10:43 18 November 2018
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    Demonstrationen am 9.11. in Berlin, Unter den Linden (Archiv)

    Als die Revolution nach Deutschland kam – Historiker Bollinger über November 1918

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Novemberrevolution 1918 in Deutschland.
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Was zur Novemberrevolution 1918 geführt und wer für ihre Niederlage gesorgt hat, beschreibt der Historiker Stefan Bollinger in seinem neuen Buch. Im Interview erklärt er die Ursachen der damaligen Geschehnisse, wer mit der Gewalt begonnen hat und was an der Revolution vor 100 Jahren heute noch aktuell ist.

    „Die Deutschen machen Revolution gegen den Krieg, gegen die verhasste Obrigkeit, und doch ist vielen nicht klar, was sie eigentlich wollen.“ So beschreibt der Historiker Stefan Bollinger in seinem Buch „November ‘18 – Als die Revolution nach Deutschland kam“ den Ausgangspunkt der Ereignisse vor 100 Jahren.

    Er verweist zu Anfang seines Buches auf zwei Geschehnisse am 9. November 1918, die die weitere Entwicklung bestimmten und gewissermaßen vorwegnahmen. An dem Tag rief der linke Sozialdemokrat Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Hohenzollernschlosses die „freie sozialistische Republik“ aus. Kurz zuvor war der Thronverzicht des deutschen Kaisers Wilhelm II. bekanntgegeben worden. Am selben Tag erklärte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Reichstagsgebäude aus Deutschland zur „demokratischen Republik“ – aus Angst vor einer „Sowjet-Filiale“ Deutschland.

    Bollinger will mit seinem Buch keine neue Chronik der Ereignisse liefern, wie er zu Beginn schreibt. Er wolle stattdessen „einige Zäsuren und entscheidende Daten“ nennen, die helfen könnten, „die zentralen Fragen der damaligen Zeit und ihrer heutigen Reflexion zu verstehen“.

    Entscheidende Ursache

    Im Gespräch mit Sputnik erklärte der Historiker seine Sicht und Deutung der geschichtlichen Ereignisse. Bereits Ende 1916 sei in allen am Ersten Weltkrieg beteiligten Nationen klar geworden, dass die Armeen ebenso wie die Zivilbevölkerung am Ende waren. Damals hätte der Krieg bereits zu Ende gehen können, wie ein anderer Historiker, Adam Tooze, in seinem Buch „Die Sintflut“ zeigt. Er belegt, wie die alliierten Kriegsanstrengungen aufgrund des politischen Drucks von US-Präsident Woodrow Wilson auf die Hauptkreditgeberbank J. P. Morgan 1916 beinahe ausgetrocknet wären.

    Dr. Stefan Bollinger im Mai 2018 auf einer Tagung in Moskau
    © Foto : Privat
    Dr. Stefan Bollinger im Mai 2018 auf einer Tagung in Moskau

    Doch der Krieg ging weiter, auch weil die Deutschen mit ihren U-Booten versuchten, den absehbaren alliierten Sieg aufzuhalten und die USA daraufhin ihre Truppen nach Europa schickten. Die Kriegsbegeisterung in der jeweiligen Bevölkerung von 1914 war längst vorbei – umso mehr wuchs der Wunsch nach Frieden und einem Ende der Kriegslasten wie Hunger und Elend. Das gehört für Bollinger zu den Antrieben der Revolutionen in Russland 1917 und Deutschland 1918.

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    Zu den entscheidenden Ursachen der deutschen Revolution zählt er die Kriegsmüdigkeit und —erschöpfung in der Bevölkerung, einschließlich deren schlechter Versorgung und der zahllosen Toten an der Front. „Die Leute hungerten schlicht und ergreifend.“ Der Wunsch nach Veränderung der Lage sei sehr groß gewesen. Im Reichstag habe es nach der anfänglichen Kriegszustimmung zunehmend Friedensresolutionen aus verschiedenen Parteien gegeben.

