09:54 19 November 2018
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    Die bekannte und polarisierende ZDF-Moderatorin Dunja Hayali (Archiv)

    Dunja Hayalis „Haymatland“: Nicht Orthographie ist ihr Problem, sondern Logik

    © AFP 2018 / Christian Charisius / POOL
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    Andreas Peter
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    Die bekannte und polarisierende ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat ein Buch veröffentlicht, das sie anspielungsreich „Haymatland“ nennt. Die in Deutschland geborene und aufgewachsene Journalistin beschreibt, wie sie Heimat empfindet und wie andere ihr diese streitig machen wollen. Doch das Buch zeigt auch: Hayali hat ein Problem mit Logik.

    Wer das erste Buch von Dunja Hayali kennt („Is‘ was Dog? Mein Leben mit Hund und Haaren“, Ullstein, 2014), hätte ahnen können, dass sie auch für ihr zweites Werk einen eher bemühten Titel wählen würde. Wie originell das Wortspiel „Haymatland“ ist, mögen andere beurteilen. Wesentlich für Hayalis neues Buch ist nicht, dass sie offenbar den Eindruck hatte, sich rechtfertigen zu müssen, Deutsche zu sein. Übrigens beherrscht sie die deutsche Sprache deutlich besser als manche ihrer Kritiker, die ihr immer noch oder schon wieder das Deutschsein abzusprechen versuchen.

    Deshalb sei hier noch einmal klargestellt: Dunja Hayali ist 1974 in der „alten“ Bundesrepublik Deutschland geboren worden. Sie ist in einer nordrhein-westfälischen Ruhrpott-Kleinstadt aufgewachsen. Dort ist sie nicht nur durch den Ministrantinnendienst in ihrer katholischen Gemeinde so deutsch sozialisiert worden wie nur irgend denkbar. Wer ihr nur aufgrund der Tatsache, dass ihre Eltern gebürtige Iraker sind, abzusprechen versucht, Deutsche zu sein, ihr Geburtsland als ihre Heimat anzusehen, wer sie wegen des Geburtsortes ihrer Eltern beschimpft, beleidigt oder gar bedroht, der stiehlt – überaus höflich ausgedrückt – dem Publikum wertvolle Zeit und Nerven.

    Nicht die Herkunft ist Maßstab der Kritik

    Wer Hayali kritisieren will, sollte dies aufgrund ihrer Arbeit als Journalistin tun. Was ist daran so schwer zu verstehen? Nichts. Denn die Art und Weise, wie sie politischen Journalismus versteht und dieses Verständnis umsetzt, gibt allemal genügend Anlass zur kritischen Betrachtung. Das offenbart sich gerade in Hayalis Buch. Sie knüpft darin unbekümmert Logikketten, in die sie sowohl echte Fakten als auch subjektive Meinungen einspinnt, die sie aber zu „Haltungen“ erhebt, weil die mehr seien und tiefer gingen als Meinungen. Warum sie diese kleine, aber feine Unterscheidung vornimmt und warum diese Wortakrobatik scheitert, werden wir noch sehen.

    Hayalis Schwierigkeiten mit Begriffen

    Die Journalistin beteuert zwar, neutral und unparteiisch zu sein. Sie ist es aber nicht. Sie gibt das gelegentlich auch offen zu. Im Rahmen der „Dresdner Reden“ im Staatsschauspiel der sächsischen Landeshauptstadt hielt sie am 18. Februar 2018 einen Vortrag. Der ist sowohl Initialzündung für ihr Buch gewesen als auch dessen Basis und Grundgerüst. Denn in ihm finden sich einige Abschnitte, die zum Teil wörtlich aus der Rede übernommen wurden. In jener Rede sagte Hayali unter anderem:

    „Alles fängt damit an, dass man dem Mythos der Objektivität entgegentritt. Ja, das was zählt, sind Fakten. Der Inhalt. Die Information. Keine Frage, aber allein die Einordnung der selbigen ist doch schon subjektiv. Allein die Auswahl, die Gewichtung von Nachrichten ist subjektiv.

