22:17 14 Dezember 2018
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    Torhaus von Bautzen I, 1935

    „Haft unterm Hakenkreuz“: Das verschwiegene Kapitel von Bautzen

    © Foto : Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 11018 Ministerium der Justiz, Nr. 1603
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    Matthias Witte
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    Bautzen steht wie kaum ein anderer Haftort für politische Verfolgung und Inhaftierung in der DDR. Was jedoch wenige wissen: Zwischen 1933 und 1945 sperrten hier die Nationalsozialisten ihre Feinde ein und folterten sie zum Teil heftig.

    In der Gedenkstätte Bautzen gibt es seit Kurzem eine neue Dauerausstellung, die sich mit dieser Zeit beschäftigt. Ihr Titel lautet: „Haft unterm Hakenkreuz“.

    „Die beiden Bautzener Haftanstalten haben sich im öffentlichen Bewusstsein für Verfolgung und Inhaftierung in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR eingeprägt. Dass die Gefängnisse aber auch eine NS-Geschichte haben, ist bisher kaum im Gedächtnis verankert“, sagt Silke Klewin, Leiterin der Gedenkstätte.

    Unter Hitler gab es im Deutschen Reich laut Klewin etwa 200 Justizgefängnisse. Zu diesen gehörten die Haftanstalten in Bautzen. Was in den Jahren 1933–45 geschah, wird in der Ausstellung veranschaulicht und dokumentiert.

    Sowjetische Soldaten benutzten Dokumente als Toilettenpapier

    Das gestaltete sich für die Historiker allerdings als gar nicht so leicht: „Es ist ganz schwierig, die Zeit zu rekonstruieren, weil sehr viele Unterlagen vernichtet worden sind“, berichtet Klewin. Laut der Historikerin dienten die Papiere sowjetischen Soldaten nach Kriegsende zum Teil als Toilettenpapier.

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    Gedenkstätte Bautzen heute

    Letztlich war es ein Zufall, der einige wenige Dokumente rettete: „Es gab 1935 einen internationalen Strafrechtskongress, an dem der Anstaltsleiter die Bautzener Anstalt präsentierte. Dabei ist ein Fotobildband entstanden“, erklärt Klewin. Mit Hilfe dieses Buches konnte ein Einblick in die Zeiten gewonnen werden. Und dieser Einblick ist düster. In Bautzen saßen zunächst Verbrecher, Kleinkriminelle, erläutert die Historikerin:

    „Aber sofort nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dienten die Gefängnisse der Repression und Ausschaltung politischer Gegner. Zunächst saßen Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten ein, die wirklich massenhaft verurteilt wurden und dann in Bautzen inhaftiert waren. Dann weitete sich die Verfolgung aus, und es kamen Zeugen Jehovas, Homosexuelle, später sogenannte Rundfunkverbrecher dazu, die inhaftiert wurden, weil sie im Krieg den britischen Sender BBC gehört hatten.“

    Am schwersten hatten es die politischen Gefangenen. Sie wurden nach Angaben der Historikerin am brutalsten behandelt und oftmals misshandelt. Misshandlungen seien in den Aufzeichnungen aber kaum dokumentiert. Sie seien im System einfach geduldet worden, und darüber wurde sich nicht geäußert.

    Allerdings gibt es laut Klewin einzelne Berichte von Häftlingen über die Gewalt in der Haftanstalt. So wurden viele verprügelt und mit Schlüsseln geschlagen. „Ein interessanter Fall, den wir auch in der Ausstellung zeigen, berichtet von einem SA-Mann, einem Bautzener Radiohändler. Er hat Kommunisten qualvoll misshandelt. Darüber haben sich die Justizbeamten beschwert. Nur deshalb wissen wir davon. Weil es so laute Schmerzensschreie gab, hatten die Beamten Sorgen um den Ruf der Anstalt.“ Es ging also nicht um Gnade oder Barmherzigkeit.

    SA bekam Räume „für besondere Vernehmungen“

    Die Justiz hatte der SA Räume zur Verfügung gestellt. „Für besondere Vernehmungen“, wie es hieß. In den Räumen nahm die SA völlig willkürlich Schutzhäftlinge in Gewahrsam und misshandelte sie heftig.

    Wie viele Menschen zur NS-Zeit in Bautzen einsaßen, weiß niemand. Die Haftdaten sind nicht übermittelt. Laut Klewin hatten die zwei Haftanstalten am Standort über 1550 Plätze. Zudem war das Gefängnis häufig überbelegt. Es gibt grobe Schätzungen, die besagen, dass etwa die Hälfte der Insassen aus politischen Gründen, oder weil sie nicht dem Ideal der Volksgemeinschaft entsprachen, inhaftiert waren. Ob in Bautzen auch Menschen starben, ist nicht belegt und darum nicht bekannt.

    „Haft sollte ein Übel sein und der Sühne dienen“

    Dafür wissen die Historiker mehr über die Aufseher: „Die Bediensteten der Haftanstalten sind fast sämtlich Altgediente aus der Weimarer Zeit oder sogar aus der Kaiserzeit. Sie sind sämtlich anhand des Reformstrafvollzugs in der Weimarer Zeit ausgebildet, wo es darum ging, Gefangene zu resozialisieren. Trotzdem haben sich die altgedienten Bediensteten sofort problemlos in den Dienst des neuen Regimes gestellt, das eine totale Verschärfung der Haftbedingungen durchsetzte. Haft sollte ein Übel sein, ein empfindliches Übel, und der Sühne dienen. Die Bediensteten, die alle aus der Region um Bautzen kamen, haben diese Regeln perfekt umgesetzt.“

    Torhaus von Bautzen I, 1935
    © Foto : Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 11018 Ministerium der Justiz, Nr. 1603
    Torhaus von Bautzen I, 1935

    Über den Gefängnisalltag während der NS-Zeit wurde bisher wenig geforscht. Laut Klewin gibt es zumindest Hausordnungen, die belegen, wie militärisch durchorganisiert der Tagesablauf in den Gefängnissen war. Es sei um Macht und Unterwerfung gegangenen. Je länger der Krieg dauerte, desto karger wurde die Verpflegung.

    Ausstellung zeigt Opfer und „Täter“

    Die Dauerausstellung „Haft unterm Hakenkreuz“ zeigt die Geschichten von 30 Menschen, die 1933–45 in den Bautzener Haftanstalten aktiv beteiligt waren oder gelitten haben.

    „Die zentrale Frage ist: Wie kann so ein Regime funktionieren?“ sagt Frau Klewin. Eine Frage, die man sich angesichts der Gräueltaten der Nationalsozialisten immer wieder stellt – und sich immer wieder schwertut, eine Antwort zu finden.

    Das komplette Interview finden Sie hier:

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    Tags:
    NS-Zeit, Gedenkstätte, Nazis, Hakenkreuz, Haft, Gefängnis, Nationalsozialismus (Nazismus), Sowjetische Besatzungszone (SBZ), Rote Armee, Silke Klewin, Adolf Hitler, Drittes Reich, Sowjetunion, DDR, Bautzen, Sachsen, Deutschland