    Entscheidender Anlass

    Den konkreten Anlass habe am 29. September 1918 General Erich Ludendorff ausgelöst, als er einen sofortigen Waffenstillstand forderte und den Krieg als verloren ansah. Um die Verantwortung dafür auf die Sozialdemokraten abzuwälzen, wurden diese zuerst in die letzte Reichsregierung aufgenommen. So führten die Regierungszivilisten dann auf deutscher Seite die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Militärs der Alliierten – der Grundstein für die „Dolchstoß-Legende“ war gelegt.

    Angesichts der Niederlage hatte im Oktober die kaiserliche Marineführung den Befehl ausgegeben, in einem letzten Seegefecht gegen die britische Flotte „in Ehren“ unterzugehen, erinnerte Bollinger. Das haben die Matrosen der deutschen Kriegsflotte Ende Oktober 1918 verweigert und dagegen gemeutert.

    Laut dem Historiker ist dies die Initialzündung für die Novemberrevolution gewesen, die sich innerhalb weniger Tage ausgehend von Wilhelmshaven und Kiel in ganz Deutschland ausgebreitet habe. Es habe „überall unzufriedene Arbeiter und Soldaten gegeben, die genau auf diesen Punkt gewartet haben. Es ist eine spontane Aktion. Es ist keine hochorganisierte Handlung, auch wenn manche linke Gruppen versucht haben, das zu organisieren. Aber das kam von unten.“

    Fehlender Einfluss

    Dabei hätten sowjetrussische Einflussagenten keine entscheidende Rolle gespielt, betonte der Historiker auf Nachfrage. Die russischen Revolutionen im Februar und Oktober 1917 haben zwar gezeigt, dass es möglich war, die alte Macht zu stürzen und aus dem Krieg herauszukommen. Karl Liebknecht sei zwar in der sowjetrussischen Botschaft Unter den Linden nach seiner Haftentlassung ein gern gesehener Gast gewesen. Aber die diplomatischen Beziehungen mit Sowjetrussland seien bereits vor der Novemberrevolution nicht zuletzt auf sozialdemokratische Initiative hin abgebrochen worden.

    Zu den Zielen der revolutionären Kräfte in Deutschland gehörten laut Bollinger ein schneller Frieden und neue politische Strukturen ohne Kaiser. „Man war sich sicher auch einig, dass in Deutschland demokratische politische Verhältnisse einziehen müssen.“ Bis dahin hätten der Kaiser und sein Reichskanzler relativ unabhängig vom Parlament, dem Reichstag, regiert. Im Königreich Preußen, dem damals größten deutschen Gliedstaat, habe immer noch das Drei-Klassen-Wahlrecht gegolten.

    Allerdings habe es Uneinigkeit über den Weg gegeben, schätzte der Historiker ein. Die Mehrheits-SPD (MSPD) unter Friedrich Ebert, von der sich 1917 die „Unabhängige SPD“ (USPD) abgespalten hatte, sei staatstragend orientiert gewesen. Sie habe „mit allen Mitteln“ ein Chaos in Deutschland verhindern wollen. Deshalb habe sie sich mit den alten Eliten des Kaiserreichs und der Wirtschaft verbunden. Das Reich sollte unter der Vorgabe von „Ruhe und Ordnung“ mit einer Nationalversammlung und einer Verfassung demokratisiert werden.

    Entscheidende Kontakte

    Ebert, erst letzter Reichskanzler, dann Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten, habe Kontakt mit der Obersten Heeresleitung aufgenommen, um miteinander abgestimmt für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Mit Hilfe der Truppen, die von der Front zurückkehrten, sollten die „linken Spinner“ ausgeschaltet werden, die eine wirkliche Revolution anstrebten. Das Schreckgespenst „russischer Verhältnisse“ vereinte alte Eliten und Mehrheitssozialdemokraten.