    Wir sind nun mal Menschen in diesem Beruf. Deshalb kann auch keiner von uns objektiv sein. Neutral – ja, unabhängig – ja, unparteilich – ja, objektiv – nein. Wir alle sind geprägt, wir alle haben eine Sozialisation hinter uns, und auch wir leben in unseren kleinen Blasen. Unser Job ist es aber, sich das immer wieder vor Augen zu führen, sich aus diesen Blasen herauszubewegen, sich seinen eigenen Vorurteilen zu stellen, sich selbst zu hinterfragen und den Perspektivwechsel zu wagen. Wir müssen versuchen, wahrhaftig zu sein. Dazu gehört in letzter Konsequenz übrigens auch, zu unseren Fehlern zu stehen.“ (Dunja Hayali: „Heimat kriegt uns alle“, 18. Februar 2018, beinahe wortgleich in ihrem Buch „Haymatland – Wie wollen wir zusammenleben“, S.115)

    Ein Blick in den Duden und das Fremdwörterbuch aus demselben Haus verhilft zu der Erkenntnis, dass „objektiv“ zu sein, bedeutet, „unabhängig von einem Subjekt und seinem Bewusstsein“ zu existieren und „nicht von Gefühlen, Vorurteilen bestimmt, sachlich unvoreingenommen, unparteiisch“ zu sein.

    Wie Hayali, wenn sie nicht objektiv sein kann, trotzdem „neutral“, „unabhängig“ und „unparteilich“ sein will, wird ihr Geheimnis bleiben. Weil sie aber klug genug ist, diese Unlogik zu bemerken und natürlich zu wissen, dass sie immer angreifbar ist, wenn sie ihre Meinung und ihre Grundüberzeugungen zum Maß der Dinge in ihrer Berichterstattung erhebt, muss ein anderes Konstrukt her, das als schwer bis gar nicht zu erschütterndes moralisches Alibi fungieren soll: Haltung auf Basis des Grundgesetzes.

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    Hayalis Missinterpretation des Grundgesetzes

    Hier begeht Hayali den gleichen grundsätzlichen Fehler, den viele begehen, wenn sie sich auf das Grundgesetz berufen. Doch sie braucht die argumentative Hilfskrücke, uns Meinung und Haltung als etwas Grundverschiedenes zu verkaufen, um zu rechtfertigen, wieso sie eben das eine Thema und nicht das andere für wichtig erachtet, warum sie den einen und nicht den anderen Gesprächspartner einlädt, warum sie welche Fakten und Informationen für relevant hält und welche nicht. Und warum wir das bitteschön nicht in Frage oder in Zweifel ziehen sollen.

    Sie proklamiert für Journalisten das Erfordernis, Haltung zu zeigen, Haltung für die Werte des Grundgesetzes. Dazu gehöre auch das Eintreten für Pluralität, für eine offene Gesellschaft, gegen Rassismus und für eine repräsentative Demokratie.

    Allerdings steht im Grundgesetz nichts von Pluralität, offener Gesellschaft oder repräsentativer Demokratie. Natürlich lässt sich aus dem Grundgesetztext herausinterpretieren – und das Bundesverfassungsgericht tut dies seit seiner Errichtung –, dass dieses Land durch eine repräsentative Volksvertretung und deren Regelungsrahmen regiert werden kann, für die sich der Terminus der freiheitlich-demokratischen Grundordnung durchgesetzt hat. Aber in Stein gemeißelt ist das nicht.

    Das hat Gründe, die in der Beinahe-Genialität der Mütter und Väter des Grundgesetzes zu suchen sind. Sie wollten – nach dem Dammbruch der industriell mordenden Inhumanität des Dritten Reiches – für das neue Deutschland, das ihnen vorschwebte, nur das Eine wirklich unumstößlich festlegen: grundlegende, unveräußerliche Menschenrechte, die unabhängig von einer Staatsbürgerschaft, einem Geschlecht, einer Religion oder was auch immer gelten. Deswegen ist die einzige Ewigkeitsgarantie, die das Grundgesetz ausspricht, die Unverhandelbarkeit der grundlegenden Menschenrechte.

    Deswegen steht jeder, der sich gegen Rassismus, gegen Islamfeindlichkeit, gegen Homophobie in Deutschland ausspricht und zur Wehr setzt, mit beiden Beinen nicht nur auf dem Boden des Grundgesetzes, sondern ist darin regelrecht einbetoniert. Nichts ist im Grundgesetz so eineindeutig, fast schon wieder diktatorisch unumstößlich geregelt wie die grundlegenden Menschenrechte. Aber schon die heutzutage immer wieder anzutreffenden Gleichsetzungen von „Marktwirtschaft/Kapitalismus“ mit „Demokratie“ können sich nicht auf das Grundgesetz berufen. Das hat das Bundesverfassungsgericht auch überdeutlich zum Ausdruck gebracht. Es kümmert nur nicht diejenigen, die von dieser wahrhaft grundgesetzwidrigen Gleichsetzung leben, sei es politisch oder ökonomisch.

