03:01 13 Dezember 2018
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    Was macht den Deutschen am meisten Angst: Trump, Arbeitslosigkeit oder Russland?

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Eine deutschland- und weltweit einmalige Umfrage erfasst seit Jahren die Ängste der Deutschen. Die R+V Versicherung gibt sie seit 1992 in Auftrag. In diesem Jahr haben die Auftraggeberin und der auswertende Politikwissenschaftler Manfred Schmidt „überraschende Ergebnisse“ vorgestellt. Diese kommen auch durch eine erstmals gestellte Frage zustande.

    Die Mehrheit der Bundesbürger hat vor allem Angst vor den Folgen der Politik von US-Präsident Donald Trump. 69 Prozent der Deutschen macht Trumps Politik laut einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage am meisten Angst. Auf Platz zwei der Liste der größten deutschen Ängste stehen die vor den Folgen der Zuwanderung: dass die Flüchtlinge die Deutschen und die Behörden überfordern (63 Prozent) und dass der Zuzug von Ausländern zu Spannungen führt (63 Prozent). Auf Platz vier steht die Angst vor überforderten Politikern (61 Prozent).

    Professor Manfred G. Schmidt, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, bei der Vorstellung der Studie
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Professor Manfred G. Schmidt, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, bei der Vorstellung der Studie

    Die 27. Ausgabe der repräsentativen Umfrage „Die Ängste der Deutschen“, erarbeitet im Auftrag der R+V Versicherung, wurde am Donnerstag in Berlin vorgestellt. Die deutschlandweit und weltweit einmalige Umfrage wird seit 1992 jährlich durchgeführt.

    Ihr zufolge haben die Deutschen aktuell mehrheitlich weniger Angst um ihre soziale Lage als vor Trump, den Folgen der Zuwanderung und unfähigen Politikern. Der mögliche eigene Pflegefall im Alter landet mit 52 Prozent nur auf Platz 10. Die Ängste vor höherer Arbeitslosigkeit in Deutschland (Platz 17 mit 29 Prozent) und eigener Arbeitslosigkeit (Platz 20 mit 25 Prozent) werden nicht von einer Mehrheit geteilt. Selbst die Angst vor Straftaten landete mit 28 Prozent weit hinten.

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    Interessante Reihenfolge

    Für die Studie wurden im Juni und Juli bundesweit mehr als 2300 Personen ab 14 Jahren befragt. Die Ergebnisse seien für die gesamte Bundesrepublik, ebenso jeweils für West- und Ostdeutschland repräsentativ, erklärte der für die Auswertung verantwortliche Politologe Manfred Schmidt von der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg.

    Erst nach der Angst vor überforderten Politikern folgt der Umfrage nach die vor Terrorismus (59 Prozent). Die Kosten für die Steuerzahler durch die EU-Schuldenkrise machen 58 Prozent der Deutschen Angst, danach der nicht näher definierte politische Extremismus (57 Prozent) und die Naturkatastrophen (56 Prozent). Auf Platz neun und zehn der Angstquellen folgen die Schadstoffe in Nahrungsmitteln (55 Prozent) und der Pflegefall im Alter.

    Russland als Angstgrund taucht in der Liste nicht auf, während die angekündigte Aufrüstung der Nato und auch der Bundeswehr mit der angeblichen russischen Gefahr begründet wird. So fordert aktuell eine regierungsfinanzierte Politikwissenschaftlerin in der Zeitschrift „Internationale Politik“ eine zentrale Rolle Deutschlands bei der „Abschreckung gegen Russland“. Den Deutschen scheint das Land hingegen mehrheitlich weniger Sorgen zu machen.

    Überraschende Ergebnisse

    Politologe Schmidt zeigte sich von den Ergebnissen der Umfrage in diesem Jahr ebenso überrascht wie Brigitte Römstedt, die das Infocenter der R+V Versicherung leitet. Werte nahe an den 70 Prozent sowie viele über 50 Prozent seien seit 1992 eher selten gewesen, sagte Römstedt, die die Studie mit vorstellte.

    Die Frage nach der US-Politik sei zum ersten Mal gestellt worden, hieß es. Für Schmidt hat die dominierende Angst vor der Politik von Trump ihre Wurzeln in der negativen Grundeinstellung vieler Deutscher gegenüber dem derzeitigen US-Präsidenten. „Hätten die Deutschen den Präsidentschaftswahlkampf in den USA bestimmt, hätten 90 Prozent Hillary Clinton gewählt, sagen uns die Fachleute.“

    Die große Mehrheit der Befragten sei nun „alarmiert“, so Schmidt, weil nach ihrem Eindruck die internationale Politik durch Trump gefährlicher wird. Laut dem Heidelberger Politologen bereiten Trumps „vehemente Angriffe“ gegen die Europäische Union, die deutsche Exportwirtschaft und die Nato vielen Sorgen. Das stelle „Pfeiler der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik in Frage“.

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    Bestätigter Trend

    Hierin scheint sich die Bevölkerungsmehrheit einig mit den deutschen Eliten in Politik und Medien. Das könnte ein Beleg dafür sein, wie es Letzteren gelingt, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Im Sputnik-Interview bestätigt Schmidt indirekt: „Die Medien sind natürlich eine der ganz zentralen Informationsquellen für die Befragten.“ Aber das direkte Umfeld der Menschen wie Familie und Bekannte sei dabei ebenso wichtig, „das, was die Wortführer in diesen Kreisen sagen“.

