18:38 23 Oktober 2018
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    Der Schriftsteller Friedrich Dieckmann zu Gast in der Sputnik-Redaktion Berlin

    „Freude an der Verschiedenheit fehlt“ – Schriftsteller Dieckmann über die Einheit

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Die Situation und die Stimmung in Ostdeutschland ist eine Reaktion auf die regierende Politik und auch die westdeutsche Dominanz. So sieht der Berliner Schriftsteller Friedrich Dieckmann die Lage nach 28 Jahren Einheit. Im Interview macht er auf die Probleme aufmerksam und sagt, welche Fragen die Regierenden beantworten müssen.

    Friedrich Dieckmann (Jahrgang 1937) ist Schriftsteller und Publizist. Er hat Germanistik, Philosophie und Physik studiert und als Theaterdramaturg gearbeitet. Neben zahlreichen Büchern über Themen und Personen aus Kunst und Kultur hat er in den letzten Jahrzehnten Essays über die Ereignisse in der DDR 1989/90 sowie den Prozess der deutschen Vereinigung veröffentlicht. Diese sind wiederum in Sammelbänden erschienen („Glockenläuten und offene Fragen“ 1991, „Vom Einbringen. Vaterländische Beiträge“ 1992, „Temperatursprung. Deutsche Verhältnisse“ 1995, „Was ist Deutsch? Eine Nationalerkundung“ 2003, „Deutsche Daten oder Der lange Weg zum Frieden“ 2009). Immer wieder ist die Entwicklung Deutschlands sein Thema, und äußert er seine Sicht dazu.

    Herr Dieckmann, Sie sind ein Kenner Ostdeutschlands und der Entwicklung in dem Gebiet, als es DDR hieß und dann 1990 Teil der Bundesrepublik wurde. Wie schätzen Sie im Jahr 2018 die Lage in Ostdeutschland ein?

    Wie es Ostdeutschland geht – das ist eine vielgestalte Frage. Ich habe sie 2010 in einem Interview mit einem Münchner Publizisten einmal ausführlich zu beantworten versucht. Das ergab dann in „Lettre international“ mehrere Seiten. So lang kann ich gar nicht zu Ihnen reden, um die Probleme umfassend zu benennen.

    Gehen wir auf die Aktualität ein: Ich habe in der letzten Woche im Fernsehen mitbekommen, dass die CDU-Bundestagsabgeordneten aus den östlichen Ländern unserer glücklich vereinigten Republik einen besonderen Anteil daran hatten, dass Herr Kauder nach 13 Jahren Kooperation mit Angela Merkel das Amt des Fraktionsvorsitzenden an einen Ostwestfalen abgegeben hat. Das zeugt davon, dass dieser östliche Bereich auf einmal eine Rolle in der Politik spielt, und zwar kritisierend und Veränderungen anmahnend. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die AfD in diesen fünf östlichen Ländern immer mehr Zulauf bekommt. Wenn eine solche Partei ohne Konzepte, eine reine Protestpartei, basierend einzig auf der Problematik der massenhaften Flüchtlingseinwanderung seit dem Herbst 2015, – wenn eine solche im Grunde gestaltlose Partei einen solchen Zulauf bekommt, dann müssen sich die regierenden Parteien fragen, was sie falsch gemacht haben.

    Was hat die Politik da falsch gemacht? Und: Es gab diese fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz nach dem Totschlag eines Menschen durch mutmaßliche Flüchtlinge. Ist das etwas typisch Ostdeutsches, dieser Zuspruch für die AfD und andere Kräfte dieser Art?

    Typisch westmedial ist, dass diese Ausschreitungen im Zusammenhang mit einer Protestdemonstration sehr verschiedener Gruppierungen sogleich von vielen Medien benutzt werden, um die Stadt Chemnitz mit einem pauschalen Makel zu versehen. Das haben wir vor einigen Jahren schon einmal mit dem erzgebirgischen Städtchen Sebnitz erlebt.

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    Ich sprach vor ein paar Tagen mit einer aus Chemnitz stammenden Kollegin, die bei dem Stadtfest dabei war. Sie war entsetzt, wie diese Stadt – in der es natürlich rechte Gruppierungen gibt, denen wir mit Widerstand gegenübertreten müssen – aufgrund eines sekundenlangen Videos auch international alsbald als ein Ort von Hetzjagden und Lynchjustiz dargestellt wurde. Das sind Fehlinterpretationen, die die Tendenz, falsch zu wählen, oft noch bestärken. Nein, solche Ausschreitungen sind nichts typisch Ostdeutsches; wo immer sie vorfallen in Ost oder West, gilt es, der Minorität, die sie bewirken, mit aller Kraft entgegenzutreten.

