07:47 16 Oktober 2018
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    Migranten in Europa (Archiv)

    Größer als der Hass: Positive Stimmung gegenüber Migranten in Deutschland

    © AP Photo / Boris Grdanoski
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Gibt die öffentliche Debatte um die Einwanderungsgesellschaft die Stimmung in der Bevölkerung richtig wieder? Das „Integrationsbarometer 2018“ sorgt für Zweifel daran. Es zeigt: Wer im Alltag Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft erlebt, denkt zumeist anders darüber, als Politiker behaupten. Die Soziologin Claudia Diehl erklärt die Stimmung.

    Das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft der Bundesrepublik wird von einer Mehrheit der Bevölkerung positiv gesehen. Die Alltagserfahrungen im Zusammenleben werden deutlich besser eingeschätzt, als es der öffentliche Diskurs erscheinen lässt. Das gehört zu den Ergebnissen des kürzlich veröffentlichten „Integrationsbarometers 2018“.

    Die Studie hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) durchführen lassen und vorgestellt. Dafür wurden nach 2016 zum zweiten Mal bundesweit Personen mit und ohne Migrationshintergrund zum Stand der Integration befragt.

    Ja zu Flüchtlingen

    Dabei kam unter anderem heraus: „Menschen mit wie ohne Migrationshintergrund bewerten das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft insgesamt weiterhin positiv. Dies gilt besonders dort, wo kulturelle Vielfalt im Alltag erlebt wird. Dass Menschen im Osten Deutschlands das Zusammenleben skeptischer bewerten als im Westen, lässt sich vor allem mit geringerem Kontakt zu Zugewanderten erklären. Ein niedriger Bildungsstand und/oder Diskriminierungserfahrungen führen eher zu einer negativen Einschätzung. Insgesamt kommen Frauen zu einem positiveren Urteil als Männer. Gegenüber Flüchtlingen ist die Haltung der Bevölkerung differenziert: Die Mehrheit will weiter Flüchtlinge aufnehmen, aber ihren Zuzug begrenzen.“

    Es seien 2017 mehr als 9000 in Deutschland lebende Menschen mit und ohne Migrationshintergrund befragt worden, erklärte Claudia Diehl gegenüber Sputnik. Die Soziologie-Professorin an der Universität Konstanz ist Mitglied des SVR.

    Andere Alltagserfahrungen

    Im Vergleich zur ersten Befragung vor zwei Jahren sei das sogenannte Integrationsklima stabil geblieben, hob sie hervor. Bei der Vorstellung der Studie hieß es: „Damals wie heute überwiegt ein positives Bild vom Zusammenleben in Deutschland. Das gilt insbesondere für diejenigen, die kulturelle Vielfalt im Alltag erleben: Sie bewerten das Integrationsklima unverändert positiv. Eingetrübt hat sich das Integrationsklima in den Jahren 2016 und 2017 dort, wo der Integrationsalltag nicht persönlich erlebt wird. Dies erklärt zu einem erheblichen Teil den Unterschied in der Beurteilung zwischen Menschen im Osten und im Westen Deutschlands.“

    Das Klima habe sich auch in Folge der Grenzöffnung für Geflüchtete 2015 nicht verschlechtert, betonte Diehl. Dieser Befund widerspreche der „sehr aufgeregten öffentlichen Debatte“. Diese habe unter anderem Bundesinnenminister Horst Seehofer mit seiner Aussage, Migration sei die „Mutter aller Probleme“, zugespitzt. Die Alltagserfahrungen der Menschen in einem „diversen Land“ wie der Bundesrepublik würden dem widersprechen.

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    Hass im Osten wie im Westen

    Es gebe bei einzelnen Gruppen Unterschiede. So seien Frauen positiver eingestellt als Männer, so die Wissenschaftlerin. Der Unterschied zwischen den Alltagserfahrungen und dem öffentlichen Bild sowie der medialen Debatte habe etwas mit den konkreten Kontakten der Menschen zu tun. „Da läuft alles recht gut, bei allen Herausforderungen.“

    Diehl verwies auf besonders skeptische Einstellungen gerade bei Ostdeutschen ohne eigene persönliche Kontakte zu Angehörigen von Minderheiten. Diese seien offenbar der aufgeregten medialen Debatte besonders ausgesetzt. Aufgrund der Daten könnten aber nicht Ereignisse wie die jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz erklärt werden. Hassattacken auf Geflüchtete und Menschen augenscheinlich anderer Herkunft gebe es in Ost- wie in Westdeutschland, stellte die Soziologin klar.

    Mischung aus Faktoren

    Auch andere Studien hätten bestätigt, dass direkte Kontakte zwischen den Menschen sich positiv auswirken. Das trage zum Ost-West-Unterschied in der Stimmung bei. Bei den Ostdeutschen käme womöglich ein Gefühl, abgehängt zu sein, und Neidgefühle angesichts zum Teil „wilder Vorstellungen“, was Geflüchtete an Unterstützungsleistungen bekommen, hinzu. „Diese Konstellation aus wenig Kontakt, wenig positiver Alltagserfahrungen und der aufgeregten medialen Debatte führt zu skeptischeren Einstellungen.“ Es sei eine soziologische Grunderfahrung, dass Menschen die globale Situation schlecht einschätzen, ihre eigene Situation aber als gut beschreiben.

