20:57 16 Oktober 2018
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    Menschen in Berlin (Symbolbild)

    Einheit mit Lücken: Vor allem soziale Unterschiede zwischen Ost und West

    © AFP 2018 / JOHANNES EISELE
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Am 3. Oktober jährt sich zum 28. Mal die deutsche Wiedervereinigung. Aktuelle Zahlen und Statistiken geben einen Einblick in die Lebenssituation und Einstellungen der Deutschen in West und Ost. Sie zeigen, wie weit sich die Lebenslagen angeglichen haben, aber ebenso machen sie anhaltende Unterschiede deutlich. Eine Studie gibt einen Ausblick.

    Insgesamt rund 82,6 Millionen Menschen leben gegenwärtig in der Bundesrepublik. Davon leben 66,6 Millionen Personen (80,5 Prozent) in den westdeutschen Bundesländern, während 16,2 Millionen Personen (19,5 Prozent) in den ostdeutschen Ländern und Berlin leben. Diese Zahlen aus dem Jahr 2017 veröffentlichte das Statistische Bundesamt (Destatis) am Montag mit Blick auf den 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit.

    Die Einwohnerzahl in Ostdeutschland und Berlin sei im Vergleich zu 1990 um rund zwei Millionen Personen (minus 11 Prozent) zurückgegangen. Dagegen verzeichne der Westteil des Landes rund fünf Millionen Menschen mehr als vor 28 Jahren (plus 8,2 Prozent). 1990 hatte den Angaben nach das vereinigte Deutschland mit 79,8 Millionen rund drei Millionen weniger Einwohner.

    Unterschiede bei den Generationen

    Die amtlichen Statistiker veröffentlichten interessante Zahlen zur Lebenssituation in Deutschland. Sie hatten zuvor bereits gemeldet, dass 2017 rund 17,7 Millionen Personen ab 65 Jahren in der Bundesrepublik lebten. Das ist etwa jeder und jede Fünfte (21,4 Prozent). Die Zahl der älteren Menschen habe sich innerhalb der letzten 20 Jahre um 36,6 Prozent erhöht (1997: 13,0 Millionen in der Generation 65+, 15,8 Prozent).

    In Brandenburg (+67,6 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (+61,1 Prozent) und Schleswig-Holstein (+49,8 Prozent) sei die Zahl der Senioren seit 1997 am deutlichsten gestiegen. Die Mehrheit der älteren Menschen sind Frauen. Sie stellen in der Altersgruppe einen Anteil von 56,4 Prozent.

    Die meisten Kinder in Ost und West wachsen mit verheirateten Eltern auf, berichten die Statistiker. Aber in fast jeder fünften Familie mit mindestens einem minderjährigen Kind (19 Prozent) sei im Jahr 2017 die Mutter oder der Vater alleinerziehend. Im Osten lag der Anteil von Alleinerziehenden an allen Familien bei 24,9 Prozent, im Westen bei 17,5 Prozent. An der Spitze ist dabei Berlin mit einem Alleinerziehenden-Anteil von 27,6 Prozent zu finden.

    Unterschiede in der sozialen Lage

    Die amtlichen Statistiker haben auch erfasst, wie viel Geld die Bundesbürger für ihr alltägliches Leben aufwenden. Danach lagen die durchschnittlichen Konsumausgaben der privaten Haushalte im Osten (2078 Euro) 2016 bei rund 80 Prozent des Westniveaus (2587 Euro). Trotz der Niveauunterschiede seien die Konsummuster in den beiden Landesteilen nahezu identisch: Für die Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Bekleidung verwendeten die privaten Haushalte durchschnittlich etwa die Hälfte ihrer gesamten Konsumausgaben (53,6 Prozent in West, 53,3 Prozent in Ost).

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    Die Unterschiede in der sozialen Lage machen weitere Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder deutlich. Danach ist der Anteil der von Armut bedrohten Menschen in Ostdeutschland weiter höher als im Westen – allerdings ist der Abstand kleiner geworden. Darauf hat laut der Nachrichtenagentur DPA die Linksfraktion im Bundestag am Montag aufmerksam gemacht.

    So waren der Meldung zufolge 2017 Jahr in den Ost-Ländern einschließlich Berlins 17,8 Prozent der Menschen armutsgefährdet – in Westdeutschland 15,3 Prozent. Binnen eines Jahres sei der Anteil im Osten um 0,6 Prozentpunkte gesunken, im Westen um 0,3 Punkte gestiegen. „Zehn Jahre vorher waren im Osten noch 19,5 Prozent der Menschen von Armut bedroht – im Westen nur 12,9 Prozent.“

    „Totalversagen der Bundesregierung“

    Deutlich höher als im Westen ist danach die Armutsgefährdung der 18- bis Unter-25-Jährigen im Osten. 2017 waren es den Angaben zufolge 33,7 Prozent in den neuen Ländern und 24,7 Prozent im Westen.