    Die Bundesregierung hat am 26. September ihren neuen Bericht zum Stand der Deutschen Einheit vorgestellt. Darin gibt es wieder die üblichen Erfolgsmeldungen, aber es wird ebenso auf weiter bestehende Unterschiede hingewiesen. Wie sehen Sie den Stand der Deutschen Einheit?

    Es war ein Problem und ist es vielleicht noch, dass fast alle Führungspositionen in Wirtschaft, Verwaltung, Regierung und Medien in den vom Westen her gesehen neuen Ländern in den Jahren nach der deutschen demokratischen Revolution von 1989/90 von Westdeutschen besetzt wurden, was auch mit den völlig geänderten Rechtsgrundlagen zu tun hatte. Es hat viele selbstlose Helfer des anstehenden Neuaufbaus aus dem Westen gegeben. Aber dieses herkunftsbezügliche Ungleichgewicht zwischen Führenden und Geführten hat möglicherweise zu Tendenzen beigetragen, die nach der falschen Seite ausschlagen.

    Dass ein Teil der Bevölkerung, keineswegs die Mehrheit, die Befürchtung äußerte, dass, nachdem eine neue Oberschicht eingezogen war, infolge der Flüchtlingspolitik auch eine neue Unterschicht einrücken würde, wie der fatale Soziologenbegriff lautet, hat zu unangenehmen Auswüchsen geführt. Sie aufzuweisen ist das eine, aber man sollte sich nicht damit begnügen. Das Feld der Probleme ist vielfältig; wir wissen, dass die wirtschaftliche Situation im Osten noch immer weit davon entfernt ist, eine gleichberechtigte zu sein. Kein einziger Konzern hat im Osten Fuß gefasst – bei aller Anerkennung für die schnelle Ansiedlung der Autoindustrie. Für und Wider, Leistung und Manko – es ist ein weites Feld. Wir werden es hier nicht realistisch abbilden können.

    Wenn sich das nach 28 Jahren als noch so problembehaftet und zum Teil als unerfüllt zeigt, ist dann die tatsächliche Einheit Deutschlands eine Frage von Generationen?

    Ich habe schon in den 1990er Jahren gesagt, dass die vielbeschworene deutsche Identität – das Wort Identität gehört nicht in die Politik, sondern in das Rechtswesen und in die Mathematik –, dass die deutsche Eigenart in der Vielfalt besteht. Dass man Freude haben sollte an den verschiedenen sozialen Prägungen in den beiden Volksteilen, die sich 1990 vereinigten. Sie sind objektiv verschieden; sie vereinheitlichen zu wollen, ist ein falscher Ansatz. Diese Erkenntnis hat sich inzwischen weitgehend durchgesetzt, aber es fehlt an der Freude an solchen Verschiedenheiten. Dass in diesem exzeptionellen Kulturland Ostdeutschland, in dem auch die Heimatmuseen nicht selten unter der Direktion von Zuwanderern stehen, gegenüber einer Haltung der Bevormundung manchmal unliebsame Ressentiments laut werden, sollte nicht allzu sehr verwundern.

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    Sie haben den 1990er Jahren auch festgestellt, „die deutschen Dinge veranschaulichen die Weltprobleme“, also in den deutschen Problemen der Einheit zeigen sich auch die Weltprobleme. Welche sind das aus Ihrer Sicht heute?

    Ich habe mich früh, auch gegenüber der deutschen Sozialdemokratie, gegen die Geringschätzung des Nationalen als einer Kategorie der Kultur und der gesellschaftlichen Befindlichkeit gewandt. Das ist nicht sozialdemokratische Tradition, das stimmt auch nicht mit dem Kommunistischen Manifest überein. Marx und Engels haben das Fortbestehen nationaler Prägungen und Interessen unter den von ihnen imaginierten kommunistischen Verhältnissen deutlich bejaht.

    Die Globalisierung ruft mit ihrem Unterfangen, aus Heimaten bloße Standorte des durchziehenden Kapitals zu machen, zwangsläufig Gegenbewegungen hervor. Dass der Missbrauch der Globalisierung zu einem Profitinstrument des internationalen Finanzkapitals dazu führt, dass Tendenzen zur Erneuerung eines nationalen Denkens und Bewusstseins Raum greifen, kann nicht verwundern. Man muss es begreifen, um sich gegen Fehltendenzen realistisch zur Wehr setzen zu können.

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    Tags:
    Feinde, Einheit, Wiedervereinigung, DDR, Deutschland