abschlusszeremonie in München wohnte der damalige deutsche Außenminister Walter Scheel bei, der später Bundespräsident wurde. Er drückte die Hände der überlebenden Mitglieder der Mannschaft. Anschließend kehrten die Sportler nach Israel zurück. Am Flughafen wurden sie von Tausenden Menschen empfangen.

    „Seit der Zeit ereignete sich viel in meinem Leben. Jetzt bin ich 82 Jahre alt, bin weiterhin aktiv im Gehen und nehme an Wettbewerben teil. Ich will in diesem Monat an einem Wettbewerb teilnehmen. Ich weiß natürlich, dass ich jetzt langsamer als früher bin. Wenn du 82 bist, sollte man nicht erwarten, dass du so schnell wie in der Jugend bist.“

    „Das Geschehene veränderte mein Leben. Ich bin sehr vorsichtig, kann jedoch nicht sagen, dass ich vor etwas Angst habe. Ich habe keine Angst vor dem Tod, bin aber vorsichtig. Ich bin stolz darauf.“

    einer der palästinensischen Terroristen der Organisation „Schwarzer September“
    © AP Photo / Kurt Strumpf
    einer der palästinensischen Terroristen der Organisation „Schwarzer September“

    Ein Albtraum, der Realität wurde

    Esther Roth-Schachamorow wurde 1952 in Tel Aviv geboren. Esther hatte sich für das Halbfinale im 100-Meter-Hürdenlauf qualifiziert. Einige Tage vor dem Wettbewerb schlief sie in ihrem Zimmer, als die Terroristen in das olympische Dorf eindrangen.

    „6 Uhr in der Frühe klopfte es an meiner Tür, mir wurde gesagt, dass Männer aus unserer Nationalmannschaft als Geiseln genommen wurden. Ich konnte das nicht glauben. Ich begann zu fragen, wer hinter der Tat steht und wie es dazu kam. Ich hatte keine Ahnung, wie ich reagieren sollte.“

    Ihr wurde gesagt, dass sie ihre Sachen packen soll, weil sie an einen sicheren Ort mit anderen israelischen Sportlern gebracht werden sollte.

    Die Frauen und Männer der israelischen Mannschaft wohnten getrennt in verschiedenen Gebäuden. Als sie rausgebracht wurden, liefen sie etwa 200 Meter am Anschlagsort vorbei und wussten nicht, was genau sich dort ereignete. Sie erfuhren die Einzelheiten erst aus dem Fernsehen und Radio.

    Familien der Mitglieder der Nationalmannschaft Israels, die während der Olympischen Spiele 1972 in München als Geiseln genommen wurden
    © AFP 2018 /
    Familien der Mitglieder der Nationalmannschaft Israels, die während der Olympischen Spiele 1972 in München als Geiseln genommen wurden

    Die Terroristen forderten die Freilassung von rund 200 palästinensischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen. Andernfalls würden sie die Geiseln töten.

    „Bei diesem Terroranschlag habe ich meinen Trainer Amitzur Schapira verloren. Er sagte während meines ersten Trainings, dass er mich auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Ich war damals nur 19 Jahre alt. Weder ich noch jemand anderes konnte begreifen, dass sich so etwas Schreckliches bei den Olympischen Spielen ereignen konnte.“

    „Israel ist kein großes Land, wir trainierten alle an einem Ort und kannten uns gut. Unser Team bestand aus 22 Mitgliedern, wir verloren fast die Hälfte bei diesem Terroranschlag.“

    Esther wusste von Anfang an, wie bedrohlich die Situation war, weil bekannt wurde, dass zwei Mitglieder der Nationalmannschaft zu Beginn des Anschlags getötet wurden.

    „Als der Hubschrauber eintraf, um uns abzuholen, wollte ich nicht gehen, weil ich nicht gerettet werden wollte, während mein Trainer als Geisel gehalten wurde.“

    Geraubter Traum

    „Am nächsten Tag sollte ich am Wettbewerb teilnehmen, doch Regierungschefin Golda Meir verpflichtete alle Sportler dazu, nach Israel zurückzukehren. Zusammen mit uns wurden im Flugzeug die Leichname der Getöteten transportiert. Es war sehr bedrückend. Als wir am Flughafen landeten, trafen wir sehr viele Menschen, ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten.“

    Die Opfer wurden schnell beerdigt. Roth-Schachamorow sagt, dass sie diesen Tag nie vergessen wird.

    „In diesen Momenten weiß man nicht, was man tun und was man fühlen soll. Ich fragte mich, wie die Olympischen Spiele nach einem solchen schrecklichen Vorfall überhaupt fortgesetzt werden können.“

    Kurze Zeit später erklärten alle israelischen Athleten, darunter Esther, ihren Rücktritt von den offiziellen Wettbewerben. Doch nach einigen Monaten wurde ihr klar, dass sie ihren getöteten Trainer ehren will – und zwar mit ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen 1976 in Montreal. Esther bereitete sich auch auf die Spiele 1980 in Moskau vor, doch Israel boykottierte diese wie viele westliche Länder wegen des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan. „Ich träumte von meinen ersten Olympischen Spielen und bereitete mich fleißig darauf vor. Ich brach den Rekord, war nur einen Schritt vor dem Finale, und dann geschah das. Unsere Mannschaft war sehr glücklich gewesen. Zuvor hatte Israel keinen Erfolg bei Olympischen Spielen, und damals waren wir uns sicher, dass wir viel erreichen werden. Wir hatten große Hoffnungen, und die Terroristen haben sie getötet.“

    Särge der Mitglieder der Israels Nationalmannschaft
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    Särge der Mitglieder der Israels Nationalmannschaft
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    Tags:
    Terror, Nationalmannschaft, Geiselnahme, Israel, Palästina