    Als von Armut bedroht gelten Menschen mit einem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens. Die Grenze wird für 2017 im Osten mit 915 Euro angegeben, im Westen mit 1025 Euro.

    Die Sozialexpertin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, warf laut DPA der Bundesregierung bei der Armutsbekämpfung „Totalversagen“ vor. „Über ein Vierteljahrhundert nach der Deutschen Einheit ist es nicht nachvollziehbar, dass es immer noch ein deutliches Einkommensgefälle zwischen West und Ost gibt“, sagte sie der Nachrichtenagentur.

    Unterschiede in den Einstellungen

    Das Ifo-Institut meldete dagegen am Montag, die Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen seien in vielen Bereichen „erstaunlich gering und werden immer kleiner“. Das sei das Ergebnis einer Studie über die Einstellungen und Verhaltensweisen der Bundesbürger im 28. Jahr der Einheit. Die Studie sei im Auftrag des Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Christian Hirte, erstellt worden.

    „Vor allem jüngere Menschen in beiden Landesteilen weisen ähnliche Einstellungen und Verhaltensmuster auf“, erklärte Helmut Rainer, Leiter des Forschungsprojekts. Dagegen würden ältere Menschen in Ostdeutschland, deren Leben noch in der DDR erfolgte, sich stärker von Gleichaltrigen im Westen unterscheiden. Laut Rainer stehen sie auch der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik „noch immer eher distanziert gegenüber“.

    „Größere Ost-West-Unterschiede“ machten die Studienautoren „vor allem beim Vertrauen, das Mitmenschen entgegengebracht wird“, aus. „Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Ausländer.“ So sei den Ostdeutschen ein Aussiedler, ein Italiener, ein Türke oder ein Asylbewerber als Nachbar deutlich weniger lieb als den Westdeutschen. Die Ifo-Wissenschaftler sehen als Ursache „rational schwer erklärbare Bedrohungsängste, aber auch eine geringe Vertrautheit mit der Nachbarschaft von Ausländern“. Das hat sich ihrer Meinung nach in den jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in ostdeutschen Regionen gezeigt.

    Schlechte Aussichten

    Laut Joachim Ragnitz, Ko-Autor der Studie, ist auch das Vertrauen in demokratische Institutionen im Osten geringer ausgeprägt. Die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement und zur Beteiligung an Wahlen sei in den ostdeutschen Ländern niedriger als in Westdeutschland. Gleichzeitig seien die Erwartungen an den Staat (insbesondere an eine Verteilungspolitik) „weiterhin höher – unter anderem als Reflex auf noch bestehende wirtschaftliche Unterschiede“. Das würde sich in den politischen Einstellungen zeigen, die laut Ragnitz im Osten eher dem „linken“ parteipolitischen Spektrum zuzuordnen sind.

    Die Ifo-Autoren meinten: „Die Ausgangsfrage ‚Wächst zusammen, was zusammengehört?‘ kann somit an vielen Stellen mit ‚Ja‘ beantwortet werden. Abgeschlossen ist der Annäherungsprozess jedoch noch nicht. Und es muss offen bleiben, ob dies je der Fall sein wird.“ Einen möglichen Ausblick, ob eine Annäherung zwischen Ost und West erfolgt, gab am Montag eine Studie der Prognos AG. Danach hat der Osten Deutschlands zwar wirtschaftlich aufgeholt, wird bald aber wieder zurückfallen.

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    „Bis 2045 nimmt das Gefälle nach unseren Prognosen wieder zu“, wird eingeschätzt. Grund sind Abwanderung und geringe Geburtenzahlen. Dabei werde es nicht nur ein West-Ost-Gefälle geben, sondern auch ein Süd-Nord-Gefälle. „In allen Ländern gleichermaßen ‚blühende Landschaften‘ gibt es heute genauso wenig wie langfristig bis 2045“, ist in der Prognos-Studie zu lesen.

    Liege die Wirtschaftsleistung pro Kopf im Osten einschließlich Berlins heute bei drei Vierteln des Westniveaus, sinke sie bis 2045 auf weniger als zwei Drittel und damit sogar unter den Wert aus dem Jahr 2000. „Bei einer Fortsetzung der bisherigen Politik werden sich die (materiellen) Lebensverhältnisse zwischen Ost und West nicht angleichen“, warnen die Autoren.

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    Tags:
    Arbeitsmigration, Lohn, Arbeitsmarkt, Vergleich, Armut, Ostdeutschland, BRD, DDR, Berlin