07:34 14 Dezember 2018
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    „DDR ist nicht die Ursache“ – Soziologe über Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Die typischen Ostdeutschen gibt es nicht, sagt der Soziologe Thomas Hanf. Er erklärt im Interview, warum das Klischee nicht stimmt, ebenso, wo die Ursachen für die im Osten verbreiteten ausländerfeindlichen Haltungen zu sehen sind. Zudem äußert er sich dazu, warum die AfD und nicht die Linkspartei im Osten punktet.

    Die offiziellen Feiern zur Deutschen Einheit am 3. Oktober stehen bevor. Derzeit macht die Lage in Ostdeutschland vor allem Schlagzeilen durch die jüngsten fremdenfeindlichen Ereignisse in Chemnitz oder die hohen Zustimmungswerte in Umfragen für die AfD. Der Berliner Soziologe Thomas Hanf ärgert sich darüber, dass solche Entwicklungen als „typisch ostdeutsch“ dargestellt werden. Das sei „weder in diesem Fall noch in anderen Fällen“ richtig, sagte er gegenüber Sputnik.

    Hanf leitet das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg (SFZ), das seit 1990 25 Jahre lang die Stimmung in den ostdeutschen Bundesländern untersuchte. Das fand Niederschlag in den „Sozialreporten“, die der ostdeutsche Sozialverband „Volkssolidarität“ und andere Institutionen herausgaben. Nach 2014 gab niemand mehr Geld dafür.

    Nur gemeinsame Herkunft

    Das Etikett „typisch ostdeutsch“ sei erst in den 1990er Jahren entstanden, im Westen wie im Osten, bemerkte Hanf im Interview. Die Ostdeutschen hätten nur die Herkunft in der DDR gemeinsam, soweit es die in dem untergegangenen Land geborenen Generationen betreffe.

    „Die ostdeutsche Gesellschaft selber ist inzwischen so unterschiedlich, sowohl in sozialer Hinsicht, in politischer Hinsicht wie in kultureller Hinsicht, dass man nicht von den Ostdeutschen und dem typisch Ostdeutschen sprechen kann. Das gilt auch in Bezug auf Chemnitz.“

    Hanf gestand aber ein, dass ausländerfeindliche Vorfälle sich im Ostteil der Bundesrepublik häuften. In den „Sozialreporten“ wurde wiederholt festgestellt, die Einstellungen der Ostdeutschen gegenüber Ausländern seien „erschreckend negativ“. Das ist zum Beispiel im „Sozialreport 2008“ nachzulesen. Vor zehn Jahren hieß es darin:

    „Es gibt in den neuen Bundesländern einerseits große Befürchtungen vor einem sich ausbreitenden Rechtsextremismus wie andererseits bei einem Teil der Bürger vorhandene (ungewollte) Bereitschaft, rechtsextremes Gedankengut zu ‚akzeptieren‘. Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern ist vor allem auf ausländerfeindliches/-unfreundliches Verhalten konzentriert. Jüngere Bürger stehen dem weniger nahe als ältere.“

    Es gebe eine „breite Palette vorhandener Auffassungen bei einzelnen Bürgern, die als rechtsextreme Positionen zu kennzeichnen sind, ohne dass dies dem einzelnen Bürger bis in die letzte Konsequenz bewusst ist“, stellten die Sozialwissenschaftler bereits damals fest. Das sorgte auch für entsprechende Resonanz in den gesamtdeutschen Medien. An diesem Befund dürfte sich kaum etwas geändert haben.

    Anhaltend hohe Ablehnung von Ausländern

    SFZ-Leiter Hanf bestätigte im Rückblick die Ergebnisse zu den ausländerfeindlichen Einstellungen. Die Ablehnung gegenüber Ausländern sei unter Ostdeutschen „anhaltend hoch“ gewesen, schätzte er ein. So habe 2005 fast die Hälfte der Bewohner des einstigen DDR-Gebietes gemeint, „hier leben zu viele Ausländer“. Das habe sich gegen Ende der Untersuchungen 2014 etwas verringert, auf etwa ein Drittel.

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    Die entsprechenden Einstellungen hätten sich nach 2015 wieder verschlechtert, befürchtet der Soziologe. Die DDR-Zeit habe nur wenig mit den Ursachen dafür zu tun, betonte er. Es gebe keine soziologisch nachweisbaren direkten Verbindungen vom Leben in dem untergegangenen Land hin zu den ausländerfeindlichen Einstellungen seiner einstigen Bewohner. Diese hätten sich erst nach der „Wende“ 1989/90 und der deutschen Einheit ab dem 3. Oktober 1990 herausgebildet oder verstärkt.

    Hanf sieht dahinter verschiedene Motive. Dazu gehöre, dass Ausländer als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt und bei Sozialleistungen oder auf dem Wohnungsmarkt betrachtet würden. Ihnen würden zudem von der Politik mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung entgegengebracht, sei der Eindruck mancher Ostdeutscher. Ausländer würden zudem als „Störung im öffentlichen Raum, der Ordnung und der Normen“ gesehen und bewertet.

    Verschiedene Faktoren als Ursachen

    „Verschärfend kommt hinzu, dass ihnen eine erhöhte kriminelle Neigung zugeschrieben wird.“ Die entsprechenden Meldungen in den Medien seien auch immer sehr drastisch, obwohl die Kriminalstatistik etwas anderes zeige, so Hanf. Dennoch würden viele die Ausländer als „störend, beängstigend und gefährlich“ wahrnehmen. Zugleich würden sie mit ihren Einstellungen sowie kulturellen Prägungen und Mustern als „befremdlich und abzulehnend“ gesehen.