    Dieses Umfeld wiederum dürfte mit zu den Quellen für die ermittelten massenhaften Ängste aufgrund der Zuwanderung gehören. Die neue Umfrage bestätigt den Trend seit der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015. Eigentlich sei die Bundesrepublik seit ihrer Gründung vor fast 50 Jahren Einwanderungsland, erinnerte R+V-Vertreterin Römstedt. Lange Zeit hätten die entsprechenden Werte bei der Umfrage um die 40 Prozent gelegen.

    „Lange Zeit war es die Einwanderung von deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen“, sagte Politologe Schmidt dazu. Die Herausforderungen seien nun „viel, viel größer, weil es auch um große kulturelle Unterschiede geht“. 2015 sei die „unkontrollierte Massenzuwanderung“ für viele Deutsche eine ihrer Hauptsorgen geworden. Die Ängste würden durch Ereignisse wie Terror oder Fälle von Gewalt durch Migranten gegen Deutsche noch zugespitzt.

    Geringere Ängste

    Das würde sich ebenso auf die Meinung über die Politiker auswirken, betonte R+V-Vertreterin Römstedt. Die Befragten konnten den Politikern in Regierung und Opposition Schulnoten vergeben: Das Gesamtergebnis liegt laut der Studie bei 4,3, also bei „mangelhaft“.

    Die Ängste vor Terrorismus seien im Vergleich deutlich zurückgegangen, hieß es bei der Vorstellung der Umfrage. Der entsprechende Wert von aktuell immer noch 59 Prozent sei aber um immerhin zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Dagegen stiegen die Ängste vor den Folgen der Zuwanderung gegenüber 2017 wieder an.

    Die Angst vor eigener Arbeitslosigkeit hat ein Rekordtief erreicht, stellte Römstedt fest. Die wirtschaftlichen Ängste seien insgesamt zurückgegangen. Bis 2010 sorgten noch die steigenden Lebenshaltungskosten und die Wirtschaftslage für die Top-Ängste. Auch die Angst vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung ist der Umfrage nach um elf auf aktuell 35 Prozent deutlich zurückgegangen.

    Politische Konsequenzen

    Die geringeren sozialen Ängste in der deutschen Bevölkerung dürften auch ein Problem für das politische Projekt der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ werden. Die Bewegung will ausdrücklich die soziale Frage wieder in den Mittelpunkt der Politik rücken, wie Mitinitiatorin Sahra Wagenknecht am Dienstag erklärte.

    Dagegen kann sich jemand wie Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit seiner Behauptung, die Migration sei die „Mutter aller Probleme“, anscheinend auf eine Bevölkerungsmehrheit berufen. Die Formel Seehofers sei allerdings „völlig überzogen“, erklärte Schmidt auf Sputnik-Nachfrage. Aber Flucht und Zuwanderung blieben eine große politische Herausforderung, was sich auch an den Verschiebungen im Parteienspektrum zeige. Der Politologe berichtete aus seiner Heimatregion in Baden-Württemberg, dass die AfD dort 2017 die meisten Wählerstimmen von gewerkschaftlich organisierten Arbeitern bekommen habe.

    Regionale Unterschiede

    Die Umfrage hat erkennbare regionale Unterschiede bei den Ängsten ergeben. Am wenigstens ängstlich zeigen sich danach die Menschen in Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Hamburg. Die Bewohner Sachsen-Anhalts zeigen sich als die mit den meisten Ängsten, gefolgt von jenen in Thüringen, Sachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

    Im Ost-West-Vergleich zeigt sich durch die Umfrage, dass mehr Westdeutsche Angst vor Trumps Politik haben, während Ostdeutsche mehr Angst vor den Folgen der Zuwanderung haben, aber auch vor überforderten Politikern. Die Angst, im Alter zum Pflegefall zu werden, beschäftigt ebenfalls mehr Ost- als Westdeutsche.

    Die Autoren der Studie haben erstmal auch einen anderen Vergleich gezogen: Der Süden der Bundesrepublik zeigt sich leicht ängstlicher als der Norden. In Letzterem haben im vergleich mehr Menschen Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit, sozialen Problemen und Straftaten. Die Süddeutschen haben dagegen mehr Angst vor Überforderung durch Flüchtlinge, den Folgen der EU-Schuldenkrise und überforderten Politikern und politischem Extremismus.

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    Notwendige Warnsignale

    Politikwissenschaftler Schmidt sieht die vorgestellten Ergebnisse über die Ängste der Deutschen als „Warnsignale für Öffentlichkeit und Politik“. Die Studie zeige, „was die Bevölkerung wirklich umtreibt“, und informiere über „große Probleme“, die viele als lösungsbedürftig ansehen würden. Beim „außenpolitischen Großproblem“ Trump sei dies schwierig, so der Politologe, der sich auch bei innenpolitischen Problemen wie der Zuwanderung skeptisch zeigte.

    Im Sputnik-Interview warnte er jedoch auch vor Alarmismus und davor, angesichts der Probleme in „Angststarre“ zu verfallen. Ängste seien auch ein „Schutzmechanismus für jedes System“, erklärte Schmidt mit Blick auf die Menschheitsgeschichte. „Es ist gut, wenn jemand sensibel genug ist, zu sehen: Es gibt eine Bedrohungslage.“

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Manfred G. Schmidt zum Nachhören:

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    Tags:
    Gefahr, Krieg, Bedrohung, Arbeitslosigkeit, Zuwanderung, Deutschland, Russland