    Haymatgefühle lassen sich nicht verordnen

    Dunja Hayali bezeichnet das Grundgesetz, die Freiheit, eine offene Gesellschaft als ihre Heimat. Dazu hat sie jedes Recht, und es sei ihrem Gefühl von Heimat und Lebensglück gegönnt. Aber das zum Maß der Dinge zu erheben, erweist sich spätestens dann als hochproblematisch, wenn es um die Begriffsbestimmung einer offenen Gesellschaft geht. Denn auch davon steht im Grundgesetz kein Wort, schon gar nicht von der Interpretation von offener Gesellschaft, wie sie Hayali vorschwebt und womit sie kein Einzelfall ist.

    An diesen Missverständnissen und dem individuellen Wunschdenken, was das Grundgesetz festlegt und was nicht, krankt auch Hayalis Weltbild. Zuzustimmen ist ihr zweifellos, dass Heimat einer der wohl subjektivsten Begriffe überhaupt ist, weil jeder Mensch darunter etwas Anderes versteht und empfindet. Heimatgefühl lässt sich nicht verordnen, weshalb Menschen auch so allergisch darauf reagieren, wenn dieses diffuse Gefühl angegriffen oder verletzt wird.

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    Hayali versteht sich nicht als Teil der Elite

    An eben diesem Punkt ist Hayali sehr schnell sehr „unobjektiv“. Erstens ist sie tatsächlich der Ansicht, die Geschichte der Migration ihres Elternhauses wäre exemplarisch oder gar zu vergleichen mit der Migration von heute. Zweitens scheint sie nicht begriffen zu haben, welch enorm präjudizierende Wirkung Äußerungen und Untertöne einer Journalistin wie sie haben, die das Privileg hat, vor einem Millionenpublikum auftreten zu können. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, dass sich ein Journalist in solch einer Position, so gut es geht, rarmacht mit eigener Meinung, Überzeugung, Haltung.

    Und genau das werfen viele Zuschauerinnen und Zuschauer Dunja Hayali vor: dass sie diese Distanz nur behauptet, auch in ihrem Buch, aber nicht einhält. Das betrifft gerade ihr Verständnis von offener Gesellschaft, das mit einem Heimatbegriff verknüpft ist, den andere eben anders definieren und für den sie in ihrem Buch wenig Verständnis entwickelt.

    Hayali versteht sich nicht als Teil der Elite, ist es aber definitiv. Eine Elite für die offene Gesellschaft bedeutet, im Zweifel eben heute hier, morgen da zu leben und zu arbeiten und im Alltag kaum oder nur wenig von den negativen Begleiterscheinungen betroffen zu sein, die auch Armutszuwanderung mit sich bringt. Dieses Privileg aber haben Millionen Menschen nicht. Sie sind an einen bestimmten Ort gebunden. Auch die Pendler, die Hayali im Buch als Beweis für die Normalität ständiger Ortswechsel heranzieht, finden vorrangig innerhalb Deutschlands statt – und bei weitem nicht nur freiwillig.

    Hayali zahlt die Zeche nicht

    Die inzwischen nach Millionen zählenden prekär Beschäftigten, die sogenannte Mittelschicht, werden wie selbstverständlich durch die Eliten dazu genötigt, die Lasten der Migration zu schultern. Denn Aufrufe an die 200 reichsten Familien Deutschlands, zusammenzurücken, abzugeben, zu verzichten, den Lebensstil zu ändern, Einsicht, Solidarität, Mitmenschlichkeit zu zeigen – all das wird bis heute immer nur an die Mittel- und Unterschicht dieses Landes gerichtet, die aber nicht für die Entscheidungen verantwortlich sind, die Eliten treffen und damit Migrationsbewegungen auch auslösen. Davon in Hayalis Buch nichts. Deshalb wird es bis auf weiteres dieses grundsätzliche Missverständnis zwischen ihr und ihrem Publikum geben.

    Hayali gebührt trotz allem Höflichkeit

    Genauso wie das Publikum von Hayali erwarten darf, dass sie Hanns Joachim Friedrichs legendenumwobenen Lehrsatz befolgt, wonach ein guter Journalist sich mit nichts gemein macht, nicht einmal mit einer guten Sache – genauso darf Dunja Hayali ganz grundsätzlich erwarten, dass ihr mit Höflichkeit, Respekt und Anstand begegnet wird. Dafür sollte jeder eintreten – selbst diejenigen, die nicht mit ihrer Berichterstattung konform gehen. Der diffamierenden Hetze im Internet muss endlich Einhalt geboten werden. Um unser selbst willen.

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    Tags:
    Elite, Migration, Journalismus, Grundgesetz, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, BRD, Dunja Hayali, Deutschland