11:48 17 Oktober 2018
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    Parade der Wehrmacht-Truppen in Berlin 1943

    Birkenrindenbriefe eines Wehrmachtoffiziers an russisches Militärarchiv übergeben

    © AFP 2018 / Archiv
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    Nikolaj Jolkin
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    Dietmar Wechtler, Sohn des ehemaligen Offiziers der 45. Infanterie-Division der Wehrmacht, Michael Wechtler, der am Sturm der Festung von Brest an der Grenze zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Juni 1941 beteiligt war, hat dem Russischen Staatlichen Militärarchiv seine Privatsammlung von Fotoaufnahmen als Geschenk überlassen.

    Damit wolle er das Werk seines Vaters fortsetzen, sagte er im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin. Ein Teil des Familienarchivs befindet sich schon im Museum Brest und im Staatsarchiv Wien. Jetzt habe er Fotos, die sein Vater gemacht hatte und die ihm Frontkameraden überlassen hatten, dem Moskauer Archiv übergeben. Unter den Dokumenten der damaligen Zeit gibt es auch drei Postkarten seines Vaters an seine Mutter auf Birkenrinde geschrieben.

    „Mein Vater lag, bevor der Kampf gegen Russland losging, in einem Birkenwäldchen vor Brest. Das waren ein paar Tage. Und er hat die Rinde von den Birken abgeschält und darauf an seine Mutter geschrieben.“

    An diesen drei Dingen habe Dietmar Wechtler sehr gehangen und tue es immer noch: „Aber ich kann mir vorstellen, dass es in einem Archiv – ich konnte mich letztes Jahr davon überzeugen – gut aufbewahrt ist und gut und mit Respekt damit umgegangen wird. Ich hoffe, dass man mithilfe dieser Dinge lernt, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.“

    D.Wechtler (r.) übergibt Birkenrindebriefe seines Vaters an den Vize-Chef des Militärarchivs Korotajew
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    D.Wechtler (r.) übergibt Birkenrindebriefe seines Vaters an den Vize-Chef des Militärarchivs Korotajew

    Der Gast Moskaus bedauert, dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im heutigen Deutschland nicht mehr so lebendig ist, wie es sein müsste: „Die Jugend beschäftigt sich lieber mit ganz anderen Dingen als mit Geschichte. Es gibt Leute, die sich für Geschichte interessieren, und es gibt Leute, die sich für Computer interessieren, und da spielt dann die Geschichte leider keine Rolle mehr.“

    Zur Geschichtsfälschung in einigen Ländern und den Kampf gegen die Denkmäler für sowjetische Soldaten bemerkte Wechtler, dass man vor anderer Meinung immer Respekt haben sollte:

    „Dann kommen solche Schmierereien und Zerstörungen nicht mehr vor. Wenn jemand eine andere Meinung hat, heißt das nicht, dass man mit ihm Krieg führen muss. Man kann sich erstmal mit ihm unterhalten. Es ist wichtig, dass man miteinander spricht.“

    Die Aktion der Übergabe von Dokumenten bewertend, unterstrich Gleb Semjonow, Erzpriester der Russischen Orthodoxen Kirche und studierter Historiker, dass Deutschland wohl das herausragende Beispiel für die sittliche Einschätzung der eigenen Geschichte liefere: „Dazu waren Mut und ein gewisser gesunder Menschenverstand erforderlich. Und nicht nur die hochrangigen Politiker Deutschlands, sondern auch die ganze deutsche Nation haben dies an den Tag gelegt. In dieser Hinsicht wurde gewiss ein Vorbild gegeben.“

    • Birkenrindebriefe
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    Mehrere Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg bilde die jetzige Aktion, so der Geistliche, eine logische Fortsetzung des Umdenkens, das bei den Deutschen noch während des Krieges begonnen habe. Er erinnerte sich an seine Treffen mit dem Generalobersten Schumilow, der seinerzeit die Stalingrader Front kommandiert hatte und an der Gefangennahme von Feldmarschall Paulus beteiligt war. Der General erzählte, dass, nachdem Paulus in die damalige DDR zurückgekehrt war, er paradoxerweise weiterhin mit seinem sowjetischen Gegner Umgang gepflegt habe.

    Deutsche Delegation
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Deutsche Delegation

    Semjonow fuhr fort: „Dieser Umgang lässt sich freundschaftlich nennen, da der Feldmarschall die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges neu bewertet, ihre objektive Bedeutung eingesehen hatte. Auch seine Memoiren zeugen davon. Den ersten Schritt zu diesem moralischen Umdenken hatte Paulus im belagerten Stalingrad getan, unter dem Donner der einschlagenden Geschosse. Damals hatte er eine dramatische Entscheidung zu treffen, nachdem ihm der Marschallstab von einem Flugzeug abgeworfen worden war. Dadurch wurde er verpflichtet, auf die scheinbar entwürdigende Kapitulation zu verzichten. Dies war offenbar ein Anstoß zum Umdenken.“

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    Tags:
    Erinnerungen, Dokumente, Archiv, Offizier, Briefe, Geschichte, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Rote Armee, Wehrmacht, Friedrich Paulus, Drittes Reich, Sowjetunion, DDR, Stalingrad, Wien, UdSSR, Österreich, Deutschland, Russland