20:46 18 Oktober 2018
SNA Radio
    DDR-Grenzsoldat und BRD-Polizist in Berlin (Archiv)

    Deutsche Einheit und „Friedliche Revolution“ – Was 2018 davon übrig bleibt

    © Sputnik / Boris Babanow
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    18546

    Am Mittwoch begeht Deutschland den 28. „Tag der Deutschen Einheit“. „Vieles, was damals zum Ende der DDR stattfand, wird heute verzerrt dargestellt“, sagt Ostdeutschland-Experte Ulrich Busch. Im Sputnik-Interview erklärt er, warum er die deutsche Vereinigung und die „Friedliche Revolution“ trennt – und was Berlin von der Zeit damals lernen kann.

    „Es wird oftmals etwas verwischt, dass ein Jahr zuvor und auch in der Zeit vor der Wiedervereinigung im Osten Ereignisse vorausgegangen sind“, sagte Dr. Ulrich Busch, langjähriger Ostdeutschland-Experte und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, gegenüber Sputnik. Er würde „hier deutlich trennen zwischen der deutschen Einheit und der friedlichen Revolution. Diese hat 1989 stattgefunden und hat zur deutschen Einheit geführt. Aber nicht automatisch und nicht sofort.“

    Aus der Wende-Zeit könne die deutsche Gesellschaft bis heute einiges an Erkenntnissen lernen. „Beispielsweise, dass man solche Prozesse auch in ihrer Eigendynamik betrachten muss“, betonte der Wissenschaftler. „Dieses eine Jahr dazwischen (1990, Anm. d. Red.), das 41. Jahr der DDR, war schon ein wichtiges Jahr. Wenn es aber zwei oder drei Jahre mehr gewesen wären, dann wäre das auch nicht schlecht gewesen. Dann hätte sich nämlich manches hier in Ostdeutschland noch vernünftiger entwickeln können. So allerdings kam zu vieles zu abrupt.“ Der viel zitierte „Transformations-Prozess“ sei tatsächlich „eine ziemliche Schock-Therapie für die Ostdeutschen“ gewesen.

    Hat Politik-Elite aus DDR-Erfahrung gelernt?

    Busch denke eher nicht, dass die politischen Eliten der Bundesrepublik etwas aus den Ereignissen 1989/1990 gelernt haben – egal ob nun auf wirtschaftlicher oder sozialpolitischer Ebene. Allerdings erkenne er auch im aktuellen Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit zumindest sprachliche Neuerungen.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „DDR ist nicht die Ursache“ – Soziologe über Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland

    „Es ist insofern ein kleiner Lernprozess zu konstatieren, dass man jetzt in stärkerem Maße die Rolle der Ostdeutschen betont. Also deren mutige Leistung und deren Bereitschaft, die schwierigen Transformations-Prozesse zu vollziehen. Das hatte man am Anfang gar nicht gesehen.“ Es werde von vielen häufig übersehen, dass „die Aufbauleistungen im Wesentlichen von Ostdeutschen erbracht wurden. Hier gibt es nach wie vor Missverständnisse.“ Auch im Bereich der Solidaritätszahlungen.

    Haben „Ossis“ nur West-Geld abgegriffen?

    „Da kommt nach wie vor der Vorwurf, dass die Ostdeutschen in hohem Maße Leistungen aus dem Westen entgegen genommen hätten.“ Das sei jedoch nicht richtig, so der Ostdeutschland-Experte. „Die Ostdeutschen haben ganz ungeheure Leistungen vollbracht und den Aufbauprozess (nach der Wende, Anm. d. Red.) entscheidend vorangetrieben. Sie haben auch nicht davor zurückgescheut, persönliche Opfer zu bringen.“

    Er nannte die Wechselbereitschaft im Berufsleben: „Mobilität. Ganz viele waren bereit, sich umzuqualifizieren. Woanders hinzufahren zur Arbeit.“ Es sei damals schnell erkennbar gewesen, dass es unter den Ostdeutschen „eine große Bereitschaft“ gab, sich auf „die neuen Verhältnisse einzulassen“. Das wurde zu lange „zu wenig gewürdigt“.

    Ost-West-Dialog bleibt wichtig

    Es fehle „an einem Stück Verständnis. Ich habe das oft auf Reisen in Westdeutschland erlebt. Dass es dort nach wie vor eine Menge Menschen gibt, die den Osten nicht verstehen, noch nie dort waren. Und die verstehen auch die ost-spezifischen Probleme nicht.“ Aber nach vertraulichen und intensiven Gesprächen gebe es auch hier einen Bewusstseinswandel. „Wenn man eindrücklich schildert, was das alles für den Osten bedeutet hat, dann sind sie schon bereit, das auch zu akzeptieren.“ Der Ost-West-Dialog – auch im zwischenmenschlichen Bereich – bleibe daher wichtig. „Dann kommt man da schon weiter.“

    Der dritte Oktober wird seit 1990 jährlich als „Tag der Deutschen Einheit“ begangen. Der gesetzliche Feiertag wurde im Einigungsvertrag am 31. August 1990 festgelegt. Als deutscher Nationalfeiertag soll er an die Wiedervereinigung erinnern. Damals wurden Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu den neuen Ländern der Bundesrepublik Deutschland erklärt.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Tag der Einheit?: „Das Gebiet der DDR wird vom Westen wie eine Kolonie behandelt“

    Dr. Ulrich Busch
    © Foto : Privat
    Dr. Ulrich Busch

    Das Radio-Interview mit Dr. Ulrich Busch zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Finanzierung, Arbeitsmarkt, Therapie, Schock, Einheit, Wiedervereinigung, Ostdeutschland, BRD, DDR, Deutschland