    Mit der Wirtschaft habe es Vereinbarungen zwischen Unternehmen und MSPD-nahen Gewerkschaften wie das Stinnes-Legien-Abkommen gegeben. Damit wurden nicht nur Arbeitsplätze für Kriegsheimkehrer und der Achtstunden-Tag zugesichert, sondern ebenso Mitbestimmung der Beschäftigten durch Betriebsräte vereinbart. Gleichzeitig garantierten damit die Gewerkschaften den Unternehmen, sie nicht enteignen zu wollen, wie es eigentlich sozialdemokratische Programmatik war. Diese Sozialisierung wurde nun aber vorrangig Losung des Spartakus-Bundes und anderer radikaler Linker innerhalb der USPD.

    Für Letztere hätten dagegen die entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte eine zentrale Rolle gespielt. So habe Kurt Eisner von der USPD in Bayern, kurzzeitig Ministerpräsident in München, versucht, parlamentarische und Räte-Demokratie zusammenzuführen.

    Unterschiedliche Sichten

    Der Spartakus-Bund mit Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Karl Liebknecht, Franz Mehring und anderen wollte „deutlich weiter gehen“, hob der Historiker hervor. „Von der russischen Revolution sind alle in diesen linken Parteien beeindruckt. Aber die Aufnahme ist doch sehr unterschiedlich. Luxemburg und Liebknecht sind diejenigen, die bei aller Kritik an den russischen Verhältnissen sagen, die Konsequenz in Russland unter Lenin wäre auch für unser Land wichtig.“

    Sie hätten die Räte-Demokratie als Ziel der Revolution angesehen. Und die massenhafte Entstehung dieser Räte in den Novembertagen von unten her sprach für diese Erwartung. Das stelle den großen Bruch auf Seiten der damaligen linken Kräfte dar, meinte Bollinger. „Aber sie haben nicht die Mehrheit“, wie sich im Dezember 1918 beim Reichsräte-Kongress gezeigt habe. Liebknecht und Luxemburg seien dafür von der USPD nicht einmal delegiert worden.

    Beginnende Gewalt

    „Die Revolution selbst, sowohl der Aufstand der Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven als auch der Weg der Revolution durch das Reich, verlief relativ unblutig.“ Nur vereinzelt habe es zu Beginn Todesopfer auf beiden Seiten gegeben.

    Erst im Dezember des Jahres, zu Weihnachten, sei es in Berlin zu ernsthaften bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen. Regierungstreue Truppen sollten die revolutionstreue Volksmarinedivision aus ihrem Hauptquartier, dem Berliner Marstall, herausbefördern und entwaffnen. Es habe viele Tote auf beiden Seiten gegeben. Die Matrosen konnten gemeinsam mit Arbeitern und Zivilisten diesen ersten Angriff der Gegenrevolution abwehren.

    Doch gleichzeitig sei in Deutschland eine Propagandawelle gegen die angebliche „bolschewistische Gefahr“ angelaufen. Den radikalen Linken wurden nicht nur Verbindungen nach Sowjetrussland unterstellt, sondern ebenso Mord, Plünderungen und Vergewaltigungen, so Bollinger – „verbunden mit diversen antisemitischen Erklärungen“. Dabei habe die Presse der MSPD mitgemacht, so die Parteizeitung „Vorwärts“, samt erster Forderungen, Luxemburg und Liebknecht zu ermorden.

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    Treibende Kräfte

    Im Januar 1919 sei es dann zu einem Aufstandsversuch gekommen, erklärte der Historiker, wobei die inzwischen gegründete KPD keine tragende Rolle spielte. „Revolutionäre Obleute“ aus Berliner Betrieben seien die treibende Kraft gewesen, laut Bollinger teilweise anarcho-syndikalistisch orientierte Kräfte aus der Gewerkschaftsopposition, ebenso weitere Angehörige des USPD. Sie hätten noch einmal versucht, die Massen der Berliner Bevölkerung gegen den Kurs der Mehrheits-SPD unter Ebert zu mobilisieren, zunächst mit Großdemonstrationen, schließlich mit der Besetzung des Berliner Zeitungsviertels. „Das wird dann als Anlass genommen, um massiv dagegen loszuschlagen.“

