07:19 16 Oktober 2018
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    ein Mann in Berlin (Symbolbild)

    Armut trotz Arbeit: Lebenswirklichkeit für Millionen

    © AP Photo / Markus Schreiber
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Eine „keineswegs kleine soziale Gruppe“ von arbeitenden Menschen lebt aufgrund niedriger Einkommen und instabiler Beschäftigung in prekären Verhältnissen. Eine Studie hat nun erstmals erfasst, wie viele Menschen in der Bundesrepublik davon betroffen sind. Die Autoren warnen vor den Folgen für den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

    Etwa zwölf Prozent der Erwerbstätigen – ungefähr vier Millionen Menschen – leben und arbeiten dauerhaft in prekären Umständen. Das bedeutet konkret: Über mehrere Jahre ein Job ohne Perspektive, zu wenig Einkommen und mangelhafte soziale Absicherung. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) geförderte und am Montag veröffentlichte Studie.

    Die Autoren um die Wissenschaftler Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Markus Promberger von der Universität Erlangen-Nürnberg machen darauf aufmerksam, dass es bis heute für den vielbenutzten Begriff „Prekariat“ keine allgemeinverbindliche Definition gibt. Klar sei immerhin: Betroffen seien jene abhängig Beschäftigten und Selbständigen, die zwischen der sozial abgesicherten Mehrheit der Erwerbstätigen und den beinahe gänzlich aus dem Erwerbszusammenhang Ausgeschlossenen, etwa Langzeitarbeitslosen, stehen. Sie würden sich in wechselnden, schlecht bezahlten Jobs abstrampeln, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen.

    Verschiedene Faktoren

    Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) liegt prekäre Beschäftigung vor, wenn abhängig Beschäftigte „nur schlecht oder gar nicht von ihrem Einkommen leben können, die Arbeit nicht auf Dauer angelegt ist oder sie unfreiwillig teilzeitbeschäftigt sind. Dazu gezählt werden Leih- und Zeitarbeit, Beschäftigung im Niedriglohnsektor, unfreiwillige Teilzeit, Minijobs oder geförderte Arbeitsgelegenheiten. Auch Selbständige können prekär beschäftigt sein, wenn sie beispielsweise als Scheinselbständige von nur einem Auftraggeber abhängig sind.“

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    Dennoch leben nicht alle befristet Beschäftigten, Leiharbeiter, Minijobber oder mit geringem Erfolg Selbständigen automatisch in prekären Umständen, so das Forscherteam der Studie. Wenn jemand beispielsweise vorübergehend prekär beschäftigt sei, jedoch in einem relativ wohlhabenden Haushalt lebe, lasse sich nicht von prekären Lebensumständen sprechen. Für diese müssen verschiedene Faktoren für einen längeren Zeitraum zusammentreffen.

    Die Wissenschaftler haben eine Reihe sozialer Faktoren zusammengestellt, die als Indizien für ein prekäres Leben dienen können. Dazu gehören Niedriglohn und ein Jahreseinkommen unterhalb des Grundfreibetrages, ein unsicherer Job oder fehlender Kündigungs- und Sozialversicherungsschutz. Ebenso zählt dazu, wenn der ausgeübte Beruf ein erhöhtes Erwerbslosigkeitsrisiko aufweist. Auf die Haushalts- und Lebenssituation der Betroffenen bezogen geht es um Armut, schlechte und beengte Wohnverhältnisse oder auch Überschuldung.

    Frauen am meisten betroffen

    Anhand repräsentativer Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) haben die Wissenschaftler berechnet, wie groß die Gruppe ist, die längerfristig sowohl von prekärer Beschäftigung als auch von einer prekären Haushaltslage betroffen ist. Dem liegen die repräsentativen Angaben von fast 10.000 Personen zugrunde, die in einem Beobachtungszeitraum von zehn Jahren mindestens einmal erwerbstätig waren. Der Untersuchungszeitraum reicht von 1993 bis 2012.

    Der Studie nach waren 12,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung innerhalb von zehn Jahren überwiegend prekär beschäftigt und lebten unter prekären Bedingungen. „Unter ihnen bilden Frauen im Haupterwerbsalter, die meistens Kinder und mal keinen, mal einen schlechten Job haben, mit 6,7 Prozent der Erwerbstätigen die größte Teilgruppe“, so die Autoren. Die zweitgrößte Gruppe bestehe aus „Vätern in anhaltend prekärer Lage“, denen es selbst bei dauerhafter Erwerbstätigkeit nicht gelingt, „gemeinsam mit der Partnerin die Familie sicher zu versorgen“. Sie würden 4,3 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen.

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    Weitere 1,3 Prozent würden auf junge Männer ohne abgeschlossene Berufsausbildung entfallen. Allen drei Gruppen sei es in den zehn Jahren unter den jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht gelungen, ihre prekären Lebens- und Erwerbsumstände zu verbessern. Deshalb könne diese soziale Gruppe als „Prekariat“ bezeichnet werden. Betroffen seien noch mehr Menschen, wenn jene einbezogen werden, die kurz- oder mittelfristig prekär beschäftigt sind und vorübergehend in prekären Haushaltslagen leben.

    Politik muss Lebenslagen verbessern

    Die festgestellten Fakten können für den sozialen Zusammenhalt in Deutschland entscheidend sein, so die Sozialforscher. Es gehe darum, „inwieweit die Angehörigen dieser neuen sozialen Gruppe sich als vollwertiger Teil der Gesellschaft oder als unterprivilegiert oder teilweise ausgeschlossen wahrnehmen“. Durch Arbeits- und Sozialpolitik müsse „diese besondere, keineswegs kleine soziale Gruppe“ von arbeitenden Menschen mit niedrigem Einkommen und instabiler Beschäftigung besser gestellt werden als bisher.

    Die Wissenschaftler fordern von der etablierten Politik, dieses Problem nicht zu ignorieren, „das in der zahlenmäßigen Größenordnung dem Problem des Hartz-IV-Bezugs ähnelt“. Der Mindestlohn sei für diese Gruppe eminent wichtig, könne aber das Problem nicht allein lösen. Die Autoren fordern dazu auf, über eine „solidarische Lohn- und Steuerpolitik mit Umverteilungskomponenten in Richtung von Geringverdienern“ und ihren Haushalten zu wirken. Zudem müsse das Arbeitsrecht verändert werden, indem Befristungen eingeschränkt, Regeln für Leiharbeit und Werkverträge aufgestellt sowie der Zugang zum Arbeitslosengeld für Menschen mit regelmäßigen Erwerbsunterbrechungen erleichtert werden.

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    Tags:
    Hartz IV, Mindestlohn, Soziales, Arbeitslosigkeit, Armut, Deutschland