    Das SVR-Integrationsbarometer zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Einstellungen zu jüngst Zugewanderten und den vor längerer Zeit gekommenen Migranten. „Die Befragten ohne Migrationshintergrund meinen ebenso wie die Befragten mit Hintergrund mehrheitlich, dass die Kriminalität durch seit längerem in Deutschland lebende Migranten und ihre Nachfahren nicht gestiegen sei. Das gilt für alle Herkunftsgruppen“, erklärte der SVR-Vorsitzende Thomas Bauer dazu. „Bezogen auf die Gruppe der Flüchtlinge ist die Bevölkerung in dieser Frage jedoch unentschieden – und die Spät-Aussiedler sind sogar mehrheitlich davon überzeugt, dass durch Flüchtlinge die Kriminalität zugenommen habe.“

    Skeptische Spätaussiedler

    Soziologin Diehl ergänzte dazu, dass Spät-Aussiedler wie die Russlanddeutschen zum Teil gegenüber den Geflüchteten skeptischer sind, weil sie selbst rechtlich als Deutsche in die Bundesrepublik kamen – „um hier als Deutsche unter Deutschen zu leben“. Sie hätten aber oft selbst die Erfahrung gemacht, dass sie nicht dazu gehören und oftmals als „Russen“ bezeichnet werden. „Das ist ein Problem für diese Gruppe.“

    Die Wissenschaftlerin vermutet, dass diese Ausgrenzungserfahrung von den Betroffenen weitergegeben werden, die dann sagen: „Wir sind eigentlich die guten Einwanderer, und mit jenen, die die Probleme bereiten, wollen wir nicht über einen Kamm geschoren werden.“ Generell sei ein bekannter Befund aus der Migrationsforschung: „Die Letzten, die gekommen sind, sind immer die, die am skeptischsten beurteilt werden.“ Das sei auch in den USA zu beobachten, einem klassischen Einwanderungsland.

    Die Rolle von Medien und Politik in der öffentlichen Debatte um Zuwanderung und Integration sieht die Wissenschaftlerin sehr kritisch. Wenn Menschen keine eigene Alltagserfahrung mit kultureller Vielfalt hätten und ihnen gleichzeitig von gesellschaftlichen Autoritäten von massiven Problemen erzählt werde, fehle ihnen die Möglichkeit, die Realität zu überprüfen.

    Große Aufgabe

    Für Diehl ist es eine politische Konstruktion, dass Migration und Integration die wichtigsten politischen Themen seien. Über andere große gesellschaftliche Probleme wie den Klimawandel würden Politiker viel weniger sprechen. Sie sollten sich besser „auf die Probleme konzentrieren, die sie lösen müssen und können“. Integration sei eine „große Aufgabe“, aber für die dabei aktiven Menschen wie Lehrer sei es frustrierend, wenn Politiker wiederholt von einem „unlösbaren Problem“ sprechen. „Das senkt auch die Motivation, sich zu engagieren.“

    Die öffentliche Debatte um Zuwanderung, Flucht und Integration müsse versachlicht werden, meint die Wissenschaftlerin vom SVR. Die eine Seite würde von Migration als „Mutter aller Probleme“ und einem angeblichen Kontrollverlust des Staates sprechen. Die andere Seite würde in der Reaktion bestimmte Probleme herunterspielen und nur von einer Bereicherung der Gesellschaft und offenen Grenzen reden.

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    Mühsamer Prozess

    „Beides überzeugt die Menschen nicht“, ist sich Diehl sicher. Die Migrationsforschung zeige dagegen: „Migration ist immer für die Betroffenen und die Mehrheitsgesellschaft eine Herausforderung. Integration ist ein mühsamer Prozess, den auch nicht alle schaffen.“ Unter einer Million neuer Zuwanderer seien auch „böse Buben“, die Probleme verursachen.

    Integration sei ein Projekt für mehrere Generationen, stellte die Soziologin fest. So funktioniere es „meist ganz gut“. Die Kinder der Eingewanderten würden häufig die Chancen in der neuen Heimat sehen und nutzen. Sie hätten „starke Anreize, sich zu integrieren, gut in der Schule zu sein, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“. Die Mehrheitsgesellschaft müsse aber zeigen, dass sie offen dafür ist, und sagen: „Wenn ihr euch anstrengt, habt ihr hier eine realistische Chance.“ Die SVR-Expertin fügte hinzu: „Das ist das, was wir hinkriegen müssen. Und vielleicht reißen sich jetzt alle nach den letzten erhitzten Debatten etwas am Riemen und versuchen stärker, diese Botschaft zu vermitteln.“ Dafür sei das SVR-Integrationsbarometer eine wichtige Überzeugungshilfe.

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    Tags:
    Ossi, Integration, Einwanderung, Bevölkerung, Migranten, Deutschland, USA, Russland