    Unterdessen seien aus Offizieren und Soldaten vor allem im brandenburgischen Zossen die Freikorps aufgebaut worden, wofür der MSPD-Volksbeauftragte Gustav Noske mit verantwortlich gewesen sei. Bollinger verwies ebenso auf die berüchtigte Garde-Kavallerie-Schützen-Division im Berliner Hotel „Eden“. Diese war beteiligt an der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts. Die Freikorps hätten mit dem Segen der sozialdemokratischen Regierung in der Folge in allen Revolutionszentren in Deutschland rücksichtslos und brutal „aufgeräumt“.

    Zahlreiche Revolutionsorte

    Neben Berlin sei die Revolution 1918 in Bayern und dessen Hauptstadt München „fast mustergültig und modellhaft“ abgelaufen, anfangs unterstützt von der Bauernschaft. Der dortige USPD-Ministerpräsident Kurt Eisner wurde im Februar 1919 ebenfalls ermordet. Eine ähnliche Entwicklung habe es in Bremen gegeben.

    Ein anderes Beispiel ist Thüringen, das in Folge der Novemberrevolution erst als politisch-administrative Einheit entstand, woran aber offiziell kaum erinnert wird. In dem ersten Freistaat in Deutschland habe „die sozialistische Arbeiterbewegung Ansätze zu einem linksrepublikanischen Reformprojekt auf Grundlage der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie“ entwickelt. So beschrieb der Historiker Mario Hesselbarth auf einer Veranstaltung im Jahr 2008 die Prozesse in Thüringen nach 1918. Doch sei der Thüringer Weg „von Beginn an auf den Widerstand eines nationalistischen und antirepublikanischen Bürgertums“ gestoßen.

    Blutige Erblast

    „Es ist eine Revolution mit überschaubarem Ergebnis gewesen“ schätzte Bollinger gegenüber Sputnik ein. Er hob die weitreichenden politischen Veränderungen in Folge der Novemberrevolution hervor: Die parlamentarische Demokratie wurde ebenso eingeführt wie das allgemeine Wahlrecht. „Das ist eine große Errungenschaft im Vergleich zu der Zeit vorher und ist nicht gering zu schätzen.“ Ebenso sei es zu sozialen und ökonomischen Veränderungen gekommen – allerdings oft als Zugeständnis seitens der weiter herrschenden Eliten, ergänzte der Historiker.

    Die blutige Konterrevolution 1919 mit weit über 1200 Opfern allein in Berlin gehen laut dem Historiker zu Lasten derer, die die alten Eliten gewähren ließen, deckten und sogar – wie MSPD-Führer Ebert und Genossen – unterstützten. Das sei eine „Erblast“, so Bollinger.

    Heutige Erkenntnisse

    „Wenn Massen unzufrieden werden, kann es leicht passieren, dass sie irgendwann einmal handeln.“ Das gehört für den Historiker bis heute zu den Lehren der Ereignisse vor 100 Jahren. Wenn Widerstand entsteht, sei die Frage, wer aus der Mitte der Massen oder den politischen Kräften heraus Ziele und Wege zeigt.

    „Die Erfahrung von 1918/19 ist, dass die Linke dazu nur bedingt in der Lage gewesen ist, weil sie selbst zerstritten und damit beschäftigt war, sich gegenseitig zu bekämpfen. Das hat sich überhaupt nicht geändert. Hinzu kommt, dass die demokratischen und sozialen Errungenschaften der Novemberrevolution auch heute wichtig und zu verteidigen sind.“

    Stefan Bollinger: „November ‘18 – Als die Revolution nach Deutschland kam“ Verlag edition ost, 2018. ISBN 978-3-360-01884-7; 256 Seiten; 14,99 Euro

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
    Tags:
    Geschichte, Krieg, Erster Weltkrieg, Novemberrevolution 1918, Oktoberrevolution 1917, Deutschland, Russland