    „Das muss nicht in Feindlichkeit umschlagen“, sei aber bei einigen der Fall. Aus Sicht des Sozialwissenschaftlers kommen die politischen, religiösen und kulturellen Werte wie Demokratie und Freiheit hinzu. Es sei eine ganze Reihe von Faktoren, die dafür sorgen, dass sich ausländerfeindliche Einstellungen herausbilden.

    Beim jüngsten „Integrationsbarometer“ des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wurde auf den Faktor der Alltagserfahrungen im Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft hingewiesen. Diese würden in Ostdeutschland geringer sein, stellte die kürzlich veröffentlichte Studie fest.

    Dem stimmte der SFZ-Leiter zu und ergänzte: „Sich an andere Kulturen zu gewöhnen ist nicht einfach. Das hat in der alten Bundesrepublik auch länger gedauert zwischen Menschen deutscher und ausländischer Herkunft.“ Die Integration zum Beispiel der Gastarbeiter aus der Türkei könne auch nicht als vollständig gelungen bezeichnet werden.

    AfD sammelt Protest ein

    Die hohe Zustimmung in aktuellen Umfragen unter Ostdeutschen zur AfD drückt aus Sicht des Soziologen eine Protesthaltung aus – „man ist gegen etwas und nicht für etwas“. Das sei gerade angesichts der offensichtlich neoliberal orientierten Positionen der rechtspopulistischen AfD in der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Fall. Diese Proteststimmung könne sich noch lange halten, meinte Hanf.

    Er sieht dafür ebenfalls unterschiedliche Faktoren, dass diese Haltung zur Zustimmung für die AfD führt. Das seien nicht nur die benannten sozialen Faktoren, die zu fremdenfeindlichen Haltungen führten. Der Soziologe verwies auf das Beispiel der Rentner, die eigentlich als Gewinner der Einheit galten. Die künftigen Rentner würden zunehmend in unsichere Situationen kommen, so dass deren Zukunftsängste größer würden. Das führe zu Protest gegen die etablierte Politik.

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    Es sei verwunderlich, dass auch dieses Motiv bei einigen Bevölkerungsgruppen eine Rolle spiele, obwohl die AfD kein Rentenkonzept habe. Die Partei Die Linke gehöre dagegen für viele inzwischen zu den etablierten politischen Kräften. Deshalb gelinge es ihr nicht, diese Stimmung für sich und ihre politischen Vorschläge zu nutzen, schätzte der Soziologe ein. Hinzu komme ihre Position in der Flüchtlingspolitik – „darum kann die Linkspartei dort nicht punkten“.

    Unterschiedliche Sichten auf gemeinsam Erlebtes

    Viele Ostdeutsche hätten das Politikgeschäft satt und würden es als etwas wahrnehmen, dem nur noch Protest entgegengebracht werden könne. Der Berliner Soziologe Wolfgang Engler hat kürzlich erklärt, „dass die Erfahrungen vieler Ostdeutscher der 1990er Jahre der hauptsächliche Schlüssel sind zum Verständnis dessen, was danach passierte“. Die Schriftstellerin Jana Hensel, mit der Engler zusammen das Buch „Wer wir sind: Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ veröffentlicht, verwies auf den „umfassenden Kollaps der ostdeutschen Gesellschaft“. Dieser vollziehe „sich in einer Radikalität und Schnelligkeit, wie sie, glaube ich, auf der Welt nicht passiert ist“.

    Für den Soziologen Hanf bedeutet die gemeinsame Herkunft der Ostdeutschen und ihre gleiche Erfahrung nicht, dass sie daraus die gleichen Schlüsse ziehen und gleiche Einstellungen entwickeln. Für das Verhalten der Einzelnen oder von Gruppen seien weitere Faktoren verantwortlich. „Das gemeinsam Erlebte kann sehr unterschiedlich verarbeitet werden.“

    „Politik bietet katastrophale Vorstellung“

    Er sehe nicht eine Lösung für die entstandenen Probleme und ihre verschiedenen Ursachen, betonte der Wissenschaftler. Es seien mehrere Veränderungen notwendig, nicht nur bei den sozialen Faktoren wie der Unsicherheit im Bereich der Arbeit. Hanf verwies unter anderem auf die Einkommensverhältnisse und auf die Unsicherheit der Menschen beim Thema Sparen. „Viele mit einem kleinen Sparkonto sind sauer, weil sie keine Zinsen mehr bekommen.“ Auch so etwas sorge für Sympathie für die AfD – dazu führe die Angst um den eigenen kleinen Wohlstand in der Zukunft.

    „Das zweite ist, dass der Politikbetrieb eine fast katastrophale Vorstellung bietet“, hob Hanf hervor. „Was sich seit der letzten Bundestagswahl abspielt, ist ungeheuerlich. Die Menschen werden nicht zu Unrecht immer saurer über das, was sie dort erleben müssen. Wenn das so weitergeht, ist überhaupt nicht verwunderlich, dass die Menschen immer mehr Protest wählen.“

    Hinzu kämen kaum beeinflussbare Faktoren wie der welt- und europaweit aufstrebende Nationalismus. Für viele würden die Ängste vor den konkreten Folgen der Globalisierung eine große Rolle spielen. Das sei politisch nicht direkt zu beeinflussen, meinte der Wissenschaftler, spiele bei den Einstellungen aber eine wichtige Rolle.

    Das komplette Interview mit Dr. Thomas Hanf zum Nachhören:

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    Tags:
    Protest, Reichtum, Armut, Rechtsextremismus, Die LINKE-Partei, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Westen, Ostdeutschland, DDR